Predigt zu 1. Samuel 3,1–11a in der EMK Adliswil am 01.06.2025

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Liebe Gemeinde,
hast Du Gott schon einmal zu Dir reden gehört? Wie klingt seine Stimme? – Ich glaube, dass Gott auch heute nicht schweigt. Und kann doch seine Stimme nicht beschreiben. Ich würde mich auch nie trauen, Gott so wie die atl Propheten zu zitieren. Also zu behaupten: Gott sagt: „ …!“
Ich mache Erfahrungen, die Gottes Stimme erahnen lassen. Z.B.:
- Ein Bibelwort spricht genau in meine Situation.
- Ein Traum lässt eine Situation in einem neuen Licht erscheinen
- Beim Gebet fühlt es sich an, als wäre noch jemand im Raum.
- Der Rat eines Mitmenschen öffnet mir eine neue Tür.
- In der Stille wird mir Ruhe geschenkt
- Ich denke angestrengt über etwas nach. Plötzlich fällt mir eine Lösung zu.
So lässt sich Gottes Reden erahnen. Doch erst im Nachhinein gewinne ich die Überzeugung, dass Gott durch die Bibel, einen Mitmenschen oder einen Traum zu mir gesprochen hat. Beweisen kann ich das allerdings nie. Ausserdem folgt auf die Euphorie auch oft die Ernüchterung. Dann merke ich: Ich habe die Stimme anderer Menschen oder die meiner eigenen Wünsche mit derjenigen Gottes zu verwechselt.
In unserer Welt bleibt eben Vieles zweideutig. Nicht zuletzt die Erfahrung Gottes. Doch, wie gesagt: Ich glaube, dass Gott auch heute spricht! Seiner Stimme möchte ich auf die Spur kommen. Schwierig. Wir müssen es üben. Es braucht Erfahrung.
Man kann und muss üben, auf Gott zu hören. Man kann lernen, auf seine Stimme zu achten. Aus Erfahrungen wird man klug. Dann verwechselt man Gottes Stimme auch nicht mehr so leicht mit anderen Klängen. – Auf Gottes Stimme hören lernen. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber es ist möglich.
Lassen wir uns heute von einem schulen, der seiner Zeit als Gottes Sprachrohr galt. Ich rede vom Seher und Propheten Samuel. Schon als Knabe hörte er Gott zu sich reden. Vor über 3’000 Jahren war er Tempeldiener im alten Heiligtum (‘Stiftshütte’) in Silo. Es sei bei Gott und Menschen sehr beliebt gewesen.
Eines Nachts sprach Gott ihn an. Samuel war in dieser Nacht allein mit dem uralten Priester Eli in Silo. Am Morgen vor Anbruch der Dämmerung brannte im Heiligtum noch die sogenannte Lampe Gottes (siebenarmiger Leuchter; vgl. Ex 27.20f; Lev 24,1ff).
Der siebenarmige Leuchter wurde abends mit genug Öl gefüllt, damit er bis zum Morgen brannte. Seine Flammen erinnerten an die Gegenwart Gottes, der nie schläft. Erst im Licht des neuen Tages erlosch die Lampe jeweils.
Im selben Raum stand auch die Bundeslade, auch ein starkes Symbol für Gottes Nähe. Dazwischen schlief Samuel. Der alte Priester Eli lag in einem anderen Raum daneben. Ich lese aus dem 1. Buch Samuel 3,1–11a:
Samuels Berufung
Und zu der Zeit, als der Knabe Samuel dem HERRN diente unter Eli, war des HERRN Wort selten, und es gab kaum noch Offenbarung. Und es begab sich zur selben Zeit, dass Eli lag an seinem Ort und seine Augen hatten angefangen, schwach zu werden, sodass er nicht mehr sehen konnte. Die Lampe Gottes war noch nicht verloschen. Und Samuel hatte sich gelegt im Heiligtum des HERRN, wo die Lade Gottes war. Und der HERR rief Samuel. Er aber antwortete: Siehe, hier bin ich!, und lief zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen. Er aber sprach: Ich habe nicht gerufen; geh wieder hin und lege dich schlafen. Und er ging hin und legte sich schlafen. Der HERR rief abermals: Samuel! Und Samuel stand auf und ging zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen. Er aber sprach: Ich habe nicht gerufen, mein Sohn; geh wieder hin und lege dich schlafen. Aber Samuel hatte den HERRN noch nicht erkannt, und des HERRN Wort war ihm noch nicht offenbart. Und der HERR rief Samuel wieder, zum dritten Mal. Und er stand auf und ging zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der HERR den Knaben rief, und sprach zu ihm: Geh wieder hin und lege dich schlafen; und wenn du gerufen wirst, so sprich: Rede, HERR, denn dein Knecht hört. Samuel ging hin und legte sich an seinen Ort. Da kam der HERR und trat herzu und rief wie vorher: Samuel, Samuel! Und Samuel sprach: Rede, denn dein Knecht hört. Und der HERR sprach zu Samuel … 1.Samuel 3,1–11a
Zwar ist es sehr lange her. Doch der erste Satz der Geschichte passt auch für unsere Zeit: “Das Wort Gottes kam nur selten zu den Menschen, und auch Offenbarungen waren sehr selten.” — Wie oft kommt denn Gott in unserer Zeit zu Wort? Geht nicht, was er zu sagen hätte, oft unter in Wortlawinen? Was Gott zu sagen hat, erstickt in zahllosen Meldungen und Verlautbarungen …., die alle weltbewegend zu sein vorgeben. Sogar in Kirchen und Gemeinden gibt es viel zu viele Worte. Was da alles gesagt, geschrieben und gedacht wird. Meistens gut gemeint, oft auch sorgfältig formuliert … und doch: Die Flut von tollen Ideen, guten Ratschlägen und frommen Worten verdeckt oft mehr von Gottes Wort als sie offenbart.
So ist es halt: Wenn es uns gut geht und wir in Fahrt kommen, dann reden wir drauflos. Wir entwickeln Ideen, haben ‘Eindrücke’ und ‘Eingebungen’, reden vielleicht gar von ‘Visionen’ .… Wir sind Kinder unserer Zeit und haben wenig Hemmungen, grosse Worte zu machen. So tragen wir bei zur Inflation, zur Entwertung von Worten und Sprache. Sie macht nicht einmal vor der Sprache des Glaubens halt. Unsere vielen und oft grossen oder jedenfalls grossspurigen Worte machen es dem Wort Gottes schwer, sich Gehör zu verschaffen. Gut möglich, dass wir Wesentliches verpassen, das er uns sagen möchte.
Neu ist dieses Problem nicht. Schon Samuel ging es bei seiner Berufung zunächst genauso. Obwohl noch ein Knabe, war er schon lange Tempeldiener in Silo. Er hätte Gottes Stimme kennen sollen. Seine Mutter hatte ihn schliesslich Gott geweiht (für heutiges Empfinden schwer nachvollziehbar und vielleicht übergriffig. Da Samuel ganz besonders als Geschenk Gottes verstanden wurde, für damaliges Denken aber logisch). Samuel lebte seit je im Tempel, konnte sich wohl gar nicht an die Zeit erinnern, als er noch bei seiner Mutter war. Dafür wusste er Bescheid über den Glauben. Er kannte jeden Brauch, jedes Ritual und alle Gebete. Niemand wusste mehr über Gott. Und doch erkannte er dessen Stimme nicht. Hatte er sich zu sehr an Gottes Nähe gewöhnt? War er betriebsblind geworden?
Ein wenig tröstet es mich, dass sogar Samuel Gott nicht auf Anhieb erkannte und verstand. Schliesslich: Wie oft komme ich selbst einfach nicht darauf, was Gott mir sagen will. Zudem zeigt es: Bei Gott kann man auf Überraschungen gefasst sein. Er spricht uns an, wann, wo und wie er will. Vielleicht dort, wo wir darauf warten, z.B. im Gottesdienst, in der Stillen Zeit oder im Gebet. Vielleicht aber auch ganz anderswo. An einem Ort und zu einem Zeitpunkt, wo wir nicht mit ihm gerechnet hätten.
Gott hat noch oft mit Samuel gesprochen. Samuel lernte und wurde gut darin, seine Stimme zu hören und zu verstehen. Es wurde sogar sein Beruf, Gott zuzuhören und in seinem Namen zu reden. Samuel hat viel mit ihm erfahren. Bestimmt hat er im Laufe seines Lebens immer besser verstanden, warum er beim ersten Mal Gottes Stimme nicht erkannte.
Darum möchte ich jetzt Samuel selbst reden lassen. Ich stelle mir vor, wie er als alter Mann auf sein Leben zurückblickt und von seinen Erfahrungen als Sprachrohr Gottes erzählt.
Wenn wir ihn heute hier haben könnten, würde Samuel wohl zunächst betonen, dass Gottes Stimme tatsächlich selten zu hören sei. Gottes Wort ist ein seltenes, und deshalb umso wertvolleres Ereignis. Nicht jeder gute Gedanke und lange nicht jede fromme Fantasie ist gleich eine Offenbarung Gottes. Darum gilt es gründlich zu prüfen, was wir hören, sehen oder fühlen. Vergessen wir die Jahreslosung nicht (→ „Prüft alles und behaltet das Gute!“)! Das ist keine Aufforderung zum Unglauben, sondern zur Verantwortung. Denn es ist gefährlich, das Denken auszuschalten, sobald jemand behauptet, im Namen Gottes zu reden. Lange immer steckt Gott dahinter, wenn mit grossem Pathos schöne und fromme Worte gemacht werden. Ich werde den Eindruck nicht los, dass gerade in (frei-)kirchlichen Kreisen zu leicht von Visionen und Eindrücken geredet wird. Auch in den Social Media sehe ich viele Beispiele dafür, dass hemmungslos gesagt wird, dass viel zu selbstsicher zu wissen geglaubt wird, was Gott will.
Der Seher Samuel würde uns darum zu Respekt im Umgang mit Gottes Offenbarung und im Zitieren von Gottes Stimme raten. Er würde uns zu ehrlichen Formulierungen einladen — dass wir nicht zu wissen vorgeben, was wir doch höchstens ahnen. Er würde uns mahnen, keine Antworten zu geben, wo wir selbst noch danach suchen. Das würde Samuel betonen: Bescheidenheit, Zurückhaltung und Respekt sind wichtige Tugenden im Umgang mit dem Wort Gottes.
Doch nach dieser Warnung würde er umso mehr einladen, sorgfältig auf Gottes Stimme zu achten und zu horchen. Denn dass Gott etwas zu sagen hat, auch heute, dass weiss keiner besser als er, der ein Leben lang Gottes Sprachrohr für das Volk Israel war.
Bei aller Vorsicht bleibt es wichtig, immer und überall damit zu rechnen, dass Gott uns anspricht. Als Kind hatte Samuel Gottes Stimme nicht erkannt, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass Gott zu ihm redet. Sonst Gott sprach er ja auch höchstens zu Priestern und Propheten. Also hätte Gott den altehrwürdigen Eli anreden müssen, aber sicher nicht den jungen Samuel, der doch noch ganz grün war hinter den Ohren. – Naja, Gottes Gedanken sind anders als wir denken würden. Diese Lektion hat Samuel gelernt. Es ist mir, als hörte ich ihn sagen: ‘Gott hält sich nicht an Dienstwege und Hierarchien. Er spricht, wann er will, zu wem er will und wie immer er will.‘
Wer Gottes Stimme hören will, darf auf allerhand gefasst sein: Bileam hörte Gott durch seinen Esel reden (4.Mose 22, 28) und Elia nahm ihn erst wahr, als es ganz still und leise wurde (1.Kö 19,12f). Jesu Jünger vernahmen Gottes Stimme einmal in einem Donnerschlag (Jh 12,29) und zu Paulus redete er u.a. durch einen Traum (Apg 16,9f). Wie auch immer, Hauptsache ist, dass der Mensch auf Empfang geschaltet hat: Wie Samuel vom alten Eli lernte. Er solle sagen: ‘Rede Herr, dein Knecht hört!‘
Man muss auf Empfang schalten, sozusagen den Hörer abheben, damit Gott weiterspricht. Denn Gott spricht nicht weiter, wenn keiner antwortet. Nur wo er offene Ohren und Herzen findet, nur da sagt er, was er zu sagen hat. Man muss Gott also hören wollen, sonst bleibt er stumm. Man muss auf Empfang schalten … Dazu sind in unserer Welt besonders rare Güter nötig, nämlich Ruhe und Zeit. Es kann zu lärmig sein und man kann zu beschäftigt sein, um Gott zu vernehmen. Erst wenn man sich ganz auf ihn konzentriert, beginnt Gott zu reden…
… und dann, fährt Samuel fort, dann passiert etwas. Wo Gott Menschen direkt anspricht, da passiert etwas Einschneidendes. Das ist das sicherste Erkennungszeichen von Gottes Wort. Wenn Gott spricht, dann kommt Bewegung in eine Situation, dann kann nicht mehr alles bleiben, wie es bisher war. Gottes Stimme bringt einen auf Trab. Man muss gewohnte Bahnen verlassen und Abschied nehmen von guten Gewohnheiten und ausgetretenen Pfaden. Wenn Gott redet, dann beschränkt er sich nicht auf schöne Worte und fromme Belanglosigkeiten. Er stellt den Bezug zu unserem täglichen Leben her, das sich ändern (erneuern) soll. Gott beansprucht uns. Gottes Stimme ruft uns in den Dienst für sein Reich. Wenn wir sie nicht hören, könnte es vielleicht auch daran liegen, dass wir zu bequem sind, uns beanspruchen zu lassen, dass wir lieber sitzen bleiben als uns auf Trab bringen lassen …
Wie klingt Gottes Stimme? Woran ist sie zu erkennen? So lautete die Ausgangsfrage. Von Samuel können wir lernen, wie wichtig es ist, dass wir auf Empfang schalten, d.h. uns Freiraum schaffen, in dem wir uns ganz auf Gott konzentrieren können. Zwar ist es ein seltenes Ereignis, dass Gott hörbar zu einem Menschen spricht. Doch wo wir Zeit und Ruhe haben, werden wir ahnen und immer deutlicher merken, was Gott meint. Egal ob wir in der Bibel lesen, im Gebet verweilen oder wenn in der Stille das Wort eines Freundes plötzlich einen ganz neuen Klang erhält. Wir werden merken, dass Gott mit uns redet, wenn biblische Geschichten sich direkt in unsere Erfahrungen und Gedanken einmischen. Wir werden immer wieder erfahren und zu akzeptieren lernen müssen, dass Gottes Reden unser Leben verändert. Denn so viel ist sicher: Gott spricht nicht, um unser Leben so lassen, wie es ist. Sondern er will es verändern, verbessern, so dass es ihm dienen und uns gefallen kann.
Eine Bedienungsanleitung zum Hören und Erkennen von Gottes Stimme gibt es nicht. Rezepte gibt es nicht. Man kann aber Erfahrungen austauschen und sich auch auf diesem Weg üben, auf Gott zu hören. –Entscheidend wird immer wieder sein, konzentriert und aufmerksam hinzuhören. Auch Geduld ist wichtig, also, dass wir den Hörer nicht gleich wieder auflegen, wenn wir (noch?) nichts zu hören meinen. Am Anfang steht immer wieder das Gebet: “Rede, Herr, Dein Knecht bzw. deine Magd hört! Amen
