Himmlische Aussichten (Gute Nachricht II)

Predigt vom 18.01.2026 in der EMK Adliswil zu Offen­barung 21,1–7 u.a.

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Liebe Gemeinde,

am Feier­abend vor dem TV: Du schaust einen schö­nen Film. Oder eine inter­es­sante Doku­men­ta­tion. Oder eine span­nende Sportüber­tra­gung. Da leuchtet plöt­zlich unten ein grelles rotes Band auf. Von links wan­dert ein Text ins Bild, der begin­nt mit ‚Break­ing News’. ‘Nine-eleven‘ war wohl das erste Ereig­nis, bei dem ich das wahrnahm. Immer­hin bald 25 Jahre her. Sei­ther immer wieder: Wegen des grossen Tsunamis; Krieg in Nahost, Krieg in der Ukraine, Katas­tro­phen … immer wieder: Break­ing News. Ich zucke inner­lich zusam­men, wenn ich das Schrift­band sehe. Denn gute Nachricht­en sind es ja nie, die so ver­bre­it­et wer­den. In ein­er Welt voller Break­ing News sind die Aus­sicht­en trübe!

Das wäre mal was, wenn Break­ing News mal gute Aus­sicht­en bieten böten! Wenn himm­lis­che Aus­sicht­en eröffnet wür­den! So wie es alle bish­er im Gottes­di­enst gehörten Bibel­texte tun. Lesen wir die mal als Break­ing News:

  • Psalm 126: Unser Mund wird voll Lachens sein und unsere Zunge voll Rüh­mens. Wir wer­den uns freuen, weil Gott Gross­es an uns getan hat?
  • Jesa­ja meldet: Sie machen ihre Schw­ert­er zu Pflugscharen. Alle Welt ori­en­tiert sich am Gott Israels, sucht bei ihm Rat und Weisung. Das ist die Grund­lage für Frieden. Abrüs­tung, nicht nur in den Kaser­nen, son­dern in den Herzen.
  • Paulus holt diese himm­lis­che Aus­sicht in den All­t­ag. Er ver­schweigt die Belas­tun­gen nicht, das Älter­w­er­den, das Zer­brechen. Doch er sagt: „Wir ver­lieren nicht den Mut?“ – Warum? Weil unser Blick über das Sicht­bare hin­aus­ge­ht. Weil, was Gott bere­it hält, gröss­er und stärk­er ist als alles, was uns belastet.
  • Schliesslich in der Offen­barung das Schluss­wort zur men­schlichen Geschichte:  Siehe, ich mache alles neu!“ Keine Trä­nen mehr. Kein Leid. Kein Schmerz. Und Gott wohnt zusam­men mit seinen Menschen.

So klin­gen Break­ing News der Bibel. Good News. Um nicht zu sagen: Best News. Nur: Stim­men sie? D.h. sind sie real­is­tisch? Sind es nicht ‚nur‘ Utopi­en? Wer sie für bare Münze nimmt, muss sich heute wohl Vor­würfe gefall­en lassen: Das sei Flucht aus der Real­ität in eine heile Welt, die mit unser­er Wirk­lichkeit nichts zu tun habe.
Ja, die Aus­sicht­en wären himm­lisch, wenn man sich buch­stäblich darauf ver­lassen kön­nte: Schw­ert­er, die zu Ack­erg­eräten wer­den; Über­win­dung alles Bösen und allen Schmerzes; Grund zu über­schwänglich­er Freude, zu hem­mungslosem Lachen dank Gott. — Aber unsere Aus­sicht­en sind doch irdisch, d.h. eigentlich unterirdisch schlecht: Z.B. die neusten Kli­ma­dat­en. 2025 war zwar ‚nur‘ das drit­twärm­ste Jahr (nach 2024 und 2023), aber das 1.5‑Grad-Ziel lässt sich nicht mehr hal­ten. Oder: Krieg und Gewalt tri­um­phieren rund um den Globus. Skru­pel­lose Machthaber säen Chaos, um so noch schneller noch reich­er und mächtiger zu werden ….

Was für Aus­sicht­en haben wir? Woher sollen himm­lis­che Aus­sicht­en kom­men? — Die Bibel ist trotzig. Sie malt unbeir­rbar himm­lis­che Gegen­bilder zu unser­er Wirk­lichkeit. Zugegeben: Vieles davon ist wirk­lich (noch) unsicht­bar. In unser­er Welt kaum zu verorten. – Doch: Dank dieser himm­lis­chen Gegen­bilder, so Paulus, ver­lieren wir nicht den Mut. Wir glauben und erleben vielmehr, dass sie real wer­den, wenn wir darauf ver­trauen. Vielle­icht zunächst nur im Kleinen. Ganz beschei­den. Und doch: Aus den himm­lis­chen Aus­sicht­en in der Bibel kön­nen wir Kraft und Mut schöpfen. Zuver­sicht, die uns befähigt, Gutes zu schaf­fen. Wir kön­nen ernst nehmen und dazu beitra­gen, dass – wie Jesus ein­mal sagte – das Reich Gottes mit­ten unter uns ist (vgl. Lk 17,21)

Wir sind ein­ge­laden und aufge­fordert, mit der Bibel irdis­ch­er Welt­sicht zu trotzen. Hoff­nung zu schöpfen aus den Ver­sprechen Gottes. Uns von Gottes Aus­sicht­en ansteck­en zu lassen.
A pro­pos ‚Aus­sicht­en’: Das klingt nach Weite. Nach einem Ort, von dem aus man mehr sieht als vom All­t­ag aus. Zum Beispiel auf einem Berggipfel. Wenn man ins Tal schaut und in dem Moment anders über das Leben denken kann. Weil sich die Per­spek­tive verän­dert hat. Sor­gen wer­den so klein­er, Zusam­men­hänge klar­er.
Die Bibel lädt uns ein, immer wieder auf den Gipfel zu gehen. Vielle­icht nicht geografisch, aber doch inner­lich bzw. geistlich. Auf dem Gipfel, nahe bei Gott, gewin­nen wir Gottes Sicht auf die Welt. Himm­lis­che Aus­sicht­en mit­ten in ein­er Welt, die oft von Gegen­teiligem geprägt ist.
So find­en Hoff­nung und Zuver­sicht eine Grund­lage. So kön­nen wir zu New­stick­ern wer­den, d.h.: Gottes Gute Nachricht­en als Break­ing News an unsere Mit­men­schen, an unsere Umge­bung weitergeben.

Dabei kann uns die Bibel helfen. Wie schon am let­zten Son­ntag nehme ich wieder einen Text der The­olo­gin Christi­na Brud­ereck zu Hil­fe. Er stammt aus einem Buch mit dem Titel: ‚Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen‘ – Unter­ti­tel ‚kabaret­tis­tis­che Lecker­bis­sen zur Ref­or­ma­tion. Es erschien aus Anlass des Refor­ma­tion­sju­biläums 2017. – Der Text ist nicht im eigentlichen Sinn kabaret­tis­tisch. Aber er zeigt dif­feren­ziert und real­is­tisch, wie die Bibel für himm­lis­che Aus­sicht­en sorgt … oder sor­gen kann. Allerd­ings nicht automa­tisch. Es hängt auch von unserem Umgang mit der Bibel ab. Bzw. es hat damit zu tun, wie wir Gott ernst nehmen und ver­trauen, von dem diese Guten Nachricht­en stam­men.
Der Text trägt den Titel ‘das Buch’. Und auch dies­mal habe ich ihn leicht bear­beit­et, damit ich ihn gut lesen kann (Quel­lenangabe: Christi­na Brud­ereck über die Bibel, in: ‘Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen’, kabaret­tis­tis­che Lecker­bis­sen zur Ref­or­ma­tion, Evan­ge­lis­che Ver­lagsanstalt Leipzig, 2. Auflage 2017

Das Buch (Text leicht bear­beit­et durch DE)

Pro Jahr wer­den durch Bibelge­sellschaften und Mis­sion­swerke
Weltweit über 60 Mil­lio­nen Bibelaus­gaben verteilt
In Deutsch­land wer­den jährlich über eine Mil­lion Bibeln verkauft,
400.000 »Gute Nachricht-Bibeln« in heutigem Deutsch,
400.000 Lutherüber­set­zun­gen,
300.000 katholis­che Ein­heit­süber­set­zun­gen
Die Gideons verteilt pro Jahr 300.000 Bibelaus­gaben in Hotels und Schulen.
Die Bibel ist das bekan­nteste Buch der Welt.
Ein absoluter Best­seller.
Aber liest die über­haupt noch jemand?
Ist sie nicht ein Best­seller ohne Leserin­nen und Leser?
Nun – immer­hin besitzen über 60 Prozent
aller Haushalte in Deutsch­land eine Bibel
Ste­ht im Regal oder liegt in ein­er Schublade
Wird sie nicht benutzt?
Nun – das gilt ja auch für andere Büch­er
Wie Gedicht­bände von Schiller
oder Brock­haus-Lexikon­bände
Für die Bibel ist dann aber immer­hin wahr
dass laut ein­er Umfrage
ein Vier­tel aller Kirchen­mit­glieder
immer­hin mehrmals im Jahr doch in der Bibel liest
Und weltweit gese­hen erst
Da wer­den Bibeln ver­schickt,
ver­schenkt, abgeschrieben, geschmuggelt
Aber hier sieht es trost­los aus
In Luthers Heimat­land –
da lesen die Leute ja sowieso immer weniger
Außer Har­ry Pot­ter
Ja, es gab Zeit­en, da war die Bibel das einzige Buch,
das die Men­schen über­haupt besaßen
Heute wach­sen viele Kinder und Erwach­sene
ohne Abra­hams Ster­nen­him­mel auf
Der Bauch des Fis­ches gehört zu Janosch und Pinoc­chio,
nicht zu Jona.
Sim­son ist kein Held Israels,
son­dern gehört zur Sesam­straße.
»Wo du hingehst, will auch ich hinge­hen«
ist der beliebteste aller Traus­prüche,
obwohl im Orig­i­nal da zwei Frauen miteinan­der sprechen
Auch Sodom und Gom­or­rha sind kein Ehep­aar, son­dern zwei Großstädte
»Wo kann man denn die schöne Geschichte nach­le­sen?«,
wurde ich ein­mal nach einem Wei­h­nachts­gottes­di­enst gefragt.
Und als ich sagte: »Im Neuen Tes­ta­ment!«
wurde weit­erge­fragt: »In einem neuen Tes­ta­ment!
Gibt es da auch ein altes von?«
Ach, sie ist eine ehrliche Haut, die gute alte Bibel.
Für ein heiliges Buch ganz erstaunlich ehrlich.
Auch dann noch, wenn es unan­genehm wird.
Sie erzählt vom Leben, wie es ist.
Sie ken­nt Gewalt, Flucht, Hunger­snot, Krankheit, Tod, Ver­lust, Abschied, Neid, Stre­it, Ehe­bruch, Miss­brauch, Essstörun­gen, Betrug, Angst, Hochmut, Kinder­losigkeit …
Redet diese Erfahrun­gen nicht schön,
ver­schweigt sie nicht
Sie weiß, wie das Leben ist
Aber sie weiß noch mehr
Sie weiß, wie es sein kön­nte!
Sie ist eine ganze Welt voller Geschicht­en davon,
wie das Leben glückt
Und wie es ein­mal sein wird …
Die Zukun­ft­s­texte der Bibel malen trotzige Gegen­bilder,
gute Aus­sicht­en:
Wenn wir dann in Ewigkeit
alle getrunk­en und gegessen haben, erzählt und ges­taunt
Loblieder gesun­gen, gebadet,
Gott in den Armen gele­gen haben, was dann?
Was machen wir dann eigentlich die ganze Zeit lang?
Ich bin mir sich­er:
Ich werde mit Paulus disku­tieren
Ein paar offene Fra­gen habe ich noch
Einige wer­den vielle­icht mit Petrus Wasser­s­ki fahren
Mit Maria ein Krip­pen­spiel insze­nieren
Mit Noah in den Stre­ichel­zoo gehen
Mit Mose »Siedler« spie­len
oder Lager­feuer machen am Dorn­busch
Mit Martha Urlaub machen
Mit Jona Ver­steck­en spie­len
Mit David Gedichte schreiben oder Bogen­schießen gehen
Mit den Propheten »Reise nach Jerusalem« spie­len
Mit Eva Apfelkuchen back­en
Mit Adam Schlange ste­hen
Mit Daniel ins Kino gehen
und »König der Löwen« guck­en
Mit der Frau am Brun­nen eine Wasser­schlacht machen
Mit dem Hochzeitspaar von Kana zur Wein­probe gehen

Ich lese diese alten Worte über die Zukun­ft
als Kind mein­er großen alten Erzählge­mein­schaft
Und z.B. auch als Enke­lin ein­er Groß­mut­ter,
die zum Ende ihres Lebens
immer neugieriger wurde auf die Ewigkeit
Die bei ihren Son­ntags-Kaf­fee-Kränzchen meinte:
»Heute wollen wir es ein biss­chen himm­lisch haben.«
Die Hoff­nung auf diese Zukun­ft
verbindet mich mit der Ver­gan­gen­heit
Wir rei­hen uns ein in die,
die vor uns gele­sen und geglaubt haben

Aber wenn ich vom neuen Jerusalem lese,
muss ich euch ehrlich sagen:
Was bin ich so froh, dass ich am Ende mein­er Tage
nicht aufs Land ziehen muss, zurück nach Eden
Um was zu tun?
Zwis­chen Son­nen­blu­men in der Hänge­mat­te Espres­so zu trinken?
Nichts gegen eine Hänge­mat­te. Und schon gar nicht gegen Espres­so. Aber als einziger Lebensin­halt weit weg von allem und allen?
Nein, ich darf in der Stadt bleiben!
Großar­tige Aus­sicht!
Ich denke an eine Stadt-Woh­nung
im neuen Großs­tadt-Jerusalem.
Und rund­herum gibt es Straßen­cafés,
Pro­grammki­nos, bre­ite Bürg­er­steige
Rad­wege, Flohmarkt, Street-Art,
Prom­e­naden, Straßen­musik
Prinzessin­nengärten mit Bio-Gemüse für den Eigenbe­darf
Und »Urban Knit­ting« (knit­ting = ‘lisme’), Parkuhr trägt Mütze Straßen­later­nen und Brück­en­gelän­der wer­den umstrickt und sehen aus, als hätte Pip­pi Langstrumpf ihnen ihre Sock­en übergezogen

Vor 500 Jahren ent­deck­te der Protes­tantismus
die Bibel wieder
Mar­tin Luther über­set­zte sie ins Deutsche
Die Erfind­ung des Buch­druck­es
machte die Ver­bre­itung von Geschicht­en leichter
Plöt­zlich waren die großen Geschicht­en zugänglich
Für jedes Kind, in der eige­nen Mut­ter­sprache
Der Buch­druck und die Ref­or­ma­tion
bracht­en die Demokratie ins Lesen

Läuft alles nor­mal, ler­nen wir heutzu­tage hier bei uns
Lesen und Schreiben in der Grund­schule
Aber etwa 16% der erwach­se­nen Welt­bevölkerung
sind Anal­pha­beten
Kul­turell bed­ingt, gesund­heitlich oder anders biografisch
Fast zwei Drit­tel von ihnen sind Frauen
Es ist also ein Priv­i­leg, lesen zu kön­nen
Das UN-Entwick­lungsziel,
die Anal­pha­beten­rate zu reduzieren
ist zurzeit nicht erfol­gre­ich, der Trend sog­ar rückläufig

Denn das Lesen hat echte Feinde
Die größte Feindin ist die Armut, sie lässt Eltern sagen:
»Wir kön­nen es uns nicht leis­ten,
unser Kind zur Schule zu schick­en,
das Kind wird auf dem Feld gebraucht.«
Gar nicht selb­stver­ständlich also, lesen zu kön­nen
Nicht die sind dumm, die es nicht kön­nen
In den aller­meis­ten Fällen
kön­nen sie wirk­lich nichts dafür
Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum
Wer lesen kann und das nicht nutzt, ist dumm

Bibel lesen – das bedeutete bis zur Ref­or­ma­tion:
Bibel vorge­le­sen bekom­men
Auf Lateinisch meist
Stellen Sie sich mal vor, wie blöd es zum Beispiel wäre
wir bekä­men einen Liebes­brief auf Lateinisch:
Inspice, quodque leg­es, ex ipsis col­lige ver­bis,
fin­gat, an ex ani­mo sol­lic­i­tusque roget.

Schön­er wäre,
was der englis­che Admi­ral Nel­son im Jan­u­ar 1800
an seine Geliebte Lady Emma Hamil­ton schrieb:
»Ich kann wed­er essen, noch schlafen,
weil ich nur an dich denke, Lieb­ste,
ich mag nicht ein­mal mehr Pud­ding.«
Die Bibel, göt­tliche Selb­st­mit­teilung, Liebe­serk­lärung,
in weit­en Streck­en wun­der­bar poet­isch
Orig­inelle Gedanken, die mehr wis­sen als wir
Zeilen, die über uns hin­aus reichen
Sie erzählt von Aufer­weck­ung
wo unsere Erfahrung nur bis zum Tod reicht
Sie mah­nt ein­dringlich zum Frieden
wo wir schnell denken,
es gäbe zum Krieg keine Alter­na­tive
Sie wirbt aus­dauernd um die Liebe
wenn wir denken, es reichte, dass wir uns Mühe geben
Sie will disku­tieren, sich unter­hal­ten, uns inspiri­eren
dass wir sie weit­er­schreiben mit der Liebe,
mit Frieden, Wirkung, Feier
Denn (wie heißt es noch?)
»Worte sind ja gut, aber Hüh­n­er leg­en Eier«

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