GASTBEITRAG: Das Gute tun

Pho­to by Annie Spratt on Unsplash

von Pfr. Christoph Schluep, Regen­bo­genkirche EMK Zürich 2

Bibel­text: Markus-Evan­geli­um, Kapitel 3

Jesus besucht eine Syn­a­goge, in der auch ein Mann mit ein­er Läh­mung sitzt. Alle wis­sen, dass er ihn heilen kann — wird er es auch tun, obwohl doch Sab-bat ist? 

Markus 3,1 Jesus ging wieder in die Syn­a­goge. Und dort war ein­er mit ein­er ver-küm­merten Hand. 2 Und sie beobachteten ihn genau, ob er ihn am Sab­bat heilen würde, um ihn ankla­gen zu kön­nen. 3 Und er sagt zu dem Men­schen mit der ver-küm­merten Hand: Steh auf, tritt in die Mitte!  4 Und er sagt zu ihnen: Ist es er-laubt, am Sab­bat Gutes zu tun oder Bös­es zu tun, Leben zu ret­ten oder zu ver-nicht­en? Sie aber schwiegen.  5 Und voller Zorn schaut er sie einen nach dem andern an, betrübt über die Ver­stock­theit ihres Herzens, und sagt zu dem Men-schen: Streck deine Hand aus! Und der streck­te sie aus — und seine Hand wurde wieder­hergestellt.  6 Da gin­gen die Phar­isäer hin­aus und fassten zusam­men mit den Hero­di­an­ern sogle­ich den Beschluss, ihn umzubrin­gen.

Jesus heilt, obwohl er nicht hätte heilen müssen. Eine gelähmte Hand kann auch bis zum näch­sten Tag warten, und das Geset­zt schreibt ger­ade auch in solchen Fällen ganz genau vor, was eilt und was warten muss. Zum Beispiel eben so ein Fall. Jesus bricht bewusst das Gesetz, und er tut es, weil er weiss, dass sie ihm eine Fall stellen. Er mag nicht den angepassten Rab­bi spie­len, wenn die Gelehrten da sind, und den Rev­oluzzer, wenn keine Gefahr dro­ht. Er ist authen­tisch, auch wenn er sich damit wissentlich in Gefahr bringt. 

Der Kern­satz dieser Geschichte ist Vers 4: Ist es erlaubt, am Sab­bat Gutes zu tun oder Bös­es zu tun, Leben zu ret­ten oder zu ver­nicht­en?  Natür­lich darf man nur Gutes tun, mehr noch: Gutes muss man immer tun, nicht nur am Sab-bat. Jesus geht einen Schritt weit­er: Gutes tun heisst: Leben ret­ten. Hier wird es heikel: Ret­tet er dem Mann das Leben? Wegen sein­er ver­dor­rten Hand wird er nicht sogle­ich ster­ben. Jesus aber dop­pelt nach: Leben nicht zu ret­ten heisst eben auch, Leben zu ver­nicht­en. Diese Steigerung vom Guten zum Leben ret­ten zum Leben ver­nicht­en hat eine innere Logik. Ja, Jesus hat recht, wenn man kon­se­quent wei­t­er­denkt, dann hiesse die Unter­las­sung der Heilung nichts anderes, als das Leben des Mannes zu verder­ben. Das sehen auch die Schrift­gelehrten ein, und darum schweigen sie. Aber muss man immer so radikal denken? Ist alles, was Jesus tut, immer Leben ret­ten oder Leben ver­nicht­en? Geht es nicht etwas dif­feren­ziert­er, etwas neu­traler, etwas weniger emo­tion­al? Etwas schweiz­erisch­er? Dann kön­nte man das Gesetz befol­gen und den Kranken erst mor­gen heilen. 

Und Jesus schmettert ihnen ent­ge­gen: Nein, eben nicht! Das Gute, das Le-ben, die Ret­tung ist so wichtig, dass sie keinen Auf­schub erduldet. Der Mann wartet seit Jahren auf Heilung, und jet­zt ist Jesus da, die erste und vielle­icht einzige Gele­gen­heit für den Kranken. Mor­gen ist Jesus nicht mehr da. Das Gute aufzuschieben und lieber das Gesetz etwas genauer zu befol-gen, das ist jet­zt eben nicht mehr nur pedan­tisch, jet­zt ist es Zer­störung des Lebens. Denn jet­zt gilt: Das Reich Gottes ist nah, es ist da, es wartet nicht mehr, bis wir alles erfüllt, uns um alles geküm­mert, allen Even­tu­al­itäten gerecht gewor­den sind. Es ist dynamisch, es wartet nicht auf die Ver­schla-fenen. Es macht dynamisch, dass das, was bish­er schön langsam und gemütlich und immer­gle­ich funk­tion­iert hat, nicht mehr gilt. Ent-wed­er, sagt Jesus, ihr entschei­det euch für das Leben, oder ihr bleibt, wo ihr seid. Näm­lich im Tod.

Wir haben schon ein paar Mal von der Dynamik des Reich­es Gottes gehört, und hier wird sie anhand ein­er Wun­der­heilung auf den Punkt gebracht: Sie bringt das Leben, alles andere ist der Tod. Und man kann, bess­er noch: man muss sich dafür entschei­den, oder man bleibt gle­ichgültig und ver­passt sie. Jesus ist in der Tat ein Radikaler, er macht keine hal­ben Sachen, und er for-dert mit dieser Entschei­dung uns alle immer wieder her­aus. Gerne bleiben wir bei dem, was erlaubt oder ver­boten ist. Im Strassen­verkehr (hal­ten bei rot), bei der Arbeit (um 0800 am Schreibtisch oder in der Werk­statt sein, dann ist der Lohn auch garantiert), in der Beziehung (treu bleiben, nicht fremdge­hen) und in der Kirche (laut sin­gen und beten ja, eksta­tisch in Zun­gen beten mit Schaum vor dem Mund eher nein). Das gibt uns Sicher­heit, denn wir wis­sen, so funk­tion­iert es. Und alles bleibt beim Alten. Nicht immer alles muss anders wer­den, in Krisen­zeit­en sowieso nicht. 

Jesus aber will weg vom Erlaubten und Ver­bote­nen, hin zum Gebote­nen: Was ist das Gebot der Stunde? Was tun, jet­zt, da das Reich Gottes da ist? Wie han­deln, jet­zt, wenn wir uns vorstellen, Jesus ste­ht neben uns? Oder auf den Punkt gebracht: Was dient dem Leben? Was entspricht der Liebe? Im Fall des Kranken in der Syn­a­goge ist es die Heilung und nicht die Vertrös­tung auf mor­gen. Das ist die Jesus-Krise: Du musst dich immer wieder neu ent-schei­den, was genau jet­zt richtig ist. Jet­zt, weil jet­zt nicht die Zeit der Ab-wesen­heit Gottes ist, son­dern ger­ade umgekehrt die sein­er Gegenwart. 

Jet­zt ist Coro­na-Zeit. Jet­zt muss sich alles diesem einen Prob­lem unterord-nen. Coro­na bringt den Tod, und Krisen­man­age­ment will das ver­hin­dern. Das ist gut und recht. Aber jet­zt ist nicht nur Coro­na-Zeit. Jet­zt ist die Zeit des Reich­es Gottes. Ger­ade weil die Sit­u­a­tion jet­zt so zuge­spitzt ist, fällt es uns vielle­icht leichter, der Panik vor Coro­na etwas anderes ent­ge­gen­zu-stellen. Entschei­de ich mich für das Reich Gottes, das Jesus mit sich bringt, in dem vieles möglich ist und ganz neue Bewe­gung entste­ht, oder entschei-de ich mich für die Angst? Für das Leben oder für den Tod? 

Das ist, wie damals, etwas vere­in­facht, etwas radikal, etwas undif­feren­ziert. Ist es deswe­gen falsch? Kann ich mich von der Coro­na-Krise erfassen las-sen und auch noch ein biss­chen Jesus im Herzen haben? Oder ist ger­ade jet­zt eine Entschei­dung gefragt, die radikal auf das Leben und die Liebe set­zt? Wo du auf Jesus set­zt, ist Coro­na noch nicht ver­schwun­den. Aber die Frage, worauf dein Leben beruht, ist entschieden. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.