Der Christ im feuerfesten Anzug

Pho­to by Tobias Rehbein on Unsplash

zu Apos­telgeschichte 2,1–13

Am kom­menden Son­ntag feiern wir Pfin­g­sten. Da geht es darum, dass wir  uns begeis­tern lassen für Gott, dass wir ‘Feuer und Flamme’ wer­den für sein Evan­geli­um, dass sein Heiliger Geist uns erfüllt und belebt. Als Jesu Jünger das erst­mals erlebten, erschienen Feuer­flam­men auf ihnen. So erzählt es jeden­falls Lk in der Apos­telgeschichte. — Die Frage ist immer wieder, ob wir zulassen, dass Gottes Feuer uns packt.
Dazu bin ich auf einen ural­ten und doch noch ganz aktuellen Text gestossen. Er stammt aus der Fed­er von Fer­di­nand Sigg, damals Redak­tor der Zeitschrift Evan­ge­list, später Bischof der Methodis­tenkirche. Erst­mals erschienen ist der Artikel übri­gens 1954:

Da stand an der Muster­messe ein Mann, das heißt, eine Puppe, eingek­lei­det in einen Asbestanzug mit einem feuer­festen Helm, vorne mit einem Fen­ster­lein — was weiß ich, zur Rauch­bekämp­fung oder so etwas. Er war ja nicht nach meinen Bedürfnis­sen und nicht aus mein­er «Bran­che». In Erin­nerung blieb er mir nur, weil mein Beglei­ter so scherzweise im Vor­beige­hen meinte: «So sitzen viele Leute in der Kirche!» Das Bild blieb haften: Der Christ im feuer­festen Anzug in der Kirche!
Mein Begleit­er war ein Laie. Ein Kirchgänger unter Kirchgängern. So hat­te er eigentlich seine eigene Kate­gorie, die Hör­er ange­grif­f­en. Ich finde das nett, weil es ja, so landläu­fig gemessen, doch wohl in den Augen der Leute an den Predi­gern fehlt. Und das sei gle­ich hinzu­gefügt: Manche Verkündi­ger tra­gen auch einen Asbest-Anzug, so daß man, wie das Volk sagt, «nicht an sie her­ankommt». Unter ihnen sind solche, die es ganz her­zlich gut meinen, auf Amts­dünkel gar nichts geben, und den­noch in einem Anzug steck­en, der den Wind, das Feuer, den Staub der Welt, in der die Gemein­deglieder leben müssen, fern hält. Haben nicht die vield­isku­tierten Arbeit­er­priester diese Tren­nwand zu durch­brechen ver­sucht, um als «Heilige» im Uberkleid vom Evan­geli­um, vom Er­löser zu reden? Und das Ganze ist an tausend kleinen Din­gen und an zwei, drei großen, undisku­tier­baren Stei­nen des Anstoßes zu Fall gekom­men! Ganz so ein­fach ist es für den Predi­ger des Evan­geli­ums nicht, aus seinem Amt­sanzug, aus sein­er Welt her­auszukom­men, in die ihn ja auch wieder Tra­di­tion, Gemein­deansprüche, mißver­ständliche Auf­fas­sung davon, was ein Seel­sorg­er sei, im­mer wieder pressen!
Aber da stand also der »feuer­feste» Laie an der Muster­messe, ein Sinnbild für gewisse Kirchgänger. Was wol­len sie denn in der Kirche? Dort­sein. Män­ner sind ja sowieso nicht allzu­viele dort. Schade. Die Kirche von heute hat ja dem Mann viel zu sagen. So welt­fremd ist die Verkündi­gung nicht. Man muß ja immer wieder bedenken, daß das Evan­geli­um mit seinem Geist von oben auch bei bester und mod­ern­ster Ausle­gung dem von der Straße herk­om­menden Hör­er als unmöglich, als «harte Rede», wie sich die Jünger aus­drück­ten, vorkom­men muß.
Aber da ist also der Mann im «feuer­festen Anzug» in der Kirche. Er ist da. Auch Frauen und junge Mäd­chen sind in solchen «feuer­festen» Klei­dern in den Kirchen­bänken. Der Helm trägt ein Fen­sterchen, so daß man et­was sieht, denn in der Kirche gibt es immer etwas zu sehen! Aber man will offen­bar das Feuer nicht. Man will nicht ergrif­f­en sein von diesem Feuer. Man ist da. Aber wenn es in der Gemeinde zu bren­nen anfan­gen würde, so müßte sich ja vom Kirchen­vor­stand bis zu den einzel­nen Chris­ten auf der hin­ter­sten Bank etwas ändern. Man kön­nte nicht mehr fra­gen, wie «man» es während zehn, zwanzig Jahren gemacht habe, son­dern man müßte fra­gen: «Was will das Feuer?» Gar leicht ist die starre Form: «Das haben wir noch nie gemacht!» — «So etwas brin­gen Sie in unser­er Gemeinde nicht durch!» — «Wenn das geän­dert wird, haben Sie mich gese­hen! » — gar leicht sind also solche Sprüche der Asbestanzug, in den man sich und die ganze Gemeinde hüllt. Sitzt man dann gelegent­lich beisam­men und spricht davon, daß die Gemein­den darunter seufzen wür­den, daß keine Erweck­ungszeit sei, so hört man schnell, allzuschnell das Wort von der Ebbe und von der Flut, das Wort von den sieben fet­ten und den sieben mageren Jahren. Diese Erk­lärung hat aber nur dann Gütigkeit, wenn wir alles getan haben. Und das haben wir nicht! Da wären einige Asbestanzüge auszuzie­hen; Seel­sorg­er und Gemein­deglieder hät­ten es nötig, sie auszuziehen und schon vor Pfin­g­sten, nicht erst dann, wenn das Kirchen­jahr es befiehlt, zu rufen:
Ach daß doch bald dein Feuer bren­nte!
Und dieses Feuer wäre eben nicht zu bekämpfen, son­dern anzunehmen, damit wir alle anders wür­den.
Wann willst du sagen: Bei mir muß etwas anders wer­den? Wann willst du anfan­gen, ohne Asbestanzug in die Kirche zu kommen?

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