Stolz auf meine Kirche?

zu 1. Thess. 1,2–10

Unsere Sicht auf die eigene Kirche und Ge­meinde ist oft prob­lem- oder defizitorien­tiert. Wir kön­nen gut benen­nen, was fehlt, was nicht so recht klappt und wo wir an Gren­zen stossen. — Selb­stkri­tik ist sich­er wichtig. Aber man kann es auch übertreiben. Und dann gräbt man der eige­nen Begei­ste­rung nicht nur für die Gemeinde, son­dern auch für den Glauben über­haupt, das Wass­er ab. Das muss nicht sein. Denn es gibt Gründe, ein stolz­er Methodist zu sein.

 Stolz?

Stolz gilt seit den Anfän­gen der Kirche als eine der sieben Tod­sün­den. Und selb­st wenn man davon abzuse­hen ver­mag, klingt Stolz in unser­er Sprache doch immer mehr oder weniger stark nach Über­he­blichkeit. Vielle­icht hängt es damit zusam­men, dass sich ein T‑Shirt mit der Auf­schrift ‘proud Methodist’ bei uns wohl schlecht verkaufen würde. Über­he­blichkeit oder Über­schwang beurteilen wir doch gerne ziem­lich kritisch.

Im Prak­tikum vor dem The­olo­gi­es­tudi­um mussten wir u.a. ein Büch­lein von A.Schütz mit dem Titel ‘wir lieben unsere Kirche’ lesen. Ich erin­nere mich an eine, wie ich damals fand, allzu unkri­tisch pos­i­tive Selb­st­darstel­lung. Ander­er­seits beein­druck­te mich die ungeschmink­te Begeis­terung für die eigene Kirche schon, die darin zum Aus­druck kam. Der Autor, selb­st EMK-Pfar­rer, war stolz auf seine Kirche. Und heute frage ich mich manch­mal, ob ich da nicht ein wenig von ihm ler­nen könnte.

Vielle­icht ist ‘Stolz’ im Deutschen kein gutes Wort dafür. Aber Dankbarkeit für die eigene Kirche und Gemeinde zu empfind­en und zu zeigen, kann so verkehrt ja nicht sein. Man darf auch das Poten­zial mal in den Fokus rück­en und von da her Pos­i­tives nicht nur sehen, son­dern sog­ar rüh­men. So macht es z.B. Paulus mit Blick auf die Gemeinde in Thessalonich.

Z.B. Paulus: Potenzial statt Grenzen sehen

Wer 1. Thess. 1,2–10 liest, gewin­nt den Ein­druck, dass damals in Thes­sa­lonich eine vitale und starke christliche Gemeinde gelebt haben müsse. Doch das täuscht wohl etwas. Als Paulus den Brief schrieb, gab es die Gemeinde noch gar nicht lange. Die Grün­dung war unter schwieri­gen, ja tur­bu­len­ten  Umstän­den (vgl. Apg 17,1–15) erfol­gt und die Chris­ten waren unter Druck. Der Fortbe­stand dieses Gemein­de­grün­dung­spro­jek­tes stand also noch auf sehr wack­li­gen Füssen stand. Den­noch war Paulus voll des Lobes und schrieb u.a.: «… über­all hat sich die Kunde von eurem Glauben an Gott ver­bre­it­et.» Vielle­icht war das über­trieben. Die Wirk­lichkeit dürfte beschei­den­er aus­ge­se­hen haben. Doch Paulus wollte ermuti­gen und hielt darum anerken­nend fest, wie engagiert die Chris­ten in Thes­sa­lonich Glaube, Liebe und Hoff­nung zu leben ver­sucht­en. Überzeugt, dass dies viel stärk­er wirk­te als sie selb­st wahrnah­men,  rühmte und ver­dank­te Paulus vor Gott deshalb eine weltweite Ausstrahlung der weni­gen Chris­ten in dieser Hafenstadt.

Wichtig war ihm das Poten­zial, das also, was aus einem kleinen Anfang noch wer­den kon­nte.  Mit dem Hin­weis darauf kon­nte er den Thes­sa­lonich­ern in ihrer Sit­u­a­tion den Rück­en stärken. Und der Gefahr von Über­he­blichkeit begeg­nete er dadurch, dass er let­ztlich nicht den Gemein­demit­gliedern dank­te, son­dern Gott lobte, der dieses Poten­zial in die Sit­u­a­tion schenkte.

Dankbar für die EMK
Grund­stein EMK Bülach

Wenn ich mir Paulus Per­spek­tive zu eigen mache und so auf die eigene Gemeinde und Kirche schaue, ent­decke ich: Es gibt viele Gründe, weswe­gen ich  dankbar und vielle­icht sog­ar auch ein wenig stolz bin auf die EMK. Dazu gehören:

  • In der EMK liegt der Schw­er­punkt nicht auf der kor­rekt for­mulierten Lehre, son­dern darauf, dass der Glaube konkrete Auswirkun­gen hat. Auf dem Grund­stein der EMK Bülach ste­ht das von John Wes­ley gewonnene Mot­to: «Glaube, der sich in Liebe betätigt.»
  • Die Bere­itschaft, über Kirchen- und Gemein­de­gren­zen hin­aus mit — wie John Wes­ley wohl sagen würde — ‘allen Men­schen guten Wil­lens’ zusam­men­zuar­beit­en zum Lob und zur Ehre Gottes.
  • Sehr viele engagierte Men­schen, die sich treu und aus­dauernd engagieren in der Gemeinde.
  • Die Gemein­schaft mit anderen Chris­ten, in der ich mich nicht ver­stellen muss, son­dern mit meinen Möglichkeit­en und Gren­zen akzep­tiert und respek­tiert werde.
  • Das aus­dauernde Gebet viel­er miteinan­der und füreinander.

Und was macht Dich dankbar, vielle­icht sog­ar ein wenig stolz für deine Gemeinde und Kirche?

Fragen und Gedankenanstösse:

  • Zur per­sön­lichen Umset­zung: Wofür bin ich dankbar im Blick auf meine Kirche und Gemeinde?
  • Zur Diskus­sion: Wie kann man ver­hin­dern, dass nötige Selb­stkri­tik nicht zur Selb­stzer­fleis­chung wird? Wie kann man ander­er­seits dafür sor­gen, dass dankbar­er Stolz nicht in Über­he­blichkeit kippt?

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