GASTBEITRAG: Was ist eigentlich Gottesdienst?

Pho­to by Ra­chel on Unsplash

von Pfr. Ste­fan Zür­cher, Di­strikts­vor­ste­her EMK Nordwest

Bi­bel­tex­te: Rö­mer 12,1; Deu­te­ro­no­mi­um 12,12f; Psalm 146,7ff

Got­tes­dienst um­fasst das gan­ze Leben

Pau­lus meint mit Got­tes­dienst nicht un­se­re Sonn­tags­got­tes­diens­te. Was aber dann? Ge­hen wir Schritt für Schritt dem Vers aus Röm 12,1 ent­lang!
„Brü­der und Schwes­tern“: Die Schwes­tern sind hier selbst­ver­ständ­lich mit­an­ge­spro­chen. Das grie­chi­sche Wort für Bru­der kann in der Mehr­zahl wie hier auch Ge­schwis­ter heis­sen.
„bei der Barm­her­zig­keit Got­tes“: Pau­lus ist sich be­wusst: Der An­spruch, den er an die Ge­mein­de­glie­der in Rom for­mu­liert, ist hoch. Und er ist sich auch be­wusst: Ein­fach Er­mah­nen oder Be­feh­len nützt we­nig oder nichts. Erst recht, zu­mal sie ihn ja noch gar nicht ken­nen, und ihm ja nur das Mit­tel des Brie­fes zur Ver­fü­gung steht. Al­so, dar­aus wür­de nichts. Aber wenn es ge­lingt, den Hö­re­rIn­nen – der Brief wur­de vor­ge­le­sen – vor Au­gen zu füh­ren, wie barm­her­zig Gott ist, wie über­reich Gott uns be­schenkt… Wer sich dar­an er­in­nert, wie barm­her­zig Gott ihm/ihr be­geg­net ist, wird er/sie nicht von Her­zen gern tun, was gut ist und Gott ge­fällt? Ein­fach aus Dank­bar­keit?
Dar­um „bei der Barm­her­zig­keit Got­tes“.
Das hat bei sei­nen Hö­re­rIn­nen so­fort vie­le As­so­zia­tio­nen ge­weckt. Den ei­nen ka­men viel­leicht Psal­men in den Sinn, z.B. Psalm 146: Den Un­ter­drück­ten
ver­schafft er Recht, den Hun­gern­den gibt er Brot. Der Herr be­freit die Ge­fan­ge­nen, der Herr öff­net die Au­gen der Blin­den, der Herr rich­tet Ge­beug­te auf… Der Herr be­hü­tet die Frem­den, Wai­sen und Wit­wen stärkt und er­hält er.
(Ps 146,7ff)
An­de­re dach­ten an Je­sus und wie er die Ge­schich­te vom barm­her­zi­gen Sa­ma­ri­ter (Lk 10,25ff) er­zählt, aber nicht nur mit Wor­ten, son­dern mit sei­nem gan­zen Le­ben. In all sei­nen Be­geg­nun­gen hat er den Men­schen Got­tes Barm­her­zig­keit ge­zeigt.
Drit­ten gin­gen Aus­sa­gen aus den Ka­pi­teln 1–11 des Rö­mer­brie­fes durch den Kopf: Got­tes Gna­de be­siegt die Macht der Sün­de und des To­des; sei­ne Lie­be ist in un­se­re Her­zen aus­ge­gos­sen; Gott hört un­ser Kla­gen und Seh­nen nach Frei­heit – ge­ra­de in die­sen Wo­chen –, aber auch je­nes der gan­zen Schöp­fung und ver­spricht Be­frei­ung; Got­tes steht un­ver­brüch­lich zu sei­nem Volk Is­ra­el.
Wei­te­re ha­ben viel­leicht die stau­nen­den Wor­te des Pau­lus un­mit­tel­bar vor un­se­rem Vers im Ohr und stim­men dank­bar mit ein: „Wie un­er­schöpf­lich ist doch der Reich­tum Got­tes, wie tief sei­ne Weis­heit und Er­kennt­nis! Wie un­er­gründ­lich sind sei­ne Ent­schei­dun­gen und wie un­er­forsch­lich sei­ne We­ge!“(Röm 11,33)
Weckt das nicht Er­in­ne­run­gen auch an dei­ne Ge­schich­te mit Gott? Wie barm­her­zig Gott dir be­geg­net ist in dei­nem bis­he­ri­gen Le­ben? Und weckt dies nicht den Wunsch, mit die­sem Gott zu le­ben und so zu le­ben, wie es ihm ge­fällt?
„ich bit­te euch“: Jetzt, nach­dem Pau­lus uns ge­zeigt hat, wie gross Got­tes Er­bar­men mit die­ser Welt ist, mahnt er zu ent­spre­chen­dem Han­deln. Man spürt es rich­tig: Er bit­tet in­stän­dig, von gan­zem Her­zen, ein­dring­lich. Es ist sein in­ners­te Wunsch:
„Stellt eu­er gan­zes Le­ben” – wört­lich ‚Kör­per‘ – “Gott zur Ver­fü­gung“: Mit un­se­rem Kör­per han­deln wir, kom­mu­ni­zie­ren wir mit an­de­ren, er macht ei­nen we­sent­li­chen Teil un­se­rer Iden­ti­tät aus. Gott die­nen ist nicht nur ei­ne Sa­che des Geis­tes oder der See­le, son­dern eben auch des Kör­pers. Ge­meint ist al­so: ‚Gebt euch selbst hin, seid für ihn da mit Leib und Le­ben‘. Gott will uns selbst, nicht un­se­re Ga­ben.
„Es soll wie ein le­ben­di­ges, hei­li­ges Op­fer sein, das ihm ge­fällt“: Das ist uns fremd: Op­fer, op­fern. Und so­wie­so, seit Je­su Op­fer­tod am Kreuz fragt Gott doch nicht mehr nach Op­fern! Den da­ma­li­gen Men­schen je­doch, auch den Chris­ten, war die­se Be­griff­lich­keit ge­läu­fig, – und an sie ist die­ser Brief ja ge­rich­tet. Op­fer be­deu­tet für sie: selbst­ver­ständ­li­che Le­bens­ge­mein­schaft mit Gott. Die Er­fah­rung von Got­tes gros­ser Barm­her­zig­keit macht mich so dank­bar, da will ich doch mit Leib und Le­ben, mit al­lem, was ich bin und ha­be, für ihn da sein – als le­ben­di­ges Op­fer.
Es geht al­so eben ge­ra­de nicht um Op­fer to­ter Tie­re, son­dern um le­ben­di­ge Op­fer. Schon im Al­ten Tes­ta­ment fin­den wir auch die­ses Op­fer­ver­ständ­nis: Nicht blu­ti­ge Op­fer, son­dern Dank­op­fer (Ps 50,14f); nicht Schlacht- und
Brand­op­fer, son­dern Treue und Got­tes­er­kennt­nis (Hos 6,6).
Auch nicht ge­meint ist ein krampf­haf­tes Sich-Auf­op­fern, son­dern ein Le­ben mit Gott, das sich ihm ganz zur Ver­fü­gung stellt. Schön be­schrie­ben ist das in Dtn 10,12f (EÜ): „Und nun, Is­ra­el, was for­dert der HERR, dein Gott, von dir au­ßer dem ei­nen: dass du den HERRN, dei­nen Gott, fürch­test, in­dem du auf al­len sei­nen We­gen gehst, ihn liebst und dem HERRN, dei­nem Gott, mit gan­zem Her­zen und mit gan­zer See­le dienst; dass du ihn fürch­test, in­dem du die Ge­bo­te des HERRN und sei­ne Sat­zun­gen be­wahrst, auf die ich dich heu­te ver­pflich­te. Dann wird es dir gut ge­hen.“
So zu le­ben, sagt Pau­lus, ist ei­gent­lich nur lo­gisch und ver­nünf­tig: „Das wä­re für euch die ver­nünf­ti­ge Art, Gott zu die­nen“, schreibt er. ‚Das ist der wah­re, ei­gent­li­che Got­tes­dienst‘, die rich­ti­ge Art, Gott zu su­chen, mit ihm in Ver­bin­dung zu tre­ten und zu blei­ben. Das ist kei­ne Kri­tik an den Zu­sam­men­künf­ten der Ge­mein­de, die wir heu­te als Got­tes­dienst be­zeich­nen.
Aber für Pau­lus ist das gan­ze Le­ben, das wir mit Gott und in sei­nem Auf­trag
le­ben, Got­tes­dienst. Er bit­tet uns, den All­tag in der Welt, das sonn­täg­li­che und werk­täg­li­che Le­ben als Got­tes­dienst zu ge­stal­ten.
Und jetzt, den­ke ich, ver­ste­hen wir, war­um Pau­lus in un­se­rer ak­tu­el­len Si­tua­ti­on sa­gen wür­de: Der Got­tes­dienst ist nicht ab­ge­sagt! Er war nie ab­ge­sagt und kann auch von kei­ner Be­hör­de ab­ge­sagt wer­den. Eben, weil Got­tes­dienst das gan­ze Le­ben um­fasst, das Le­ben am Sonn­tag und am Werk­tag, das pri­va­te und das öf­fent­li­che Le­ben, das Le­ben als Ein­zel­ne und das ge­mein­sa­me Leben.

Got­tes­dienst als Lebensstil

So Gott die­nen, un­ab­läs­sig, vom Sonn­tag bis Sams­tag das Le­ben als Got­tes­dienst ge­stal­ten – das ist ein Hal­tung, ein Le­bens­stil. Wie geht
das? Mich dünkt, was John Wes­ley – viel­leicht die wich­tigs­te Grün­der­fi­gur der me­tho­dis­ti­schen Be­we­gung – ein­mal zum Ge­bet schrieb, kön­nen wir auch auf den wah­ren, all­täg­li­chen Got­tes­dienst über­tra­gen. Wes­ley schrieb: „Al­les ist Ge­bet [– oder eben Got­tes­dienst–], wenn wir kein an­de­res Ziel ha­ben als [Got­tes] Lie­be und das Ver­lan­gen, ihn zu er­freu­en. Al­les, was ein Christ tut, auch Es­sen und Schla­fen, ist Ge­bet, wenn es in Schlicht­heit nach der Wei­sung Got­tes ge­tan wird […]. Das Ge­bet dau­ert als Sehn­sucht im Her­zen fort, auch wenn der Ver­stand auf äu­ße­re Din­ge ge­rich­tet ist. In See­len, die mit Lie­be ge­füllt sind, ist das Ver­lan­gen, Gott zu er­freu­en, ein un­ab­läs­si­ges Ge­bet.“
Gott in sei­ner Barm­her­zig­keit hat sei­ne Lie­be in un­se­re Her­zen aus­ge­gos­sen. Die­se ver­wan­deln­de Lie­be, schreibt Wes­ley, weckt das Ver­lan­gen, Gott von gan­zem Her­zen, mit gan­zer Hin­ga­be, mit gan­zem Ver­stand und mit al­ler Kraft zu die­nen und sei­nem Wil­len ge­mäss zu le­ben. Al­les, was wir aus die­ser Hal­tung her­aus tun, ist Got­tes­dienst!
Und jetzt se­hen wir: Da geht es um un­ser all­täg­li­ches Le­ben mit all sei­nen Her­aus­for­de­run­gen in Fa­mi­lie, Be­zie­hun­gen, Be­ruf, Ge­mein­de, Frei­zeit. Es geht um un­ser Den­ken, Re­den und Tun: Was den­ken wir über an­de­re? Wie re­den wir mit­ein­an­der? Was tun wir, was nicht, und wie tun wir es? Es geht um nichts
an­de­res als um ge­leb­te Got­tes- und Nächs­ten­lie­be. Wer aus der Lie­be Got­tes her­aus denkt, re­det und han­delt, der/die dient Gott. Gibt es dann noch ei­nen Mo­ment, in dem un­ser Le­ben nicht Got­tes­dienst sein kann?
Der wah­re Got­tes­dienst meint al­so die Art, als Christ zu sein und zu le­ben, ei­ne Hal­tung, die uns als gan­ze Per­son aus­macht und un­sern All­tag durch­dringt und prägt, ja noch tie­fer: das We­sen ei­ner Per­son, das be­stän­dig un­ser Den­ken, Re­den, Ver­hal­ten und Tun be­stimmt.
Wie wer­den wir zu so ei­ner Gott die­nen­den Per­son? Durch ei­nen le­bens­lan­gen Formungs(Heiligungs-)prozess: da­bei sind an­de­re Men­schen wich­tig, das Um­feld, in dem wir le­ben, und na­tür­lich vor al­lem auch die Be­geg­nun­gen mit Gott, in de­nen wir sei­ne barm­her­zi­ge, ver­wan­deln­de Lie­be er­fah­ren. Und das er­hof­fen wir uns doch, wenn wir die Gna­den­mit­tel ge­brau­chen, al­so wenn wir be­ten – mit­ein­an­der oder für uns al­lein –, wenn wir die Bi­bel le­sen und auf sein Wort hö­ren, wenn wir als Ge­mein­de in un­se­ren Ka­pel­len zu­sam­men­kom­men und Abend­mahl fei­ern, wenn wir für­ein­an­der da sind und ein­an­der Gu­tes tun. Wir er­hof­fen, dass Gott uns be­geg­net und mit sei­ner Lie­be er­füllt, uns in sei­ne Ge­mein­schaft zieht, uns heilt, er­neu­ert, ver­wan­delt und so uns und un­se­re gan­ze Per­son, un­ser We­sen formt.
Und die­ses so ge­präg­te We­sen formt jetzt un­ser Le­bens­wei­se: die Art und Wei­se, wie wir den­ken, re­den, uns ver­hal­ten; wie wir mit­ein­an­der um­ge­hen; wie wir un­se­re Ver­ant­wor­tung und Auf­ga­ben in der Ar­beits­welt und der Ge­sell­schaft wahr­neh­men; wie wir mit den Res­sour­cen der Schöp­fung um­ge­hen; aber auch, wie wir un­se­re Be­zie­hung zu Gott pfle­gen. Kurz, wie wir im all­täg­li­chen Le­ben Gott die­nen.
Zu­sam­men­ge­fasst: Got­tes­dienst ist ein von Got­tes Lie­be ge­stal­te­ter Le­bens­stil, der un­ser Den­ken, Re­den, Ver­hal­ten und Tun prägt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.