am Feierabend vor dem TV: Du schaust einen schönen Film. Oder eine interessante Dokumentation. Oder eine spannende Sportübertragung. Da leuchtet plötzlich unten ein grelles rotes Band auf. Von links wandert ein Text ins Bild, der beginnt mit ‚Breaking News’. ‘Nine-eleven‘ war wohl das erste Ereignis, bei dem ich das wahrnahm. Immerhin bald 25 Jahre her. Seither immer wieder: Wegen des grossen Tsunamis; Krieg in Nahost, Krieg in der Ukraine, Katastrophen … immer wieder: Breaking News. Ich zucke innerlich zusammen, wenn ich das Schriftband sehe. Denn gute Nachrichten sind es ja nie, die so verbreitet werden. In einer Welt voller Breaking News sind die Aussichten trübe!
Predigt zum 2. Advent am 07.12.2025 in der EMK Adliswil zu Jesaja 35,1–10
Liebe Gemeinde,
„wir sind wie Israel in der Wüste. Zurück nach Ägypten können wir nicht. Doch das gelobte Land sehen wir noch nicht.“ So empfinde ich die Situation unseres Gemeindebezirks. Das habe auch an der a.o. BV formuliert. Sollte dieses Gefühl zutreffen, was wäre dann ein angemessenes Verhalten? Wie könnte in der Wüste Hoffnung zu finden sein, die uns weiterträgt?
Für den 2. Advent ist als Predigttext ein Abschnitt aus Jesaja 35 vorgeschlagen. Darin geht es um die Wüste. Freilich eher im Sinne von ‚die Wüste lebt‘ (→ legendärer DOK-Film von Walt Disney aus dem Jahr 1953). Dazu passt, dass die Wüste in Israels Erinnerung auch für eine unvergleichliche Nähe Gottes steht. So viel auch schwierig war. Auf der Wüstenwanderung war Israels Gottesbeziehung so unmittelbar und echt, wie nachher nie wieder.
zum vorläufig letzten Mal predige ich heute über den ‘Segen des Aufbruchs’ (→ Es ist die 7. Predigt seit den Sommerferien. Falls jemand eine verpasst hat: Von allen Predigten liegen noch Ausdrucke auf. Oder: Siehe Website oder Blog). Das Ziel dieser Predigten war/ist, etwas Mut zu machen für Veränderungen und Schritte. Im persönlichen Leben genauso wie im Miteinander als Gemeindebezirk. Wenn die Angst etwas kleiner und dafür Vertrauen und Mut etwas grösser geworden sind, wäre viel gewonnen. Viele Aspekte vom Aufbrechen sind zur Sprache gekommen. Hoffentlich ist Manches klarer geworden. Und der Glaube daran gewachsen: Aufbrechen ist verheissungsvoll. Gottes Segen begleitet uns und geht uns voran, wo wir Schritte tun. Nicht ‘wegpredigen’ lässt sich freilich, dass aufzubrechen Mut verlangt. Es ist eine Challenge. Ist mit Risiken verbunden. Jeder Aufbruch ist ein Schritt in die Unsicherheit. Es braucht darum Vertrauen. Dabei tun wir wohl manche Schritte ‘contre-coeur’ oder gegen das Bauchgefühl. Schliesslich ist uns oft sehr bewusst, was schief gehen könnte. Nur: Null-Risiko gibt es nicht. Nicht einmal im Glauben. Ausserdem: Auch wer stehen bleibt, geht ein hohes Risiko ein: Er/sie könnte das Leben schlicht verpassen. Und viele gute Erfahrungen mit Gott blieben ‘ungelebt’.
es wird gleich gefährlich. Sehr gefährlich sogar. Das ist offensichtlich. Wenn sie bleibt, überlebt sie nicht. Nichts wie weg also! Nur: Hier hat sie sich ihr Leben aufgebaut und eingerichtet. Sie will nicht weg! Will ihre Freundinnen nicht zurücklassen. Sie will eigentlich bleiben. Und muss doch gehen! Das zerreisst sie. Immer wieder schaut sie zurück. Wird langsamer und bleibt stecken. Alles wird blockiert. Schliesslich erstarrt sie zur Salzsäule. Das ist die Geschichte von Lots Frau (vgl. Gen 19,26)
Einige Jahrhunderte später: Die Israeliten sind dem Pharao entkommen. Sie sind aus der Versklavung geflohen. Jetzt auf dem Weg ins gelobte Land. Irgendwo im nirgendwo. Sie schleppen sich durch die Wüste. Sie sind hungrig. Müde. Verschwitzt. Sie sind zwar frei, aber zu welchem Preis? Die Erinnerung erscheint in neuem Licht: War es wirklich so schlimm? Natürlich hatten sie hart gearbeitet. Doch wer nicht aufmuckte, konnte sich arrangieren. Sich am Abend ein nahrhaftes Essen gönnen. Und dann ins Bett sinken. Es war doch gar nicht so schlecht. Damals in Ägypten. Warum nur hatten sie auf Mose gehört? Zu träumen begonnen von einem Land, in dem angeblich Milch und Honig fliessen. Das war doch bloss ein PR-Gag. Von der Wüste, die sie auf dem Weg dahin durchqueren mussten, war dagegen nie die Rede. Auch nicht von der Hitze, vom Hunger, vom Muskelkater. – Es reicht jetzt! Freiheit ist doch überbewertet! Die Israeliten wollen zurück an die Fleischtöpfe Ägyptens (Ex 16,2f). Sie murren! Und handeln sich einen 40jährigen Umweg ein…
es braucht Vertrauen, um aufzubrechen. Ohne Vertrauen bleibt man stehen. Oder macht sogar Rückschritte. Wenn Sorgen und Angst gewinnen, ist der Rückzug wahrscheinlich. Wenn dagegen Vertrauen den Ton angibt, kann zum Aufbruch geblasen werden. – Was nährt solches Vertrauen? Biblische Bilder können helfen: Zum Beispiel die WOLKEN- BZW. FEUERSÄULE, die den Israeliten in der Wüste vorangeht. Darin wird anschaulich, was wir gerade gesungen haben: Gott geht nicht nur mit, sondern voraus auf unseren Wegen. Wir sind nicht allein oder orientierungslos. Sondern geführt, begleitet, geleitet und wenn nötig, getragen. Gott ist da. Darum können wir den Wegen vertrauen, auf die er uns weist. Sogar wenn sie ganz neu und anders sein sollten.
Ein anderes solches Bild aus der Bibel ist der REGENBOGEN. Kürzlich war ich vor einem Gespräch, dem ich mit etwas Zagen und Zittern entgegensah, noch eine kurze Runde spazieren. Auf der Wachtbrücke sah ich einen Regenbogen, der in der Sihl stand. Gottes Bundeszeichen. «Solange die Erde besteht, gilt mein Bund!» Mir hat das gut getan und Mut gemacht. So fiel es leichter, dem Weg in das Gespräch zu trauen… Das Gespräch übrigens war herausfordernd, im Rückblick gesehen aber auch sehr gut.
Petrus erzählt: «Ich werde es nie vergessen! Es ist Jahrzehnte her und fühlt sich doch an, als wäre es erst gestern gewesen: Wir waren die ganze Nacht draussen auf dem See Genezareth. Es war ruhig. Kaum Wind. Das Wasser still. So ruhig, dass sich sogar die Sterne darin spiegelten …. Es war zu ruhig. Wir sahen nämlich nicht einen einzigen Fisch. Mal um Mal holten wir die Netze ein. Doch sie waren immer leer. Als der Morgen dämmerte, waren wir fix und fertig. Müde. Enttäuscht. Leer. – Wovon soll ein Fischer leben, wenn er nichts fängt? Schliesslich fuhren wir zurück ans Ufer. Dort staunten wir nicht schlecht. Es herrschte emsiger Betrieb. So früh am Morgen. Unzählige Menschen. Und mittendrin Jesus von Nazareth, der zu ihnen redete. Ich hatte natürlich schon von ihm gehört. Dass er ein fantastischer Redner sei. Dass in seinen Worten Gott nahe komme. Und dass Menschen durch ihn gesund würden. – Von nahem hatte ich ihn aber noch gesehen. Jetzt kam er auf mich zu. Er bat mich, von meinem Boot aus zu den Leuten sprechen zu können. Eigentlich wollte ich nur noch ins Bett. Aber er hatte etwas an sich, das mich packte. Also liess ich ihn einsteigen und ruderte ein paar Meter vom Ufer weg. – Dann redete er zu den Menschen. Ich sass neben ihm und hörte zu. Seine Worte waren ruhig, klar und voller Kraft. Sie machten etwas mit mir. Es kam mir vor, als würde er nur zu mir sprechen. Als er fertig war, drehte er sich um und sagte zu mir: ‘Fahr hinaus auf den See und wirf die Netze aus!’ Das war total verrückt! Er wollte mir sagen, wie man fischt!? Mir, Simon, der seit vielen Jahren Fischer war. Ich erklärte ihm also, dass wir schon die ganze Nacht draussen waren und nichts gefangen hätten. Nach einer kurzen Pause hörte ich mich dann zu meinem eigenen Erstaunen sagen: ‘Auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen!’»
es wird Ihnen aufgefallen sein: Der Predigttext aus Jesaja 6 und das Lied (Ich, der Meer und Himmel schuf; Nr 552 im Gesangbuch der EMK), das wir davor gesungen haben, beziehen sich aufeinander. Das ’Hier bin ich, Herr’ des Liedrefrains kommt aus dem Berufungsbericht Jesajas. Hätte der Musiker Daniel L.Schutte die Bitte eines Freundes nicht als Auftrag Gottes verstanden und sein ‘Hier bin ich, Herr!’ dazu gesagt, gäbe es das Lied nicht. Daniel L.Schutte schreibt über die Entstehung des Liedes: Im Jahr 1981 war ich Theologiestudent in Berkeley. Da bat mich ein Freund um einen Gefallen: «Dan, ich weiss, ich bin sehr spät dran. Aber ich bereit eine Ordinationsfeier vor und ich brauche Musik, die auf Jesaja 6 basiert.» Ich laborierte in diesen Tagen an einer Grippe und wehrte zunächst ab, umso mehr als ich wusste, dass die Feier bereits drei Tage später stattfinden sollte. Schliesslich sagte ich aber doch zu. Dabei war mir bewusst, dass ich ohne Gottes Hilfe und Kraft nichts zustande bringen würde. Also betete ich. Dabei kam mir die Geschichte von Samuel in den Sinn, der nachts von Gott gerufen wurde, um etwas zu tun, das er sich nicht zutraute. Dann machte ich mich an die Arbeit. Bis zur letzten Sekunde nahm ich noch Änderungen vor. Als ich das Lied meinem Freund vorlegte, war ich sehr unsicher. Umso mehr staunte ich, auf welche Begeisterung das Lied stiess. Die Menschen liebten das Stück und fanden sich wieder in dem Dialog zwischen Gott und uns. Dieser Dialog ist ja der Kern des Liedes.
es geht heute wieder ums Aufbrechen. Um den Segen, der aus Aufbrüchen wächst. Und darum, dass wir oft ins Unbekannte aufbrechen … aufbrechen müssen. Das begeistert mich allerdings selten. Viel lieber breche ich auf, wenn ich weiss, was mich erwartet. Ich gehe gerne zu Freunden, von denen ich weiss, dass sie mir gut tun. Mit dem WoMo starte ich am leichtesten, wenn ich weiss, dass und wo ein Platz reserviert ist. Auch zu pastoralen Diensten breche ich am liebsten auf, wenn ich genau weiss, was von mir erwartet wird. Nur ist das eher die Ausnahme, dass ich in bekannte Gefilde aufbrechen kann. Häufiger sind Aufbrüche mit Unsicherheiten verbunden. Es könnte ja allerhand schief gehen. Es könnte ganz anders herauskommen als geplant. Falls überhaupt ein Plan existiert. Was wird wohl daraus? Nicht selten ist solche Ahnungslosigkeit sogar das dominierende Gefühl beim Aufbruch. Ich weiss zwar, dass ich nicht bleiben kann, sondern gehen muss. Doch wohin? Wie? Wann? Mit Wem? Das ist alles offen. Es ist ein Aufbruch ins Unbekannte.
im heutigen Predigttext tut Mose Fürbitte für Israel. Das passt zum Sonntag ‚Rogate‘ = ‚Betet‘. Das Thema Gebet ist aber nur ein Aspekt des ‚schwierigen‘ Bibeltextes. Es ist die Geschichte vom goldenen Kalb. Sie ist zwar seit Sonntagschulzeiten bekannt. Und doch seltsam, fremd, vielleicht sogar bizarr. Wenn ich das ganze Kapitel 2.Mose 32 lese, geht mir allerlei durch den Kopf:
Wie kamen die Israeliten nur auf die Idee, ein Gottesbild anzufertigen? Und weshalb musste es ein Kalb/Stier sein?
Die Geschichte wirkt zusammengeflickt. Beim Lesen fallen mir Brüche im Erzählfaden auf. Als hätten mehrere daran geschrieben bzw. herumkorrigiert.
Auffällig sind die unterschiedlichen Führungsstile von Mose und Aaron: Aaron agiert populistisch, gibt dem ‚Druck der Strasse‘ nach. Mose aber zieht die Linie hart durch.
Weiter stellt sich die Frage nach der Verhältnismässigkeit der Strafe: Die Leviten haben unter den Tänzern um das goldene Kalb ein Gemetzel angerichtet, natürlich ‚im Namen Gottes‘. – Musste das sein aus Gehorsam gegenüber Gott? Oder war es eine Anmassung, dies im Namen Gottes zu tun?
Bemerkenswert ist schliesslich, wie Mose sich bei Gott für Israel einsetzt und ihn von seinem Vernichtungsbeschluss abbringt.
Es steckt mehr im Text, als in einer Predigt Platz hat. Ich beschränke ich mich auf zwei Aspekte: Zunächst auf die Frage, was es mit dem goldenen Kalb auf sich hat. Was genau ist eigentlich das Problem? Dann auf das Gespräch von Mose mit Gott. Da stecken Impulse zum Thema Gebet/Fürbitte drin.
in der Pfarrerweiterbildung vergangene Woche beschäftigten wir uns mit dem Lob Gottes. Schwerpunktmässig ging es ums Singen. Wir haben Loblieder analysiert und festgestellt, dass viele nur einen kleinen Teil des Spektrums des Christusglaubens abdecken. Wir haben über die Einbettung von Liedern im Gottesdienst nachgedacht. Wir haben gesungen. Neue Lieder probiert. Es war spannend. Inspirierend. Wohltuend. Nachdenklich machte mich der Einstieg. Der Referent fragte ganz harmlos: Warum singen, warum loben wir eigentlich? – Im ersten Moment war da der Gedanke: ‚Was für eine Frage! Ist doch klar!‘ Dann aber ein leises Erschrecken: ‚Ich kann es gar nicht so leicht formulieren!‘ Ist es Tradition? Ist es Pflicht? Schulden wir Gott womöglich Lob? Das würde ja etwas Erzwungenes in die Sache bringen, das nicht passen will. Gott loben hat doch mehr mit Feiern, mit Vertrauen, mit Beziehung zu tun. Warum loben wir Gott? Mir kam die Geschichte von Paulus und Silas in den Sinn, die mitten in der Nacht im Gefängnis Loblieder sangen. Sie lobten Gott, weil sie innerlich frei waren, trotz widerlicher äusserer Umstände. Weil sie Gott vertrauten. Sie fanden im Lob Gottes Freiheit. Und konnten so vielen anderen zumindest eine Erfahrung von Befreiung ermöglichen.
Ich suche heute einen erzählerischen Zugang zur Geschichte, wie sie Apg 16 erzählt. Dabei gehe ich von Philipper 4,1–3 aus. Paulus grüsst dort Leute aus der Gemeinde in Philippi: «Also, meine lieben Brüder und Schwestern, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Siegeskranz: Haltet unerschütterlich daran fest, dass ihr zum Herrn gehört, ihr meine Lieben! Ich ermahne Evodia und ich ermahne Syntyche: Seid euch einig, denn ihr gehört beide zum Herrn. Ja, und dich, treuer Weggefährte, bitte ich: Hilf ihnen dabei! Die beiden Frauen haben gemeinsam mit mir für die Gute Nachricht gekämpft. Sie taten das zusammen mit Klemens und meinen anderen Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen.» — Von Evodia und Syntyche wissen wir nicht mehr, als dass sie sich offenbar immer wieder aneinander rieben. Klemens, so stelle ich mir vor, war der Gefängniswärter von Philippi.
Hier nun also meine Geschichte. Das Gotteslob ist eines ihrer Themen. Aber auch noch allerlei Anderes: