GASTBEITRAG: Das Kleine hat grosses Potenzial

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von Pfr. Christoph Schluep, Regen­bo­genkirche EMK Zürich 2

Bibel­text: Markus-Evan­geli­um, Kapitel 4

Die heutige Med­i­ta­tion nimmt das 4. Kapi­tel in den Blick: Es ist eine Zusam­men­stel­lung von Gle­ich­nis­sen, von denen wir das let­zte genauer anschauen: 

30 Jesus sprach: Wie sollen wir das Reich Gottes abbilden? In welchem Gle­ich­nis sollen wir es darstellen? 31 Es ist wie ein Sen­fko­rn, das kle­in­ste unter allen Samenkörn­ern auf Erden, das in die Erde gesät wird. 32 Ist es gesät, geht es auf und wird gröss­er als alle anderen Gewächse und treibt so grosse Zweige, dass in seinem Schat­ten die Vögel des Him­mels nis­ten kön­nen. 33 Und in vie­len solchen Gle­ich­nis­sen sagte er ihnen das Wort, so wie sie es zu hören ver­mocht­en. 34 Anders als im Gle­ich­nis redete er nicht zu ihnen; war er aber mit seinen Jüngern allein, löste er ihnen alles auf

Gle­ich­nisse sind eine der Lieblings­for­men der Rede Jesu. Es sind kurze All­t­ags­geschicht­en, anhand der­er er das Wesen der Gottesh­errschaft, seines eige­nen Wirkens und seines Auf­trags zu verdeut­lichen ver­sucht. Diese Geschicht­en sind für alle Hörer*innen ver­ständlich, denn sie erzählen von Din­gen und Ereignis­sen, die allen bekan­nt sind: säen und ern­ten, suchen und find­en, schulden und vergeben, lieben, ver­lieren und sich wiederfind­en. Ger­ade weil die Gle­ich­nisse so grund­sät­zliche Lebensvol­lzüge ansprechen, sind sie so gut ver­ständlich für jed­er­mann. Und dazu kommt: Sie erzählen von Erfahrun­gen, die alle ken­nen, sie lassen also Sait­en in der Seele anklin­gen, die zwar all­ge­me­ingültig sind (wer ken­nt die Liebe nicht?), trotz­dem aber sehr per­sön­lich (jede*r liebt auf seine ganz eigene Weise). Und so wird das Reich Gottes ver­bun­den mit exis­ten­tiellen Erfahrun­gen und dringt ganz tief und ele­men­tar in die Seele ein. Das Reich Gottes ist keine the­ol­o­gis­che The­o­rie oder ein Konzept, es ist eine Erfahrung. Auch in der Sprach­form des Gle­ich­niss­es zeigt sich die Dynamik des Reich­es Gottes: Es zwingt sich den Men­schen nicht auf, es ist keine logis­che Erk­lärung, aber es berührt den Men­schen indi­vidu­ell und bewegt ihn. Wer kön­nte sich der vergeben­den Liebe des Vaters entziehen, der den Sohn wieder aufn­immt? In der seel­is­chen Bewe­gung des Gle­ich­niss­es ereignet sich die Dynamik des Reich­es Gottes. 


Das Gle­ich­nis vom Sen­fko­rn nimmt die ele­mentare Erfahrung vom Poten­zial des Kleinen auf: Vieles von dem, was unschein­bar und unwichtig erscheint, hat das Poten­zial, gross und gewichtig zu wer­den. Wie das Sen­fko­rn, das sehr klein ist, wenn es gesät wird, aber doch zu ein­er Pflanze wird, die so gross ist, dass sog­ar die Vögel darin nis­ten. Was gross ist für Gott, wirkt für uns Men­schen oft unschein­bar. Das Reich Gottes, das an einem ein­samen und kleinen Ort in der Welt seinen Anfang nahm, wird eines Tages alle Men­schen und alle Völk­er zusammenführen. 


Damit ist nicht gemeint, das alles Kleine und Unschein­bare eines Tages gröss­er und bess­er als alles andere wird. Damit wäre nichts gewon­nen: Statt des einen ist nun ein­fach das andere mächtig. Vielmehr geht es darum, auf das messende Beurteilen und Abwä­gen zu verzicht­en und darauf zu ver­trauen, dass Gottes Massstäbe ganz anders sind als die unseren. Gott macht zu seinem Werkzeug, was er will und was er brauchen kann. Er lässt sich nicht durch Grösse oder Macht ein­schüchtern, son­dern führt sein Vorhaben aus, wie er es will. Wenn er eine neue Welt ver­spricht, dann wird es dieses Ver­sprechen ein­hal­ten, auch wenn es zur Zeit Jesu in kein­er Weise so aussieht, als ob diese Welt näch­stens kom­men werde.

Es ist ja auch heute nicht so, als wären wir dieser neuen Welt grosse Schritte näher gekom­men. Die Kirche und die Glauben­den müssen sich immer wieder dage­gen vertei­di­gen, dass Gott nicht sicht­bar ist in dieser Welt, dass im Gegen­teil all das Elend  beweist, dass es Gott gar nicht gibt — oder dass ihm unser Geschick egal ist. Weltlich stimmt das: Gott lässt sich nicht beweisen, vieles spricht gegen ihn. Aber da sind diese Körn­er, die ein Poten­zial haben, das ganze Welt­geschehen auf den Kopf zu stellen. Die ver­trauensvolle Liebe eines Paares, das gegen alle Wider­stände zueinan­der ste­ht, ist die Ure­n­ergie allen guten Lebens. Verge­bung nach einem wüsten Stre­it und der gemein­same Wun­sch, die Zukun­ft bess­er zu gestal­ten, sind die Über­win­dung von allen Kriegen. Rück­sicht auf die Schwachen der Gesellschaft und die Schuldigen, die sich jeglichen Kred­it ver­spielt haben, ist die soziale Konko­r­danz, die die poli­tis­chen Parteien nie erre­ichen wer­den. Hier liegt die Dynamik des Reich­es Gottes, und wenn du bei den Beispie­len eben inner­lich genickt hast, weil auch du die alles über­windende Energie der Liebe kennst, dann hat das Reich Gottes durch das Gle­ich­nis des Sen­fko­rns an dir gearbeitet.

Die näch­ste Erzäh­lung nach diesem Gle­ich­nis ist die Stil­lung des Seesturms:  

35 Und Jesus sagt zu ihnen am Abend dieses Tages: Lasst uns ans andere Ufer fahren. 36 Und sie liessen das Volk gehen und nah­men ihn, wie er war, im Boot mit. Auch andere Boote waren bei ihm.  37 Da erhob sich ein heftiger Sturmwind, und die Wellen schlu­gen ins Boot, und das Boot hat­te sich schon mit Wass­er gefüllt. 38 Er aber lag schlafend hin­ten im Boot auf dem Kissen. Und sie weck­en ihn und sagen zu ihm: Meis­ter, küm­mert es dich nicht, dass wir unterge­hen?  39 Da stand er auf, schrie den Wind an und sprach zum See: Schweig, ver­s­tumme! Und der Wind legte sich, und es trat eine grosse Wind­stille ein.  40 Und er sagte zu ihnen: Was seid ihr so furcht­sam? Habt ihr noch keinen Glauben?  41 Und sie geri­eten in grosse Furcht, und sie sagten zueinan­der: Wer ist denn dieser, dass ihm selb­st Wind und Wellen gehorchen?

Wer Jesus wegen sein­er Gle­ich­nisse als Träumer oder Fan­tas­ten oder Schönred­ner zu ent­lar­ven meinte, wird eines besseren belehrt: Das kleine, leise, unauf­dringliche Wort Jesu, das jed­erzeit niedergeschrien wer­den kann (und bald auch — schein­bar — für immer ver­s­tummt wird), wird zum Macht­wort, das einen wüten­den Sturm zum Schweigen zwingt. Eine klarere Illus­tra­tion der Dynamik des Reich­es Gottes hätte Jesus gar nicht geben können. 

Vielle­icht machst du dich auf und suchst die Zeichen und Samenkörn­er, die Jesus über­all und in jedes Leben streut. Ich bin gewiss, dass auch du solche Körn­er kennst und erlebt hast — und auch, wie aus Körn­ern grosse Bäume wer­den, tief ver­wurzelt in der Liebe Gottes, mit bre­it­en, ein­laden­den Ästen und Frücht­en, von denen viele andere sich ernähren. Und wenn jet­zt, wo alles anders ist, deine Hoff­nung und dein Glauben klein und unschein­bar gewor­den sind, weil dich die Ungewis­sheit und das zahlre­ichen Ster­ben so mit­nehmen, dann betrübe dich nicht: Auch kleine Hoff­nung und geringer Glaube trägt die Ver­heis­sung des ganzen, grossen und umwälzen­den Rei-ches Gottes in sich.

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