Der Blick in den Spiegel

Predigt zu Römer 8,1 am Son­ntag, 01.11.2026 in der EMK Adliswil

Copy­right: Andrej Lisakov on unsplash.com

Liebe Gemeinde,

ich mag das Lied sehr, das wir ger­ade gesun­gen haben: «Herr, ich komme zu dir, und ich steh’ vor dir, so wie ich bin.» Es ist so ein gross­es Geschenk, dass wir uns vor Gott nicht zu ver­stellen brauchen. Ich darf sein, wer und wie ich bin. Das ist ander­er­seits aber auch nicht ganz leicht. — Vor Gott sein. Ohne Fas­sade. Ohne Schutz­panz­er. Wie wohl fühlen wir uns in unser­er Haut, wenn wir ganz ungeschminkt daste­hen? Man jede Falte, jede Narbe, jeden Fleck sieht?
Es ist wie beim mor­gendlichen Blick in den Spiegel: Was ist Dein erster Gedanke, wenn Du am Mor­gen Deinem Spiegel­bild in die Augen siehst? Wohl nur sel­ten etwas wie: «Guten Mor­gen, du wun­der­bares Geschöpf Gottes, schön, dass es dich gibt!» Viel eher meldet sich der innere Kri­tik­er, ein Kon­trol­lor­gan, mit spitzen Kom­mentaren: «Warum sitzen die Augen so tief in den Höhlen?» Oder: «Wie ist diese Frisur bloss zu ret­ten?» Vielle­icht auch: «Du hast schon wieder ein paar Pfunde zugelegt!» — Wenn es wenig­stens beim Äusserem bliebe! Doch wenn wir dem Spiegel­bild tief in die Augen schauen, taucht schnell auch anderes Gerüm­pel aus dem Unter­be­wussten auf. Alte Szenen: Ein ver­let­zen­der Satz, den wir jeman­dem an den Kopf gewor­fen haben und der uns jet­zt lei­d­tut. Eine vor fünf Jahren ver­passte Chance. Eine Lebensentschei­dung, die sich im Rück­blick als Sack­gasse ent­pup­pt hat.

„Der Blick in den Spiegel“ weit­er­lesen

Der Ballast im Gepäck — Warum wir Vergebung brauchen

Predigt zu Psalm 32,3–5 am Son­ntag, 25.10.2026 in der EMK Adliswil

Copy­right: erstellt mit Google Gemini

Liebe Gemeinde,

dieses Lied haben wir schon lange nicht mehr gesun­gen. Es läuft bei uns eher unter der Rubrik ‘aus der Väter Tagen’ und hat etwas Staub ange­set­zt. Weltweit aber, vor allem im englis­chsprachi­gen Raum, gehört es immer noch zu den bekan­ntesten Kirchen­liedern. Selb­st eher säku­lare Bands haben oft eine eigene Ver­sion im Reper­toire.«Wenn Friede mit Gott meine Seele durch­dringt, ob Stürme auch dro­hen von fern… Mir ist wohl in dem Her­rn.» Oder wie es im englis­chen Orig­i­nal heisst: «It is well with my soul!» Also: ‘Es ist gut mit mein­er Seele!’ — Wie wohl war ihnen beim Sin­gen von: «Die Last mein­er Sünde trug Jesus, das Lamm, und warf sie weit weg in die Fern’»? Da kön­nte sich ja auch der Gedanke melden: «Schön wär’s ja. Aber mein Ruck­sack fühlt sich ger­ade anders an. Er ist nicht weit weg. Son­dern hängt am Rück­en und zieht ordentlich runter.»

„Der Bal­last im Gepäck — Warum wir Verge­bung brauchen“ weit­er­lesen

ERST RECHT DANKEN — Wenn die Ernte nicht selbstverständlich ist

Predigt zu Lukas 17,11–19 am Son­ntag, 27.09.2026 (Erntedank­fest) in der EMK Adliswil

Liebe Gemeinde,

wir feiern Erntedank­fest. Ohne Erntedankaltar!? Nur ein Blu­men­strauss. – Ja, tat­säch­lich. Das ist kein Verse­hen. Nach diesem Som­mer der Extreme ein beschei­den­er Raum­schmuck angemessen. Diesen Herb­st ist eine reiche Ernte nicht selb­stver­ständlich.
Dazu kommt: Vielle­icht holt uns der fehlende Erntedankaltar auch etwas aus der Nos­tal­gie in die Wirk­lichkeit. Sind es wirk­lich Stall, Ack­er und Garten, wo wir die Haupternte ein­fahren? Es ist doch heute Mor­gen nie­mand von uns um 5 Uhr aufge­s­tanden, um die Kühe zu melken! Kein­er hat in den let­zten Wochen Getrei­de gedroschen. Keine mit bangem Blick auf die Hagel­wolken gehofft, dass die Reben ver­schont bleiben. Wir kriegen im Sihltal gar nicht mehr mit, was Bäuerin­nen und Bauern umtreibt. Früher haben wohl Höfe, Obst­gärten, Äck­er und Wei­den die Land­schaft geprägt. Doch heute ste­hen da Wohn­sied­lun­gen, Büros und Gewer­be­be­triebe. Wir holen unsere ‘Ernte’ im Coop oder in der Migros. Unser grösstes Risiko beste­ht in der Frage: Hat es um 18:30 Uhr noch Schweiz­er Bio-Rüe­bli, oder müssen wir auf die spanis­chen auswe­ichen? Mühe nehmen wir nicht beim Dreschen oder Pflü­gen auf uns. Die Han­dar­beit beschränkt sich darauf, den Bar­code an der Self-Check­out-Kasse richtig einzule­sen. Und Ärg­er gibt es höch­stens, wenn auf dem Bild­schirm die Mel­dung erscheint: ‘Bitte beim Ser­vi­ceper­son­al melden!’

„ERST RECHT DANKEN — Wenn die Ernte nicht selb­stver­ständlich ist“ weit­er­lesen

Stärke unseren Glauben!

Predigt zu Lukas 17,5–6 am Son­ntag, 13.09.2026 in der EMK Adliswil

Liebe Gemeinde,

«Ich glaube an Gott, den einen … Kün­stler, der die Ewigkeit weckt in mir … stark­er Geist und Atem des neuen Lebens.» (→ EMK GB Nr. 300) Ich glaube! Fest! Uner­schüt­ter­lich. Wenn das nur so wäre! Wenn mein Glaube stark wäre wie eine Wet­ter­tanne … sturmer­probt, dick­stäm­mig, durch nichts ins Wanken zu brin­gen!
Das wün­schte ich mir! Hätte ich einen starken Glauben, dann würde mich nicht jede Schreck­en­snachricht der Tagess­chau erschüt­tern. Dann wür­den Zweifel nicht nachts um mein Bett tanzen. Dann kön­nten Krankheits­be­funde, famil­iäre Span­nun­gen oder schlicht Erschöp­fung mich nicht so aus dem Gle­ichgewicht brin­gen. Am Son­ntag sin­gen wir: «Ich weiss, woran ich glaube – ich weiss, was fest beste­ht!» (→ EMK GB Nr. 304). Am Mon­tag­mor­gen im Geschäft oder am Küchen­tisch nur ein schiefer Blick, ein falsches Wort …. und keine Spur mehr von Glaubensstärke.

„Stärke unseren Glauben!“ weit­er­lesen

Lichtblick statt Sündenbock — Jesus beendet die Jagd nach Sündenböcken

Predigt zu Johannes 9,1–7 am Son­ntag, 06.09.2026 in der EMK Adliswil

Ali­son Astor­ga on unsplash.com

let­zten Son­ntag habe ich im Zug auf dem Weg nach Affoltern a.A. (→ Kanzeltausch) die ersten Nachricht­en darüber gele­sen, dass in Aarau am Rande ein­er Par­ty Schüsse gefall­en seien. Man wusste noch kaum etwas. Den­noch wucherten in den Kom­men­tarspal­ten schon Speku­la­tio­nen, Mei­n­un­gen und ver­meintliche Erk­lärun­gen: War es ein Amok­lauf? War es ein Atten­tat? Poli­tisch motiviert? Warum sagt die Polizei nichts? Was läuft da im Hin­ter­grund (→ Ver­schwörung?)? Wer ist schuld? Warum sind solche Par­tys bis in die Mor­gen­stun­den über­haupt erlaubt? Bei der Musik (Tech­no; es war eine Rave-Par­ty) müssen ja Leute durch­drehen ….
Es passiert immer wieder: Kaum wird ein Unglück, Gewalt oder eine Krise gemeldet, will die Öffentlichkeit wis­sen, warum und wieso. Wir wollen Erk­lärun­gen! Und vor allem: Wir wollen jeman­den, den wir dafür ver­ant­wortlich machen kön­nen. Einen Schuldigen. Einen Sün­den­bock. – Dieser Reflex steckt tief in uns Men­schen. Wir meinen: Wenn wir nur wis­sen, wer schuld ist, dann ist die Welt geord­net und wir haben das Leben wieder im Griff: Fall gelöst, Akte zu, Welt gerettet…
Unter­dessen ist der Täter von Aarau gefasst. Die Polizei beze­ich­net das Ereig­nis als Amok. Kein Ter­ror­is­mus also. Keine poli­tis­che Moti­va­tion. Son­dern es hat schlicht ein­er durchge­dreht… Das beruhigt nicht, erk­lärt nichts und ord­net wenig. Es bedeutet ja: Ein Restrisiko lässt sich nicht auss­chliessen. Es kann immer etwas passieren. Auch wenn alle alles richtig machen. Sog­ar bei uns. In der ver­meintlich heilen und sicheren Schweiz.

„Licht­blick statt Sün­den­bock — Jesus been­det die Jagd nach Sün­den­böck­en“ weit­er­lesen

Mutig, weil Christus in uns lebt

Predigt zu Galater 2,16–21 am Son­ntag, 23.08.2026 in der EMK Adliswil

Copy­right A.C. on unsplash.com

dieses Lied hat Ohrwurm-Poten­zial: „In dir ist mein Leben, in dir meine Stärke, in dir meine Hoff­nung, in dir, o Herr!“ Wie oft habe ich es schon mit­ge­sun­gen … und dann am So-Nach­mit­tag kaum mehr aus dem Kopf gebracht. Es ‘groovt’ halt (→ der Rhyth­mus reisst mir). Dazu die ein­fache Melodie und ein eingängiger Text: „In dir ist mein Leben, in dir meine Stärke.“
Freilich: So toll ein Lied auch sein mag. Als Ohrwurm kann es einem auf den Weck­er gehen. Dazu die Frage: Wo bleibt sie denn, diese Kraft bzw. Stärke? Wenn eine Her­aus­forderung auf mich wartet? Wenn der Feier­abend auf sich warten lässt? Oder wenn es am Mor­gen beim Auf­ste­hen da und dort im Kör­p­er zwickt und ich viel Anlauf brauche, bis ich nur zur Kaf­feemas­chine komme?
Vor zwei Wochen lautete das The­ma ‘mutig vor­wärts­ge­hen’: Wir kön­nen Schritte wagen, weil Chris­tus uns ergrif­f­en hat. Am let­zten Son­ntag ging es um Elia und darum, wie es nach ein­er grossen Krise bei und dank Gott neuen Mut gefun­den hat. Und heute heisst es nun: Mutig, weil Chris­tus in uns lebt. – Ich hat­te das gar nicht als Predigtrei­he geplant. Son­dern mich für die Predigt ein­fach wieder ein­mal auf Perikopen (→ im 6‑Jahres-Tur­nus vorgeschla­gene Predigt­texte für jeden Son­ntag). Den Zusam­men­hang ent­deck­te ich erst im Lauf der Predigtvorbereitungen.

„Mutig, weil Chris­tus in uns lebt“ weit­er­lesen

An Gottes Ladestation

Predigt zu 1. Könige 19,1–15 am Son­ntag, 16.08.2026 in der EMK Adliswil

Copy­right Daniel Lin­coln on unsplash.com

1Ahab erzählte Isebel alles, was Eli­ja getan hat­te – auch dass Eli­ja alle Propheten des Baal getötet hatte. 2Daraufhin schick­te Isebel einen Boten zu Eli­ja und dro­hte ihm: »Die Göt­ter sollen mir antun, was immer sie wollen, wenn ich deinem Leben nicht ein Ende set­ze! Mor­gen um diese Zeit soll es dir erge­hen wie den Propheten, die du getötet hast!« 3Da geri­et Eli­ja in große Angst. Er sprang auf und lief um sein Leben. So kam er nach Beer­sche­ba an die Gren­ze von Juda. Dort ließ er seinen Diener zurück. 4Er selb­st ging noch einen Tag lang weit­er – tiefer in die Wüste hinein. Dann set­zte er sich unter einen Gin­ster­strauch und wün­schte sich den Tod. »Es ist genug!«, sagte er. »Herr, nimm mir doch das Leben! Denn ich bin nicht bess­er als meine Vorfahren.«

Das gibt es. Wir ken­nen sie auch: Jene Momente, in denen die Lebensen­ergie reagiert wie ein alter Akku. Nach nur zehn Minuten Gespräch stürzt der Ladesta­tus von 80 Prozent direkt auf Null ab. Alle Energie ist auf ein­mal weg: „Es ist genug!“ Aus und vor­bei. Bild­schirm schwarz.

„An Gottes Ladesta­tion“ weit­er­lesen

Mutig vorwärts gehen

Predigt zu Philip­per 3,4b-14 am Son­ntag, 09.08.2026 in der EMK Adliswil

Liebe Gemeinde,

dem Schrift­steller Franz Kaf­ka wird das Bon­mot zugeschrieben: ‘Neue Wege entste­hen beim Gehen!’ Ein bekan­ntes Sprich­wort lautet: ‘Wer rastet, der ros­tet!’ Die welt­bekan­nte Whiskey-Marke John­nie Walk­er wirbt mit dem Slo­gan ‘Keep walk­ing’ (→ ‘Lass dich nicht aufhal­ten’ oder ‘Bleib in Bewe­gung’). Und der Sportar­tikel­her­steller Nike rät: ‘Just do it!’ (→ Mach es ein­fach!)
So dynamisch wie diese Beispiele klingt auch ein­er der Werte, die wir als BeVo für unseren Bezirk for­muliert haben: «Wir gehen mutig vor­wärts!» — Aber es ist halt so eine Sache mit diesen Slo­gans: Wie weit entsprechen sie der Wirk­lichkeit? Bzw. wie weit sind sie wom­öglich doch eher Wunschdenken?

„Mutig vor­wärts gehen“ weit­er­lesen

Gott sieht dich

Predigt zu Johannes 1,48 am Son­ntag, 12.07.2026 in der EMK Adliswil

Copy­right Pramod Tiware on unsplash.com

Liebe Gemeinde,

wie lange mag es her sein, dass Ihr dieses Lied zum let­zten Mal gesun­gen habt: «Weisst du, wie viel Stern­lein ste­hen …?» In meinem Kopf tauchen Bilder von der Son­ntagss­chule auf, in Win­terthur, noch im alten Lind. Es sind sich­er weit mehr als 50 Jahre ver­gan­gen sei­ther. Die Bilder verbinden sich mit einem Gefühl von Sicher­heit: Gott weiss. Gott zählt. Gott hat den Überblick und ver­liert ihn nicht. Damals für mich als Kind unbezweifel­bar wahr. Tröstlich. Fes­ter Boden unter den Füssen.
So sich­er war ich mir dessen sei­ther nicht immer. Es gab und gibt ja wider­sprüch­liche Erfahrun­gen. Fra­gen. Zweifel. Und damit Phasen im Leben, in denen die Sicher­heit schwindet. Das Ver­trauen sich aufzulösen dro­ht. Und die bange Frage bedrohlich wird: Hat Gott den Überblick doch nicht mehr? Oder das Inter­esse ver­loren? Oder mich gar vergessen?

„Gott sieht dich“ weit­er­lesen

No risk — no love

Predigt am Son­ntag, 28.06.2026 in der EMK Adliswil, nach der Mor­genbesin­nung von Pfr. Ste­fan Moll am 19.06.2026 an der JK CH — F — NA in Hubzenschwil

Liebe Gemeinde,

‘no risk – no love’ (→ ohne Risiko keine Liebe). Das diesjährige Kon­feren­zthe­ma ist abgeleit­et vom ver­bre­it­eten Slo­gan ‘no risk, no fun’ (→ ohne Risiko kein Spass). Dieser stammt übri­gens nicht, wie man ver­muten kön­nte, aus dem Englis­chen, son­dern ent­stand wohl im deutschsprachi­gen Raum. Es han­delt sich hier um eine ‘psdeu­do-englis­che For­mulierung (→ ‘denglisch’). In den USA oder GB wird ‘no risk, no fun’ kaum ver­standen (so wie dort auch nie­mand weiss, was ein Handy sein soll). Was damit bei uns gemeint ist, drückt man dort eher mit Reden­sarten aus, die etwa bedeuten: ‘Ohne Fleiss kein Preis’. Oder: ‘Wer nicht wagt, gewin­nt nicht’.
Es begann in den 80er- und 90er-Jahren. In der damals schnell wach­senden Skater‑, Snow­board- und Extrem­sport­szene waren englis­che Wortschöp­fun­gen sehr beliebt. ‘No risk, no fun’ brachte dort das Lebens­ge­fühl der Suche nach dem näch­sten Adren­a­lin­kick per­fekt zum Aus­druck. Wer­beagen­turen grif­f­en den Spruch dann auf, vor allem für die Ver­mark­tung von Pro­duk­ten an Jugendliche. Sie tat­en das so inten­siv, dass ‘no risk, no fun’ in den all­ge­meinen Sprachge­brauch überg­ing. Heute wird die For­mulierung oft auch gebraucht, um die Ein­sicht zu umschreiben: Wer weit­erkom­men will, muss seine Kom­fort­zone verlassen.

„No risk — no love“ weit­er­lesen