Impuls im ökumenischen Neujahrsgottesdienst vom 04.01.2026 in der EMK Adliswil zu Jesaja 43,19

Liebe Gemeinde,
«Leben heisst Veränderung» — Es klingt nach einem dynamischen Werbeslogan. Es ist eine Binsenwahrheit. Und oft fühlt es sich als Überforderung an. Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir lieben das Vertraute, das Vorhersehbare. Aber die Welt um uns herum dreht sich immer schneller: Der technische Fortschritt, Krisen und Katastrophen, Klimawandel, immer neue Ratschläge, wie das Leben am besten zu gestalten sei …
Zu viele Veränderungen aufs Mal lösen Angst aus. Und Angst kann blockieren. Wir erstarren wie die Maus vor der Schlange. Wir suchen Sicherheit, indem wir unsere Meinungen zementieren. Es entstehen festungsartige Meinungsblöcke. In der Gesellschaft gibt es eine sich verstärkende Tendenz zur Polarisierung. Es scheint nur noch Schwarz oder Weiss zu geben. Wir ziehen uns in die eigene Bubble/Blase zurück. Es gibt nur noch ‘Pro oder Contra’. Alles läuft hinaus auf: ‘Wir’ gegen ‘Die’: FCZ-ler gegen GC-Fans; Veganer gegen Fleischesser; Linke gegen Rechte; etc.
Wer nicht für mich ist, muss gegen mich sein. Wir bauen Mauern aus Vorurteilen. Das ‘schützt’ vermeintlich vor Veränderungen. Doch wo Veränderung unmöglich wird, stirbt das Leben. Es gibt keinen Austausch mehr. Keine differenzierte Sicht auf die Wirklichkeit. Man bestätigt sich in der Filterblase nur noch gegenseitig, was man eh schon ‘wusste’. Und die Herzen erstarren. Veränderung wird unmöglich, ja wirkt gefährlich. Dagegen muss man sich dann verbarrikadieren.
Und wenn wir die Veränderung – und sogar Verschiedenheit – nicht als Feind, sondern als Chance und Lehrmeisterin sehen könnten?
Leben heisst Veränderung, weil Leben Wachstum bedeutet. Ein Baum, der aufhört sich zu verändern, ist tot. In der Ökumene lernen wir seit Jahrzehnten: Wir kommen zwar aus unterschiedlichen Traditionen. Wir feiern und begegnen Gott unterschiedlich. Doch das muss uns nicht trennen. Die eigene Identität ist nicht in Gefahr, wenn wir einander begegnen und miteinander austauschen. Im Gegenteil: Die Verschiedenheit ist ein Reichtum.
In dieser Erfahrung liegt Potenzial für die ganze Gesellschaft: Veränderungen holen uns aus den Schützengräben heraus. Wo alte Gewissheiten zerbrechen, wird die Perspektive des anderen zur Hilfe. Polarisierung entsteht dort, wo wir aufhören, Fragen zu stellen. Lebendige Veränderung beginnt dort, wo wir sagen: «Ich verstehe dich noch nicht, aber erzähl mir mehr, wie Du das siehst …»
Das Potenzial der Veränderung liegt darin, dass wir lernen: Zunächst ‘Mehrdeutigkeit’ auszuhalten, und dann als Reichtum wahrzunehmen. Wir müssen nicht alle gleich denken, um gemeinsam am selben Strang zu ziehen. In der Reibung der Meinungen entsteht nicht nur Hitze, sondern auch Licht – ein Licht, das neue Lösungen sichtbar macht, die keiner von uns allein gefunden hätte. Veränderung ist die Einladung aus der Komfortzone heraus zu treten. Statt uns zu wehren mit: „Das haben wir schon immer so gemacht“ können wir aufbrechen ins Abenteuer und fragen: „Was ist heute möglich?“
Woher nehmen wir den Mut dazu? Aus uns selbst? Das wäre zu wenig. Als Christ:innen stehen wir auf festen Fundament. Daraus wächst die Freiheit, beweglich zu bleiben. Wie zu Beginn schon gehört, sagt Jesaja im Namen Gottes: «Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?» (Jes 43,19).
Gott ist kein Fan des Stillstands. Er ist ein Gott des Weges. Von Abraham über Mose bis hin zu den Jüngern Jesu: Immer wieder rief Gott Menschen aus dem Vertrauten hinein in das Neue. Sein Versprechen ist nicht: „Ich bewahre dich vor jeder Veränderung.“ Er verspricht vielmehr: „Ich mache alles neu – und ich bin dabei mit dir.“
In Jesus Christus hat Gott sich selbst der radikalsten Veränderung ausgesetzt: Er wurde Mensch, er litt, er starb – und er stand neu auf. Das ist unser Anker: Gott ist der „Immanuel“, der Gott-mit-uns, mitten im Wandel.
Wenn wir wissen, dass wir in Gott gehalten sind, müssen wir uns nicht mehr hinter Mauern der Polarisierung verstecken. Wir können es riskieren, auf den anderen zuzugehen. Wir können es riskieren, Fehler zu machen, Pläne zu korrigieren und uns verwandeln zu lassen.
Gottes Geist ist eine Kraft der Erneuerung. Er weht, wo er will – und er weht meistens dort, wo wir die Fenster unserer festgefahrenen Meinungen öffnen. Leben heisst Veränderung. Und in dieser Veränderung führt Gott uns nicht ins Leere, sondern aufeinander zu und seiner neuen Welt entgegen.
Darum: Starten wir so ins neue Jahr: Weniger ängstlich, weniger verbissen, dafür mit offenem Herzen und dem festen Vertrauen: Der, der uns ruft, ist treu. Er geht mit.
