GASTBEITRAG: Der Esel

Pho­to by Er­wan Hes­ry on Unsplash

von Pfr. Ro­bert Seitz; die­ser Text stammt aus dem Buch ‘das Le­ben um­ar­men’

Da drü­ben, in un­se­rer Nach­bar­schaft,
trot­tet in sei­nem Ge­he­ge ein grau­brau­ner Esel her­um.
Flo­ri­an, heisst er.

Manch­mal steht er ein­fach mi­nu­ten­lang da auf
sei­nen vier Bei­nen. Ist er ein Phi­lo­soph un­ter den
Tie­ren? Phi­lo­so­phiert er gar über uns zwei­bei­ni­ge
We­sen jen­seits des Git­ters?
Manch­mal hebt er lang­sam sei­nen Kopf in
Rich­tung Him­mel und lässt sei­nen be­rühm­ten
Esels­schrei los. Sei­ne gros­sen dunk­len Au­gen, sei­ne
gan­ze Hal­tung er­we­cken den Ein­druck, er sei trau­rig.
Aber die Kin­der fin­den ihn lus­tig und her­zig,
so wie eben viel Trau­ri­ges auf die­ser Welt, weil es
sei­ne äus­se­re Ge­stalt hat, als lus­tig an­ge­se­hen wird.
Auf je­den Fall hat der Esel in der Nach­bar­schaft
un­se­re Sym­pa­thie. Er ist uns so­gar sym­pa­thi­scher
als ge­wis­se Men­schen. Ei­ni­ge der Vor­über­ge­hen­den
ver­su­chen ihn ans Git­ter zu lo­cken. Sie strei­cheln ihn
durch die Ma­schen. An­de­re brin­gen ihm har­tes Brot.
Und sie re­den mit ihm, wie sie schon lan­ge mit
kei­nem Men­schen mehr ge­re­det ha­ben.
Und klei­nen Kin­dern wird er als lie­bens­wür­di­ge
At­trak­ti­on vor­ge­führt. Aber, wenn den glei­chen
Men­schen je­mand sagt:
Du bist ein Esel, dann sind sie be­lei­digt,
dann fin­den sie das nicht her­zig und lie­bens­wür­dig.
Je­de und je­der von uns denkt of­fen­bar, er oder sie
sei eben kein Esel. Es ist aber ge­ra­de zu ei­ne
Be­lei­di­gung für ei­nen wirk­li­chen Esel, wenn
ein Mensch kein Esel sein will.

Und es ist ei­ne noch grös­se­re Be­lei­di­gung für ihn,
wenn wir von ei­nem Men­schen sa­gen, er sei ein Esel.
Gibt es doch Men­schen, die be­neh­men sich viel
schlim­mer als Esel. Men­schen sind manch­mal
Un­men­schen, aber ha­ben sie schon ein­mal ei­nen
Un-esel ge­se­hen? Wir se­hen, un­se­re Be­zie­hung zu
die­sem strup­pig grau­brau­nen, lang­oh­ri­gen Fell­we­sen
ist ge­spal­ten.
Das hängt mit sei­nen Ei­gen­schaf­ten zu­sam­men.
In ei­nem Le­xi­kon wird der Esel so be­schrie­ben:
Der pa­las­ti­nen­si­sche Esel ist kräf­tig ge­baut, die Hit­ze
ge­wohnt und lebt von Dis­teln; die Form sei­ner Hu­fe gibt
ihm sei­ne Tritt­si­cher­heit; schliess­lich ist er äus­serst Kos­ten
spa­rend im Un­ter­halt.

Sei­ne ein­zi­gen Feh­ler sind Ei­gen­sinn und Träg­heit.
In Wahr­heit aber sind Ei­gen­sinn und Träg­heit nicht
nur Feh­ler: Hät­te man je Esel für Kriegs­zwe­cke
ge­brau­chen kön­nen?
Könn­te man je auf ei­nem Esel er­ho­be­nen Haup­tes
da­her rei­ten? Könn­te man je auf ei­nem Esel das
Tem­po ver­herr­li­chen? oder Zi­ga­ret­ten­re­kla­men,
die­sen geis­ti­gen Son­der­müll, ma­chen?
Könn­te man ihn ein­fach für al­les, was der Mensch
will, dres­sie­ren, zu ihm sa­gen: sitz schön brav?
Nein, das kann man, dem lie­ben Gott und sei­nem
Esel sei Dank, nicht! Und wer von uns ist denn
äus­serst Kos­ten spa­rend im Un­ter­halt?
Wir se­hen, es ist ei­ne Eh­re für uns, wenn je­mand
zu uns sagt:
Du bist ein Esel.

Ein Gedanke zu „GASTBEITRAG: Der Esel“

  1. So herz­er­fri­schend, herz­li­chen Dank.
    Soll­te ich je­mals als blö­de Kuh be­zeich­net wer­den, ma­che ich dar­auf auf­merk­sam, dass ich lie­ber ein Esel, ei­ne Ese­lin sein möch­te! Ei­gen­sin­nig, bo­ckig, stör­risch, die­se Ei­gen­schaf­ten sind mir nicht ganz un­be­kannt!!!!!😜

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.