GASTBEITRAG: Das Kleine hat grosses Potenzial

Pho­to by Ni­su­da Nir­man­tha on Unsplash

von Pfr. Chris­toph Schluep, Re­gen­bo­gen­kir­che EMK Zü­rich 2

Bi­bel­text: Mar­kus-Evan­ge­li­um, Ka­pitel 4

Die heu­ti­ge Me­di­ta­ti­on nimmt das 4. Ka­pi­tel in den Blick: Es ist ei­ne Zu­sam­men­stel­lung von Gleich­nis­sen, von de­nen wir das letz­te ge­nau­er an­schau­en: 

30 Je­sus sprach: Wie sol­len wir das Reich Got­tes ab­bil­den? In wel­chem Gleich­nis sol­len wir es dar­stel­len? 31 Es ist wie ein Senf­korn, das kleins­te un­ter al­len Sa­men­kör­nern auf Er­den, das in die Er­de ge­sät wird. 32 Ist es ge­sät, geht es auf und wird grös­ser als al­le an­de­ren Ge­wäch­se und treibt so gros­se Zwei­ge, dass in sei­nem Schat­ten die Vö­gel des Him­mels nis­ten kön­nen. 33 Und in vie­len sol­chen Gleich­nis­sen sag­te er ih­nen das Wort, so wie sie es zu hö­ren ver­moch­ten. 34 An­ders als im Gleich­nis re­de­te er nicht zu ih­nen; war er aber mit sei­nen Jün­gern al­lein, lös­te er ih­nen al­les auf

Gleich­nis­se sind ei­ne der Lieb­lings­for­men der Re­de Je­su. Es sind kur­ze All­tags­ge­schich­ten, an­hand de­rer er das We­sen der Got­tes­herr­schaft, sei­nes ei­ge­nen Wir­kens und sei­nes Auf­trags zu ver­deut­li­chen ver­sucht. Die­se Ge­schich­ten sind für al­le Hörer*innen ver­ständ­lich, denn sie er­zäh­len von Din­gen und Er­eig­nis­sen, die al­len be­kannt sind: sä­en und ern­ten, su­chen und fin­den, schul­den und ver­ge­ben, lie­ben, ver­lie­ren und sich wie­der­fin­den. Ge­ra­de weil die Gleich­nis­se so grund­sätz­li­che Le­bens­voll­zü­ge an­spre­chen, sind sie so gut ver­ständ­lich für je­der­mann. Und da­zu kommt: Sie er­zäh­len von Er­fah­run­gen, die al­le ken­nen, sie las­sen al­so Sai­ten in der See­le an­klin­gen, die zwar all­ge­mein­gül­tig sind (wer kennt die Lie­be nicht?), trotz­dem aber sehr per­sön­lich (jede*r liebt auf sei­ne ganz ei­ge­ne Wei­se). Und so wird das Reich Got­tes ver­bun­den mit exis­ten­ti­el­len Er­fah­run­gen und dringt ganz tief und ele­men­tar in die See­le ein. Das Reich Got­tes ist kei­ne theo­lo­gi­sche Theo­rie oder ein Kon­zept, es ist ei­ne Er­fah­rung. Auch in der Sprach­form des Gleich­nis­ses zeigt sich die Dy­na­mik des Rei­ches Got­tes: Es zwingt sich den Men­schen nicht auf, es ist kei­ne lo­gi­sche Er­klä­rung, aber es be­rührt den Men­schen in­di­vi­du­ell und be­wegt ihn. Wer könn­te sich der ver­ge­ben­den Lie­be des Va­ters ent­zie­hen, der den Sohn wie­der auf­nimmt? In der see­li­schen Be­we­gung des Gleich­nis­ses er­eig­net sich die Dy­na­mik des Rei­ches Got­tes. 


Das Gleich­nis vom Senf­korn nimmt die ele­men­ta­re Er­fah­rung vom Po­ten­zi­al des Klei­nen auf: Vie­les von dem, was un­schein­bar und un­wich­tig er­scheint, hat das Po­ten­zi­al, gross und ge­wich­tig zu wer­den. Wie das Senf­korn, das sehr klein ist, wenn es ge­sät wird, aber doch zu ei­ner Pflan­ze wird, die so gross ist, dass so­gar die Vö­gel dar­in nis­ten. Was gross ist für Gott, wirkt für uns Men­schen oft un­schein­bar. Das Reich Got­tes, das an ei­nem ein­sa­men und klei­nen Ort in der Welt sei­nen An­fang nahm, wird ei­nes Ta­ges al­le Men­schen und al­le Völ­ker zu­sam­men­füh­ren. 


Da­mit ist nicht ge­meint, das al­les Klei­ne und Un­schein­ba­re ei­nes Ta­ges grös­ser und bes­ser als al­les an­de­re wird. Da­mit wä­re nichts ge­won­nen: Statt des ei­nen ist nun ein­fach das an­de­re mäch­tig. Viel­mehr geht es dar­um, auf das mes­sen­de Be­ur­tei­len und Ab­wä­gen zu ver­zich­ten und dar­auf zu ver­trau­en, dass Got­tes Mass­stä­be ganz an­ders sind als die un­se­ren. Gott macht zu sei­nem Werk­zeug, was er will und was er brau­chen kann. Er lässt sich nicht durch Grös­se oder Macht ein­schüch­tern, son­dern führt sein Vor­ha­ben aus, wie er es will. Wenn er ei­ne neue Welt ver­spricht, dann wird es die­ses Ver­spre­chen ein­hal­ten, auch wenn es zur Zeit Je­su in kei­ner Wei­se so aus­sieht, als ob die­se Welt nächs­tens kom­men wer­de.

Es ist ja auch heu­te nicht so, als wä­ren wir die­ser neu­en Welt gros­se Schrit­te nä­her ge­kom­men. Die Kir­che und die Glau­ben­den müs­sen sich im­mer wie­der da­ge­gen ver­tei­di­gen, dass Gott nicht sicht­bar ist in die­ser Welt, dass im Ge­gen­teil all das Elend  be­weist, dass es Gott gar nicht gibt — oder dass ihm un­ser Ge­schick egal ist. Welt­lich stimmt das: Gott lässt sich nicht be­wei­sen, vie­les spricht ge­gen ihn. Aber da sind die­se Kör­ner, die ein Po­ten­zi­al ha­ben, das gan­ze Welt­ge­sche­hen auf den Kopf zu stel­len. Die ver­trau­ens­vol­le Lie­be ei­nes Paa­res, das ge­gen al­le Wi­der­stän­de zu­ein­an­der steht, ist die Ur­ener­gie al­len gu­ten Le­bens. Ver­ge­bung nach ei­nem wüs­ten Streit und der ge­mein­sa­me Wunsch, die Zu­kunft bes­ser zu ge­stal­ten, sind die Über­win­dung von al­len Krie­gen. Rück­sicht auf die Schwa­chen der Ge­sell­schaft und die Schul­di­gen, die sich jeg­li­chen Kre­dit ver­spielt ha­ben, ist die so­zia­le Kon­kor­danz, die die po­li­ti­schen Par­tei­en nie er­rei­chen wer­den. Hier liegt die Dy­na­mik des Rei­ches Got­tes, und wenn du bei den Bei­spie­len eben in­ner­lich ge­nickt hast, weil auch du die al­les über­win­den­de En­er­gie der Lie­be kennst, dann hat das Reich Got­tes durch das Gleich­nis des Senf­korns an dir ge­ar­bei­tet.

Die nächs­te Er­zäh­lung nach die­sem Gleich­nis ist die Stil­lung des See­sturms:  

35 Und Je­sus sagt zu ih­nen am Abend die­ses Ta­ges: Lasst uns ans an­de­re Ufer fah­ren. 36 Und sie lies­sen das Volk ge­hen und nah­men ihn, wie er war, im Boot mit. Auch an­de­re Boo­te wa­ren bei ihm.  37 Da er­hob sich ein hef­ti­ger Sturm­wind, und die Wel­len schlu­gen ins Boot, und das Boot hat­te sich schon mit Was­ser ge­füllt. 38 Er aber lag schla­fend hin­ten im Boot auf dem Kis­sen. Und sie we­cken ihn und sa­gen zu ihm: Meis­ter, küm­mert es dich nicht, dass wir un­ter­ge­hen?  39 Da stand er auf, schrie den Wind an und sprach zum See: Schweig, ver­stum­me! Und der Wind leg­te sich, und es trat ei­ne gros­se Wind­stil­le ein.  40 Und er sag­te zu ih­nen: Was seid ihr so furcht­sam? Habt ihr noch kei­nen Glau­ben?  41 Und sie ge­rie­ten in gros­se Furcht, und sie sag­ten zu­ein­an­der: Wer ist denn die­ser, dass ihm selbst Wind und Wel­len ge­hor­chen?

Wer Je­sus we­gen sei­ner Gleich­nis­se als Träu­mer oder Fan­tas­ten oder Schön­red­ner zu ent­lar­ven mein­te, wird ei­nes bes­se­ren be­lehrt: Das klei­ne, lei­se, un­auf­dring­li­che Wort Je­su, das je­der­zeit nie­der­ge­schrien wer­den kann (und bald auch — schein­bar — für im­mer ver­stummt wird), wird zum Macht­wort, das ei­nen wü­ten­den Sturm zum Schwei­gen zwingt. Ei­ne kla­re­re Il­lus­tra­ti­on der Dy­na­mik des Rei­ches Got­tes hät­te Je­sus gar nicht ge­ben kön­nen. 

Viel­leicht machst du dich auf und suchst die Zei­chen und Sa­men­kör­ner, die Je­sus über­all und in je­des Le­ben streut. Ich bin ge­wiss, dass auch du sol­che Kör­ner kennst und er­lebt hast — und auch, wie aus Kör­nern gros­se Bäu­me wer­den, tief ver­wur­zelt in der Lie­be Got­tes, mit brei­ten, ein­la­den­den Äs­ten und Früch­ten, von de­nen vie­le an­de­re sich er­näh­ren. Und wenn jetzt, wo al­les an­ders ist, dei­ne Hoff­nung und dein Glau­ben klein und un­schein­bar ge­wor­den sind, weil dich die Un­ge­wiss­heit und das zahl­rei­chen Ster­ben so mit­neh­men, dann be­trü­be dich nicht: Auch klei­ne Hoff­nung und ge­rin­ger Glau­be trägt die Ver­heis­sung des gan­zen, gros­sen und um­wäl­zen­den Rei-ches Got­tes in sich.

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