Amazing Grace (Gute Nachricht V)

Predigt vom 08.02.2026 in der EMK Adliswil zu Lukas 7,36–50

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Liebe Gemeinde,

noch ein­mal das The­ma: ‘Gute Nachricht’. Es hat uns in den bish­eri­gen Predigten des Jahres 2026 begleit­et. Vor ein­er Woche ging es um den Wortschatz des Glaubens. Davor haben wir darüber nachgedacht, dass wir als Christ:innen ein ‘Live-Tick­er’ für Gottes gute Nachricht­en sein kön­nen – und sollen. Weit­er haben wir die Gnade als das Haupt­wort des Evan­geli­ums iden­ti­fiziert. Sie ist die Art und Weise, wie Gott uns in Chris­tus begeg­net. Sie hat das let­zte Wort, muss das let­zte Wort haben. Zugle­ich ste­ht Gnade für das Protest-Poten­zial des Evan­geli­ums in unser­er leis­tung­sori­en­tierten Zeit. Sie wider­spricht mod­ern­er Gnaden­losigkeit und malt den Gege­nen­twurf Gottes zu unser­er Welt.
Dabei ist Gnade kein ide­ol­o­gis­ch­er (→ the­o­retis­ch­er) Kampf­be­griff. Son­dern sie geschieht und wirkt konkret. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von der Sal­bung Jesu durch eine Frau. Wir haben sie so, wie sie das Lk-Ev erzählt, bere­its als Schriftle­sung gehört. Gnade ist darin etwas Sinnlich­es. Sie wird riech­bar, füllt den Raum, ja das ganze Haus. Diesen Duft wird nie­mand je wieder vergessen haben, der oder die dabei war.

Alle vier Evan­ge­lis­ten erzählen die Geschichte. Dabei war sie ihnen wohl sus­pekt. Ich meine: Über die Liebe Gottes the­ol­o­gisieren ist das eine. Aber aushal­ten, dass diese Liebe sich so konkret, so fleis­chlich und, ja, sog­ar ero­tisch zeigen kann – das ist etwas ganz anderes. Eine uner­hörte und ‘un-ver­schämte’, eine gren­zw­er­tige Liebesgeschichte ist das näm­lich. Aber es waren zu viele dabei, als dass man sie hätte weglassen kön­nen in einem Evan­geli­um. Sie gehörte zum Bericht, wie Jesus die Liebe Gottes lebte. – An der Geschichte schei­den sich bis heute die Geis­ter. Das zeigt sich schon daran, wie unter­schiedlich die Evan­ge­lis­ten darüber bericht­en: Bei Mk und Mt ist es eine Frau, die Jesus den Kopf salbt. Das deuten sie betont als sym­bol­is­che Hand­lung im Blick auf Jesu bevorste­hen­den Tod. Als Sym­bol ist das Ganze weniger pro­voka­tiv. Lk spricht von ein­er Sün­derin (→ eine Frau mit zweifel­haftem Ruf), die Jesus ‘nur’ die Füsse salbt. Ausser­dem erk­lärt er mit einem Gle­ich­nis, dass Jesus der Frau eben ausseror­dentlich viel vergeben habe. So macht er ihr Ver­hal­ten zur Aus­nahme. Keine Andeu­tung von ‘Gehe hin und tue des­gle­ichen!’. Der Evan­ge­list Jh dage­gen iden­ti­fiziert die Frau als Maria. Die Schwest­er von Lazarus und Martha gehört zum eng­sten Umfeld Jesu. Eine andere Art, die provozierend intime Geste etwas nachvol­lziehbar­er, erk­lär­bar­er zu machen.
Auch vie­len The­olo­gen nach den vier Evan­ge­lis­ten – meis­tens Män­nern – war die Geschichte verdächtig. Zu intim. Sie fürchteten ero­tis­che Missver­ständ­nisse. Was selb­stver­ständlich mit allen Mit­teln ver­hin­dert wer­den musste. Darum wurde immer wieder ver­sucht, Jesu Begeg­nung mit dieser Frau so harm­los wie möglich zu deuten. Am besten rein sym­bol­isch.
Doch die Bibel wider­spricht solchen Ver­suchen. Gottes Liebe lässt sich konkret auf die Welt ein. Sie bleibt nicht keim­frei im Labor gefan­gen. Darum lehrte Jesus diese Liebe nicht nur. The­o­retisieren war seine Sache nicht. Er war am Leben inter­essiert. Darum lebte er die Liebe konkret, in allen Dimen­sio­nen und Facetten. Er war ganz Men­sch. Er kan­nte Trä­nen, Zorn und Zärtlichkeit. Er war ein Junge, der durch die Pubertät ging. Geheiratet hat er zwar nicht. Er kop­pelte sich als junger Mann früh von bürg­er­lichen Vorstel­lun­gen über Ehe und Fam­i­lie ab. Er ging seinen eige­nen, radikalen Weg. Doch alle die Gefüh­le, die sich mit der Liebe verbinden, kan­nte er aus eigen­er Erfahrung.

Dieser Jesus sitzt also beim Phar­isäer Simon am Tisch. Es ist eine exk­lu­sive Gesellschaft. Eine reine Män­nerrunde. Experten unter sich. Man disku­tiert und debat­tiert. Man führt kul­tivierte Gespräche über den Glauben und den Sinn des Lebens. Genau so hat­te es sich Simon vorgestellt, der Phar­isäer, der dieses Din­er ver­anstal­tete. Doch dann die Störung: Plöt­zlich platzt eine Frau here­in. Ob sie nun wie bei Lk eine Sün­derin oder wie bei Jh eine liebe Fre­undin vielle­icht gar eine heim­liche Verehrerin war, spielt eigentlich keine Rolle. Sie hält ein Flakon aus Alabaster in den Hän­den. Gefüllt mit Nar­denöl, einem Spitzen­par­fum der dama­li­gen Zeit. Chanel Nr. 5 wäre das heute zum Beispiel. Teur­er geht nicht. Importiert aus dem fer­nen Himalaya. Der Duft ist himm­lisch.
Alle schauen auf die Frau: Skep­tisch, arg­wöh­nisch, teils feind­selig. Aber sie lässt sich nicht beir­ren. Sie steuert direkt auf Jesus zu. Ver­mut­lich hat sie lange auf diesen Moment, auf diese Gele­gen­heit gewartet. Sie war eine von den ‘geistlich Armen’, denen Jesus das Glück ver­sprochen hat­te (→ Selig­preisun­gen). Und sie hat es dank ihm gefun­den. Sie ist ganz selig davon, wie Jesus sie beschenkt hat.
Nun will sie Jesus etwas zurück­geben. Ein ein­fach­es ‘Danke’ ist ihr viel zu wenig. Sie will ihm Liebe schenken, weil er sie zuerst geliebt hat und durch ihn alles neu gewor­den ist. So kam sie auf die Idee mit dem Par­fum. Vielle­icht etwas the­atralisch, über­trieben. Aber: Ist Liebe nicht gren­zen­los? Ist dieses Geschenk deshalb nicht völ­lig angemessen?
Sie kreiert in aller Öffentlichkeit einen sehr inti­men Moment. Für viele im Raum ist das eine Zumu­tung. Die Frau bricht das Flakon auf. Sie giesst das Öl über Jesu Kopf oder Füsse. Sie massiert es in die Haut. Trä­nen der Freude und der Dankbarkeit fliessen und ver­mis­chen sich mit dem Öl. Schliesslich, so berichtet Lk, weiss sie sich nicht anders zu helfen, als Jesu Füsse mit ihren Haaren zu trock­nen.
Die Män­ner im Raum ver­suchen, nicht hinzuschauen – und kön­nen den Blick doch nicht abwen­den. Die gelade­nen Gäste gehen im Stillen schon die Gebote durch und bere­it­en die Anklage der Frau vor. Und auch in den Köpfen von Jesu Jüngern rat­tert es. Sie berech­nen den Mark­twert des Öls. Für Ver­fechter eines ‘effek­tiv­en Dien­stes’ ist es pur­er Wahnsinn. Eine ver­ant­wor­tungslose Ver­schwen­dung von Ressourcen.

Doch genau das ist der sprin­gende Punkt: Liebe rechtet und rech­net nicht. Liebe schenkt. Gren­zen­los. — Diese Frau lässt Empathie, ja Intim­ität entste­hen. Damit erteilt sie alle den Män­nern eine wichtige Lek­tion. Wie arm wäre die Kirche, wenn nur Buch­hal­ter, Strate­gen und Opti­mier­er das Sagen hät­ten! Vielle­icht wäre die Kirche dann kor­rekt ver­wal­tet. Die Kasse würde bis zur siebten Stelle hin­ter dem Kom­ma stim­men. Aber wenn das Sal­böl fehlt, ist da keine Wärme. Keine Gnade. Die Frau ver­schwen­det Liebe aus Liebe zu Jesus. Ohne Prof­it­gi­er. Ohne Hin­tergedanken.
Und Jesus? Er reagiert genial. Er entzieht sich ihr nicht. Er geniesst die Nähe, die heil­same Wirkung dieser Sal­bung. Und er nimmt sie in Schutz gegen die Wächter über Sitte und Wahrheit. Er deutet ihre Tat the­ol­o­gisch: «Sie hat mich für mein Begräb­nis gesalbt.» — Nicht, dass dies die ganze Wahrheit wäre. Aber es nimmt den Kri­tik­ern den Wind aus den Segeln.
Kein­er der grossen ‘Glauben­shelden’ hat Jesus zum Mes­sias, zum Gesalbten, gemacht. Nicht Petrus, kein­er der anderen Jünger, auch nicht der Gast­ge­ber Simon. Aber diese Frau tut genau dies. Sie macht Jesus zum Gesalbten, zum Auser­wählten Gottes. Indem sie sich das Recht genom­men hat, rück­sicht­s­los zu lieben. Und Jesus zieht sie aus dem Sper­rfeuer der Kri­tik. Das ist das Wesen der Gnade: Wo wir uns zu sehr aus dem Fen­ster lehnen und vielle­icht sog­ar über die Stränge schla­gen, sieht die Gnade uns fre­undlich an. Wohlwol­lend. Liebevoll. Und sie ste­ht für uns ein, wenn andere uns verurteilen.

Dieselbe Gnade fand Jahrhun­derte später einen Mann namens John New­ton. New­ton war ein Aben­teur­er, mit der Nase für gute Geschäfte. Dabei abso­lut skru­pel­los. Sein Geld ver­di­ente er als Sklaven­händler. Er war, das sagte er sel­ber, ‘lost’ = ver­loren. Er war ‘blind’ für das unendliche Leid, das er über viele Men­schen brachte. Ein har­ter, got­t­los­er Mann auf einem Schiff voller Elend.
Doch in ein­er Sturm­nacht auf See fand ihn die Gnade. John New­ton begriff: «Ich kann mich nicht selb­st ret­ten!» Alles, was er war und später wurde, ver­dank­te er dem Gott, der ihm – dem Sklaven­händler – mit Verge­bung begeg­nete. Er schrieb später das Lied ‘Amaz­ing Grace’. Amaz­ing grace! … That saved a wretch like me! — Was für eine erstaunliche (eigtl. zu schwach: eher ‘umw­er­fend’, über­wälti­gend’) Gnade, die einen Elen­den wie mich ret­tete.“ — Wal­ter und Annegreth Klaiber haben den englis­chen Text in eine sehr poet­is­che deutsche Fas­sung über­tra­gen. Wir  haben es heute schon gesun­gen: „O Glück der Gnade! Gottes Hand und Augen sucht­en mich. Ich war ver­lorn, bis er mich fand, war blind, jet­zt sehe ich!“
John New­ton hat­te ver­standen: Gnade ist kein Bil­li­gange­bot. Sie ist wie das Nar­denöl der Maria – kost­bar, lebensverän­dernd und manch­mal provozierend. Gnade bedeutet, dass wir trotz unser­er Ver­gan­gen­heit ein „Bleiberecht“ bei Gott bekommen.

Zum Abschluss der Predigten über die guten Nachricht­en Gottes feiern wir heute das Abendmahl. Das passt wun­der­bar. Denn wir feiern damit genau das: Gnade ist die offene Tür. Gnade schafft Platz für alle in ein­er bun­ten Gemeinde.
Sein Tisch, an den wir treten, ist wie das Haus des Simon. Mit dem entschei­den­den Unter­schied: Hier wird nie­mand schief angeschaut. Hier gibt es keine Body­guards, keine Sit­ten­wächter und keine Wahrheits­fa­natik­er. Nie­mand schiebt uns weg.
Ein­ge­laden vom Chris­tus, dem Gesalbten, wer­den wir am Abendmahlstisch selb­st zu Gesalbten. Wir schmeck­en und sehen, dass der Herr fre­undlich ist. Wir brin­gen unsere Brüche, unsere „blind­en Fleck­en“ und unsere Sehn­sucht mit. Darum:

  • Kommt, wenn ihr euch wie die Frau fühlt: Über­wältigt von Liebe und Dankbarkeit.
  • Kommt, wenn ihr euch wie John New­ton fühlt: Erstaunt, dass Gott euch über­haupt noch sucht.
  • Kommt, wenn ihr euch wie Simon fühlt: Und merkt, dass euer Herz wieder weich wer­den muss.

Gnade ist pures Glück. Sie find­et dich heute hier. Am Tisch Christi ist Platz für Lei­den, für Schmerz, aber vor allem für das grosse „Willkom­men“ Gottes. Wir feiern, was das Beste von allem ist: Gott ist mit uns. Und Gott ist für uns. Die ret­tende Gnade Gottes ist offen­sichtlich gewor­den in Jesus Chris­tus. Und sie gilt uns allen. Amen

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