Zäme — als Team unterwegs (d’Chraft vom Mitenand VI)

Predigt am Son­ntag, 03.05.2026 in der EMK Adliswil zu Matthäus 10,1–4

«Ein­er mag über­wältigt wer­den, aber zwei kön­nen wider­ste­hen, und eine dreifache Schnur reisst nicht leicht entzwei.» So haben wir zu Beginn des Gottes­di­en­stes aus Predigt 4,12 gehört. Darum, wie unser Miteinan­der zur reiss­festen Schnur wird, geht es jet­zt auch in der Predigt.
Wir sind immer noch in der Rei­he ‘Zäme – d’Chraft vom Mite­nand’. Es ist die sech­ste Predigt. Eigentlich sog­ar die achte, denn auch die Predigten an Kar­fre­itag und Ostern haben sich, wenn auch ausser­halb der Rei­he, mit dem Fun­da­ment unseres Miteinan­ders beschäftigt. Am Kar­fre­itag ging es um den grösst­möglichen Gegen­satz zum ‘Zäme’: Jesus erlitt die totale Ver­lassen­heit am Kreuz …. damit wir nie mehr ein­sam und gottver­lassen sein müssen. An Ostern aber feierten wir die ‘Kraft der Über­raschung’. Das ist die Aufer­weck­ungs-Energie Gottes, die jede Tren­nung aufhebt und eine ganz neue Art von Gemein­schaft stiftet. In der Predigtrei­he ging es vorher und nach­her um: ‘Zäme teile’; ‘Zäme am Tisch’; ‘Zäme singe’, ‘Zäme frei’ und ‘Zäme bäte’. Heute nun als sech­stes The­ma: ‘Zäme – als Team unterwegs’.

Schon John Wes­ley wusste: «Das Evan­geli­um Christi ken­nt keine andere Reli­gion als eine soziale; keine andere Heiligkeit als eine soziale Heiligkeit.» Anders gesagt: Glaube ist kein Solo­lauf, vielmehr ein Mannschaftss­port. Man kann nicht alleine Christ sein.
Wenn Glaube ein Mannschaftss­port ist, dann kann man die Frage stellen: Wie stellt denn der Train­er, Jesus Chris­tus, seine Mannschaft auf? Die Antwort des heuti­gen Predigt­textes, Matthäus 10,1–4, klingt so:

1Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich. Er gab ihnen die Voll­macht, böse Geis­ter auszutreiben und jede Krankheit und jedes Lei­den zu heilen.
2Das sind die Namen der zwölf Apos­tel: zuerst Simon, der Petrus genan­nt wird, und sein Brud­er Andreas, dann Jakobus, der Sohn von Zebedäus, und sein Brud­er Johannes, 3Philip­pus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zollein­nehmer, Jakobus, der Sohn von Alphäus, und Thad­däus, 4Simon, der Kananäer, und Judas Iskar­i­ot, der Jesus später ver­ri­et.            Mt 10,1–4 (Basis Bibel)

I. Jesus sucht sich Lehrlinge für die Strasse

Jesu Sendung in diese Welt ist auf Mul­ti­p­lika­tion, auf per­sön­liche Inspi­ra­tion und auf Ansteck­ung angelegt. Jesus war kein welt­fremder Gelehrter in einem Elfen­bein­turm. Er zog sich nicht in geschützte Winkel des Tem­pels oder von Syn­a­gogen zurück. Nein, er lebte seine Beru­fung unter­wegs, draussen’ bei den Men­schen. Er traf aller­lei Typen. Aus ihnen formte er sein Team. Denn für sein Pro­jekt, das ‘Reich Gottes’, wollte und brauchte er ein Team.
Jesus begeg­nete den Men­schen mit­ten im Leben. Als grossar­tiger Men­schenken­ner ent­deck­te er mit sicherem Gespür die ‘Tal­ente’. Sie rief er in sein Team. Dabei fällt auf: Es gab keinen Eig­nung­stest. Kein­er musste ein Moti­va­tion­ss­chreiben ver­fassen. Es gab auch keine lan­gen Inter­views mit dem HR. Und ein The­olo­gi­es­tudi­um musste auch kein­er nach­weisen. Kein­er, der ein­er von den zwölf wurde, hat sich vorher bekehrt. Jesus taufte auch keinen und ordinierte nie­man­den. Er rief sie ein­fach und sie gin­gen mit ihm. – «Es begab sich aber …
Jesus machte es, wie andere Rab­bin­er auch. Viele waren mit ein­er kleinen Gruppe von Schülern unter­wegs. Sie bilde­ten sie aus. Die Meth­ode dabei: Learn­ing by doing. Mar­tin Luther hat mit sein­er Bibelüber­set­zung für diese Män­ner sehr tre­f­fend das Wort ‘Jünger’ gewählt. Es stammt vom althochdeutschen Jun­giro, was schlicht ‘Lehrling’ bedeutet. Sie waren also nicht Studierende ein­er The­o­rie, son­dern Lehrlinge für e ein ‘train­ing on the job’. – Übri­gens: Lk legt Wert auf den Hin­weis, dass auch Jün­gerin­nen zu Jesu Team gehörten. In der namentlichen Aufzäh­lung des Kern­teams kom­men diese aber lei­der nicht vor.

II. Eine hochbrisante Mannschaft

Schauen wir uns dieses 12er-Team ein­mal genauer an. Dabei ist festzustellen: Es bestand aus sehr unter­schiedlichen und zum Teil extremen Charak­teren. Jed­er Fuss­ball­train­er weiss: Die Typen müssen zusam­men­passen. Son­st funk­tion­iert das nicht. Mit zu vie­len Alpha-Tieren explodiert das Team. – Jesu Team aber war eine explo­sive Mannschaft! Der Rei­he nach:
Da ist Simon Petrus. Kernig, kräftig, ein Draufgänger und Bin­nen­fis­ch­er. Sehr begeis­terungs­fähig. Aber auch mit niedriger Frus­tra­tionstol­er­anz. Mutig wagt er sich aufs Wass­er. Ein­mal vertei­digt er Jesus mit dem Schw­ert. Im entschei­den­den Moment aber erweist er sich als feige und ver­logen. Eine nor­male Per­son­al­rekru­tierung hätte Petrus kaum über­standen. Schliesslich war er vieles, aber kaum team­fähig.
Da sind da Johannes und Jakobus. Jesus nan­nte sie ‘Don­ner­söhne’. Sie waren unver­schämt, über­he­blich und woll­ten sie die besten Plätze im Him­mel sich­ern, rechts und links neben dem Chef. Solche Typen im Team zu haben, ver­langt Arbeit vom Leit­er. Immer wieder ver­mit­teln, damit das Team nicht zer­fällt.
Da ist Thomas, der Inbe­griff des Zwei­flers. Als Jesus nach sein­er Kreuzi­gung seinen Ver­traut­en erschien, fehlte Thomas im wichtig­sten Augen­blick. Er ist der Typ Men­sch, der fehlt, wenn es wirk­lich darauf ankommt. Und nach­her ent­standene Klarheit mit seinen Fra­gen wieder ins Wanken bringt.
Und da ist Judas Iskar­i­ot, der Kassen­führer. Der einzige im Team, der nicht aus Galiläa, son­dern aus Judäa stammte – ein Aussen­seit­er, der an Jesus irre wurde und ihn am Ende ver­ri­et.
Das grösste Sprengstoff­poten­zial aber steckt in der Kom­bi­na­tion von Matthäus und Simon. Matthäus war Zöll­ner. Das bedeutete damals: Er war ein Vertreter der römis­chen Besatzungs­macht, ein Kol­lab­o­ra­teur. Um des schnö­den Prof­its willen kassierte er seine eige­nen Land­sleute gnaden­los ab. Er galt als Inbe­griff des Ver­räters und Sün­ders. Auf der anderen Seite stand Simon, der Zelot, der Kanaanäer. Er war ein radikaler Nation­al­ist. Zeloten waren Män­ner, denen das Mess­er lock­er in der Jacke steck­te und die jed­erzeit bere­it waren, mit Waf­fenge­walt gegen die ver­has­ste römis­che Besatzungs­macht anzutreten.
Stellen Sie sich das vor: Ein Steuere­in­treiber der Besatzer und ein gewalt­bere­it­er Wider­stand­skämpfer im sel­ben kleinen Team! Es gren­zt an ein Wun­der, dass Simon dem Matthäus nicht nachts am Lager­feuer die Kehle durchgeschnit­ten hat. Jesus wählte bewusst diese Gegen­sätze, um zu zeigen: Ein­heit heisst nicht Einheitlichkeit!

III. Nie­mand kann alles, aber jed­er kann etwas

Diese bunte, span­nungs­ge­ladene Truppe ist das Urbild der Kirche. Wenn wir heute nach links und rechts schauen, sehen wir wohl wed­er römis­che Zöll­ner noch bewaffnete Zeloten. Aber wir sehen Men­schen mit unter­schiedlich­sten Prä­gun­gen, poli­tis­chen Mei­n­un­gen und Fröm­migkeitsstilen. Wir haben die Begeis­terten und die Zwei­fler, die From­men und die Fra­gen­den.
In 1. Korinther 12 greift Paulus, wie schön gehört, genau dieses The­ma auf. Er ver­gle­icht die Gemeinde mit einem Leib, der viele Glieder hat. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: «Ich brauche dich nicht!» Ger­ade weil das Team Jesu so extrem divers war, ergänzten sie sich. Die Botschaft lautet: Nie­mand kann alles, aber jed­er kann etwas.
Auch aus dem AT, aus Exo­dus 18 haben wir von der Kraft des Teams gehört. Mose meinte, das ganz Volk Israel alleine richt­en und führen zu müssen. Er arbeit­ete sich beina­he zu Tode, bis sein Schwiegervater Jethro zu ihm kam und sagte: «Was du tust, ist nicht gut. Du machst dich zu müde. Suche dir fähige Män­ner und teile die Ver­ant­wor­tung.» Mose musste ler­nen, dass selb­st der grösste Prophet ein Team braucht.

IV. Das Risiko der Einzelkämpfer

Wir neigen dazu, die grossen Glauben­shelden der Kirchengeschichte als ein­same Genies zu stil­isieren. Wenn wir an das Jahr 1517 und die Ref­or­ma­tion denken, haben wir das Bild von Mar­tin Luther vor Augen, wie er alleine gegen den Papst und den Kaiser ste­ht: «Hier ste­he ich, ich kann nicht anders».
Doch dieses Bild ist nur ein klein­er Auss­chnitt. Auch Luther brauchte ein Team, er war kein Einzelkämpfer! Er set­zte auf einen Kreis von engen Fre­un­den und bril­lanten Beratern. Ohne Philipp Melanchthon, den the­ol­o­gis­chen Berater und Sys­tem­atik­er, hätte die Ref­or­ma­tion keine fundierte Beken­nt­niss­chrift gehabt. Ohne Johannes Bugen­hagen fehlte der Organ­isator. Da waren Jus­tus Jonas und der geschick­te Poli­tik­er Georg Spalatin. Und nicht zulet­zt Luthers kluge Frau Katha­ri­na von Bora, die ihm oft genug den Kopf wusch und den Rück­en frei­hielt.
Die Kirchengeschichte und unsere eigene Erfahrung zeigen: Es gibt Beispiele für solis­tis­che Einzelkämpfer im Reich Gottes, die nie­man­den neben sich geduldet haben. Aber ihr Werk war sel­ten von langer Halt­barkeit. Die Idee Gottes ist die Gemein­schaft bzw. das Team. Gott berief Mose und Aaron. Josua und Kaleb. Jesus formte seine Jünger:innen zum Team. Auch Paulus zählte immer auf Unterstützer:innen. Wer sich als ein­samer Held insze­niert, muss scheit­ern. Jed­er und jede braucht Freund:innen um sich hat, die im richti­gen Moment kor­rigieren, ergänzen und helfen.

V. Das Geheim­nis der Team­bil­dung: Den anderen höher achten

Wie aber funk­tion­iert dieses Miteinan­der? Wie hat Jesus es geschafft, dass Matthäus und Simon der Zelot einan­der nicht zer­fleis­cht­en, son­dern zusam­men die Welt verän­derten? Wie schaf­fen wir es in der EMK Adliswil, als Team unter­wegs zu sein, ohne dass unsere Unter­schiede uns spal­ten?
Den Schlüs­sel dazu liefert uns Paulus. In Philip­per 2 for­muliert er das Kern­prinzip christlich­er Tea­mar­beit. Er schreibt: «Tut nichts aus Parteigeist oder eitler Ruhm­sucht, son­dern durch Demut ein­er den anderen höher achtet als sich selb­st.»
«Ein­er den anderen höher acht­en als sich selb­st.» Das ist die beste und anspruchsvoll­ste Team­bil­dungs­mass­nahme, die je for­muliert wurde. Es bedeutet, meine eige­nen Inter­essen nicht immer in den Mit­telpunkt zu stellen. Es bedeutet, zu erken­nen, dass der Brud­er oder die Schwest­er Gaben hat, die mir fehlen. Der struk­turi­erte Melanchthon musste den ungestü­men Luther höher acht­en, und der grobe Luther musste den weisen Melanchthon schätzen. Der auf­brausende Petrus brauchte den fein­füh­li­gen Johannes.
Wenn wir uns in Kon­flik­t­si­t­u­a­tio­nen auf dieses Prinzip besin­nen, wenn wir in Kon­flik­ten kon­se­quent nach dem solus Chris­tus (Allein Chris­tus) han­deln, dann verän­dert sich alles. Paulus schliesst diesen Gedanken näm­lich ab mit den Worten: «Denn ihr sollt so gesin­nt sein, wie Jesus Chris­tus auch war.»

VI. Zäme unter­wägs in Adliswil

Wir haben heute schon gesun­gen: ‘Wir sind eins in dem Her­ren’. Und: ‘Die Kirche Gottes ist vere­int’. Das ist das entschei­dende bei unserem Auf­trag. Wir gehören zusam­men und sind aufeinan­der angewiesen.
Wir alle sind Jünger:innen = Lehrlinge Jesu. Er hat uns nicht berufen, weil wir fehler­frei sind oder weil wir alle das­selbe the­ol­o­gis­che Diplom haben. Er hat uns gerufen, weil er weiss, dass wir im gemein­samen Unter­wegs­sein – im täglichen Miteinan­der – von ihm und voneinan­der ler­nen kön­nen.
Lasst uns darum eine Gemeinde sein, in der die Vielfalt gefeiert wird. Wo die Zwei­fler sich neben den Hochmo­tivierten auf die Kirchen­bank set­zen dür­fen. Wo wir aushal­ten, dass der eine lieber laut disku­tiert und die andere lieber in der Stille betet. Wir müssen nicht alle gle­ich sein, um eins zu sein!
Die Chraft vom Mite­nand ent­fal­tet sich genau dort, wo wir in Demut anerken­nen, dass wir einan­der brauchen. Wenn mein Brud­er stolpert, helfe ich ihm auf. Wenn meine Schwest­er im Glauben kraft­los ist und nicht beten kann, dann glaube und bete ich stel­lvertre­tend für sie mit. Eine dreifache Schnur zer­reisst nicht leicht.
Lassen wir uns von Jesus, dem Meis­ter-Train­er, zusam­men­fü­gen. Gehen wir mutig, liebevoll weit­er. Entwick­eln wir uns immer mehr zum Dream-Team Gottes. Gemeinde/Kirche sein heisst: Zäme als Team unter­wegs zu sein. Amen

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