„Die Schweizerinnen und Schweizer sind Weltmeister im Klagen, ohne zu leiden!“ Das war schon vor bald 30 Jahren im Tages-Anzeiger zu lesen (F. Höpflinger, 29.12.1997). Ich fürchte, diesen Weltmeistertitel tragen wir immer noch. Die Schlagzeilen lassen es jedenfalls klingen, als stünden die Sozialwerke kurz vor dem Bankrott, als gäbe es bald keine Arbeit mehr, als fehle es allen am Nötigsten oder als nähmen Verbrechen überhand. Doch die Fakten sehen anders aus: Die Arbeitslosigkeit ist im internationalen Vergleich nach wie vor tief. Beim Pro-Kopf-Vermögen lässt die Schweiz weiterhin alle anderen Länder hinter sich. Und laut Kriminalstatistik wächst die Zahl der Straftaten nicht stärker als die Bevölkerung – mit Ausnahme der digitalen Delikte. Im internationalen Vergleich geht es der Schweiz also beneidenswert gut. Dennoch wird weiter geklagt und gejammert. Warum nur?
Bei der Geschichte von der Speisung der 4000 ist Vieles ganz aussergewöhnlich:
Zum einen steht nur zwei Kapitel vorher die Geschichte der Speisung der Fünftausend. Sie wird hier fast wörtlich wiedergegeben. Schlaue Theologen sprechen gerne von einer Doppelüberlieferung, dh. eine Geschichte wird zweimal separat überliefert, weil sie nicht ganz identisch sind. Niemand merkt es, nur wir, 2000 Jahre später, weil wir so gescheit sind. Aber das ist natürlich Unsinn: Markus wusste sehr wohl, dass er ein fast identisches Wunder kurz vorher erzählt hat. Das Aussergewöhnliche daran ist nun nicht mehr die Vermehrung des Brotes — jedeR LeserIn weiss, dass Jesus das kann. Aussergewöhnlich ist, dass die Jünger es offenbar nicht begriffen haben. Sie sind das zweite Mal ebenso sprachlos und ideenfrei wie das erste Mal. Das scheint mir der geistliche Clou dieser Geschichte zu sein.
Ein weitere Gesichtspunkt ist die Selbstverständlichkeit des Wunders: Jesus dankt nur, und dann ist viel mehr da, als benötigt wird. Wie es geschieht, wird nicht erzählt. Dass es jemandem aufgefallen wäre, auch nicht. Es passiert einfach so, als wäre es alltäglich.
Und schliesslich: Diese Geschichte erinnert mich auf eine fast schon schockierende Art an die Zeit, in der wir gerade leben: Aus nichts wird sehr, sehr viel, und wir wissen nicht, wie es geschieht. Nicht Brot, aber Tod.
Drei Gedankenanstösse zu drei Gesichtspunkten:
1. Wie oft müssen wir etwas erleben, bevor wir es glauben können bzw. es so tief in unsere Seele hineinsinkt, dass wir ein nächstes Mal darauf vertrauen können? Wie oft muss uns Gott helfen oder einen Weg zeigen, bis wir in der nächsten Sackgasse nicht wieder verzagt und hoffnungslos vor dem Berg stehen, sondern uns vertrauensvoll an Jesus wenden, weil wir glauben und erfahren haben und wissen, dass er hilft? Vielleicht wäre das heute Hilfe zur Hoffnung: Hat er dich je hängenlassen?
2. Jesus dankt, und aus fast nichts wird sehr viel. Nun, ich kann kein Brot vermehren, aber ich kann danken. Und sehen, was ich wirklich habe und nicht bloss vermissen, was mir fehlt. Das macht mein Leben reich. Es bleibt aber die Aufgabe des Verteilens: Jesus macht nicht Brot für sich, sondern für die anderen. Auch mein Brot gehört nicht nur mir. Was ich dankend als Gabe Gottes erkenne, ist immer auch eine Gabe Gottes an mich — durch mich — für andere.
3. Wer je gezweifelt hat, ob Brot sich überhaupt vermehren kann und ob diese Geschichte nicht einfach ein Ammenmärchen ist, merkt jetzt, wie wenig es wirklich braucht, damit plötzlich alles stillsteht, weil die unheilige Vermehrung nicht mehr zu stoppen ist. Oder hätte jemand von uns gedacht, dass wir noch ZeugInnen einer modernen Pest werden? Diese Geschichte gibt mir aber trotzdem Hoffnung: Wo viele viel brauchen und nichts mehr haben, da teilt Jesus aus. Wann und wie weiss ich auch nicht, aber ich weiss: „Da sagt Jesus zu den Jüngern: Das Volk tut mir leid.“ (Markus 8,2). Das bringt das Bild oben zum Ausdruck — etwas kitschig vielleicht, aber nicht minder wahr.
Unsere Sicht auf die eigene Kirche und Gemeinde ist oft problem- oder defizitorientiert. Wir können gut benennen, was fehlt, was nicht so recht klappt und wo wir an Grenzen stossen. — Selbstkritik ist sicher wichtig. Aber man kann es auch übertreiben. Und dann gräbt man der eigenen Begeisterung nicht nur für die Gemeinde, sondern auch für den Glauben überhaupt, das Wasser ab. Das muss nicht sein. Denn es gibt Gründe, ein stolzer Methodist zu sein.
Psalm 9 gehört für mich definitiv zu den schwierigen Psalmen. Beim Lesen empfinde ich äusserst Widersprüchliches. Einerseits beeindruckt mich der Dank für die Errettung aus Not durch Gott. Das wirkt echt und inspirierend. Der Dichter hat offenbar gründlich nachgedacht und buchstabiert (die Versanfänge folgen dem hebräischen ABC) ausführlich seine Dankbarkeit gegenüber Gott. Das finde ich ausgesprochen lobens- und nachahmenswert. Andererseits melde ich überzeugt Widerspruch an, wenn der Beter Gott für die Vernichtung und Zertrümmerung des Feindes dankt. „Gewalt im Namen Gottes?“ weiterlesen