Für wen lebe ich?

Pho­to by Kier­an Os­born on Unsplash

Bi­bel­text: Rö­mer 14,7–8

‘Dank’ Co­ro­na be­kom­men wir in die­sen Wo­chen vor­ge­führt, wie sehr wir da­zu nei­gen, die Be­dürf­nis­se des In­di­vi­du­ums zu Las­ten der Ge­mein­schaft zu be­to­nen. Dar­um fällt es uns al­les an­de­re als leicht, zu Guns­ten der Ge­mein­schaft auf in­di­vi­du­el­le Frei­hei­ten zu ver­zich­ten. Wir sind schon ziem­lich selbst­ver­liebt. Wie oft wird zum aus­schlag­ge­ben­den Argument:„Hauptsache, es stimmt für mich!“, ganz un­ab­hän­gig da­von, was ge­ra­de zur De­bat­te steht! — Na­tür­lich ist das nicht nur schlecht. Es gab Zei­ten, in de­nen die Be­dürf­nis­se der ein­zel­nen Men­schen zu we­nig be­ach­tet wur­den und vie­le un­ter die Rä­der ka­men. Aber zur Zeit schlägt das Pen­del wohl eher auf die an­de­re Sei­te aus. — Da klingt dann doch ziem­lich fremt, was Pau­lus in Rö­mer 14,7–8 schreibt: „Denn un­ser kei­ner lebt sich sel­ber, und kei­ner stirbt sich sel­ber. Le­ben wir, so le­ben wir dem Herrn; ster­ben wir, so ster­ben wir dem Herrn. Dar­um: wir le­ben oder ster­ben, so sind wir des Herrn.“

Zu­nächst weh­re ich mich beim Le­sen: Spie­len mei­ne Be­dürf­nis­se denn gar kei­ne Rol­le? Und was ist mit mei­nen Träu­men? Muss ich al­les los­las­sen, mich selbst ganz ver­ges­sen, ja ver­leug­nen? Kann ich das über­haupt? Und falls ja: Ist es gesund?

Ich weiss nicht, ob Pau­lus sol­che Fra­gen über­haupt ver­ste­hen wür­de. Falls ja, dann wür­de er mir wohl von sei­nem Le­ben er­zäh­len. Da­von, wie er lan­ge Jah­re ganz sei­ne Sicht von Gott und Glau­ben in den Vor­der­grund stell­te. Er wür­de mir er­zäh­len, dass er über­zeugt war, sich ganz auf Gott aus­zu­rich­ten. Er merk­te gar nicht, dass es nicht Got­tes, son­dern sei­ne ei­ge­ne Sa­che war, die er so eif­rig be­trieb. Selbst als sei­ne Lei­den­schaft ihn da­zu brach­te, An­ders­gläu­bi­ge zu ver­fol­gen, blieb er über­zeugt, das Rich­ti­ge zu tun. Dass er da­mit nicht nur an­de­re in Angst und Schre­cken ver­setz­te, son­dern auch sich selbst scha­de­te, fiel ihm nicht auf. Es brauch­te schon Chris­tus selbst, der sich ihm in den Weg stell­te. Er zeig­te ihm: Du lebst nicht für Gott. Er ist an­ders, als Du meinst. Du lebst nur für Dich! Du ori­en­tierst Dich nur an Dei­nen Ideen und Prin­zi­pi­en. Du ver­folgst Chris­tus! Und du schliesst Dich da­mit selbst aus vom Le­ben, das er schenkt. – Glück­lich und zu­frie­den wirst Du auf die­sem Weg nicht. Son­dern in Dir wächst Hass auf An­de­re und An­de­res. Die­ser Hass wird dich letzt­lich auf­fres­sen. Dar­um keh­re um. Lass Dei­ne Ideen los. Lass dich auf Got­tes Ideen ein.

So oder ähn­lich könn­te Pau­lus zu mir re­den, wenn ich mei­ne Zwei­fel an der Rich­tig­keit sei­ner For­mu­lie­rung äus­se­re: «Denn un­ser kei­ner lebt sich sel­ber, und kei­ner stirbt sich sel­ber. Le­ben wir, so le­ben wir dem Herrn; ster­ben wir, so ster­ben wir dem Herrn. Dar­um: wir le­ben oder ster­ben, so sind wir des Herrn.»

Und dann, so stel­le ich mir vor, wür­de Pau­lus vom Ge­heim­nis des Glau­bens zu re­den be­gin­nen. Das Ge­heim­nis be­steht dar­in, dass ich über­haupt nicht zu kurz kom­me, wenn ich für Chris­tus und nicht für mich le­be. Ge­ra­de da, wo ich ganz von mir ab­se­he, wo ich mei­ne Ideen, Träu­me und Prin­zi­pi­en zu­rück­las­se und mich ganz auf Chris­tus aus­rich­te, wer­den mei­ne Be­dürf­nis­se ge­stillt und viel­leicht so­gar Träu­me in un­ge­ahn­ter Wei­se wahr. Je­sus bringt es so auf den Punkt: «Trach­tet zu­erst nach dem Reich Got­tes und nach sei­ner Ge­rech­tig­keit, so wird euch das al­les zu­fal­len.» (vgl. Mt 6,33) – Nicht mir sel­ber zu le­ben und zu ster­ben, son­dern mich für das Reich Got­tes zu en­ga­gie­ren, ver­heisst letzt­lich ge­ra­de auch mir sel­ber Gewinn.

(Die­ser Bei­trag ba­siert auf ei­nem ‘Wort zum Tag’, das am 4. Au­gust 2018 bei ERF Plus über den Sen­der ging.)

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