Ohne Berührungsangst

zu Markus 1,40–45

Coole Leute sind kon­taktfreudig. Dank den sozialen Medi­en ist es heute möglich, mit viel mehr Leuten zugle­ich Beziehun­gen zu pfle­gen. Allerd­ings bewegt man sich dabei oft vor allem unter Seines­glei­chen und damit in ein­er indi­vidu­ell abges­timmten Blase.

Hun­derte oder gar tausende dig­i­taler Fre­unde mögen Men­schen unser­er Zeit beein­druck­en. Jesus dage­gen würde solche Cool­ness wohl eher kri-tisch hin­ter­fra­gen: “Was ist denn schon Beson­deres daran, wenn ihr nur zu eures­gle­ichen fre­undlich seid?” (Mt 5,47). Vor allem, wenn  die Schar der dig­i­tal­en Fre­unde mit Be­rührungsängsten in analo­gen Begeg­nun­gen ein­herge­ht. Vielle­icht meine ich ja nur, ger­ade keine Zeit zu haben. Vielle­icht fürchte ich aber auch, in Pro­bleme hineinge­zo­gen zu wer­den oder ich scheue die Auseinan­der­set­zung mit anderen Mei­n­un­gen, anderen Kul­turen. Jeden­falls entwick­le ich im All­t­ag bisweilen Berührungsäng­ste, die mich Begeg­nun­gen ver­mei­den und viel ver­passen lassen.

Jesus war da offen­sichtlich ganz anders. Er wich keinem aus, der ihm über den Weg lief. Wo ger­ade streng­gläu­bige Leute lieber auf Dis­tanz blieben aus Sorge, von ein­er Krankheit, von ein­er bösen Gesin­nung oder von der Sünde angesteckt zu wer­den, da ging Jesus mit offe­nen Armen auf Men­schen zu. Beim Zöll­ner Zachäus, der für seine Ein­samkeit sich­er mitver­ant­wortlich war, lud er sich gle­ich sel­ber ein und genoss die Gemein­schaft mit einem, den alle anderen mieden wie die Pest (vgl. Lk 19,1–10). Frauen mit zweifel­haftem Ruf behan­delte er respek­tvoll und durch­brach ihre Äch­tung durch die Gesellschaft (vgl. Lk 7,36–50). Vor Men­schen, die von allen guten Geis­tern ver­lassen war, schreck­te Jesus nicht zurück, nicht ein­mal, wenn sie zu gefährlichen Gewal­taus­brüchen neigten (vgl. Mk 5,1–20). Nicht ein­mal von Aussätzi­gen, die damals aus gesund­heit­spoli­tis­chen Grün­den dazu verurteilt waren, alle anderen von sich scheuchen, liess sich Jesus nicht auf Dis­tanz hal­ten. Son­dern er umarmte sie (vgl. Markus 1,40–45).

Die Aussätzi­gen waren die Unberührbaren der dama­li­gen Zeit. Mit ihnen durfte man eigentlich um des Selb­stschutzes willen nichts zu tun haben. Doch Jesus set­zte sich darüber hin­weg. Er sah in ihnen die nach Nähe, nach Liebe, nach Gemein­schaft sich verzehren­den Men­schen und gab ihnen, was sie mehr als alles andere brauchten.

Markus 1,40–45 schildert die Heilung eines Aussätzi­gen durch Jesus. Beim Lesen fällt mir im Kom­men­tar von Bischof i.R. Wal­ter Klaiber[1] zu Vers 41 zweier­lei auf:

  • Mk beschreibt Jesu Reak­tion mit starken Worten. Eigentlich wäre angemessen zu for­mulieren: „Als Jesus den Aussätzi­gen sah, drehte sich im das Herz im Leibe um.“ – Ein Schlüs­sel zur gelebten Gnade Jesu war seine tief im Herzen ver­wurzelte Fähigkeit zum Erbar­men (wir wür­den heute vielle­icht von ‚Empathie‘ reden). Er war fähig, in seinem Gegenüber zuerst und vor allem den nach Begeg­nung, Beziehung, nach Umar­mung hungern­den Mit­men­schen zu sehen.
  • Zur Berührung schreibt Klaiber: „Dem Aus­ge­gren­zten streckt sich die Hand der Gemein­schaft ent­ge­gen, der Unberührbare wird von Jesus berührt. Nicht der Aus­satz macht unrein, son­dern Gottes heilige Gegen­wart in Jesu Berührung macht rein … Jesus vol­lzieht stel­lvertre­tend Gottes Willen, dass Aus­gestossene aufgenom­men und Aussätzige rein wer­den.“ – Mich fasziniert, wie Jesus hier das aus men­schlich­er Sicht Nor­male auf den Kopf stellt. Statt sich vor Ansteck­ung durch etwas Neg­a­tives zu fürcht­en ver­traut er darauf, dass die Gnade Gottes, die in ihm lebt, den Kranken ‚ansteckt‘ und heilt.

Wer immer die ‚Unberührbaren‘ unser­er Zeit sein mögen, wir haben wohl nicht ständig mit ihnen zu tun. Aber es wäre schon sehr viel gewon­nen, wenn es uns gelänge, unseren Näch­sten – das sind immer die Men­schen, mit denen wir ger­ade zu tun haben – nach Jesu Vor­bild zu begeg­nen. Das heisst, in ihnen zuerst und vor allem den Men­schen zu sehen, der sich nach echter Beziehung, nach Respekt, nach Ver­trauen, nach Angenom­men­sein sehnt. Wir kön­nen Mit­men­schen ohne Berührungsangst begeg­nen, im Ver­trauen darauf, dass das grosse Herz Gottes, das dank Chris­tus in uns lebt, ansteck­end und heil­sam wirkt. Dazu ermuntert uns Jesu Vor­bild. Und ja, natür­lich gilt das erst recht dann, wenn dieser Näch­ste ger­ade ein ange­blich ‚Unberührbar­er‘ sein sollte. Dazu sind wir ein­ge­laden und her­aus­ge­fordert, wenn wir die Gnade, von der wir sel­ber leben, nach Jesu Vor­bild für andere erleb­bar machen wollen.

Fragen und Gedankenanstösse:

  • Zur per­sön­lichen Umset­zung: Wen sollte ich heute — tat­säch­lich oder im über­tra­ge­nen Sinn — umarmen?
  • Zur Diskus­sion:  Aus­gren­zung kann nie christlich sein. Wer sich an Jesus ori­en­tiert, muss ler­nen, ‘Unberührbare’ zu umar­men (vgl. dazu das Buch von Miroslav Volf, von der Aus­gren­zung zur Umar­mung — Ver­söh­nung als Aus­druck christlich­er Identität).

[1] Wal­ter Klaiber, das Marku­se­van­geli­um, Neukirch­en­er Ver­lags­ge­sellschaft, Neukirchen-Vluyn, 2010 (Rei­he: Die Botschaft des Neuen Tes­ta­ments), S.53

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