Zäme frei (d’Chraft vom Mitenand IV)

Predigt vom 29.03.2026 in der EMK Adliswil zu Galater 5,1.13–14

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Liebe Gemeinde,

schon seit ein­er Weile sind wir in den Gottes­di­en­sten unter dem Mot­to ‘Zäme – d’Chraft vom Mite­nand’ unter­wegs. Dies, weil christlich­er Glaube kein Solo­lauf ist, son­dern ein Mannschaftss­port. Weil wir zusam­menge­hören und einan­der brauchen. Wir haben schon nachgedacht übers ‘Zäme teile’ und über Gast­fre­und­schaft unter dem Mot­to ‘zäme am Tisch’. Schliesslich haben wir am ver­gan­genen Son­ntag aus vollem Herzen und voller Kehle ‘zäme gsunge’.
Heute geht es um ein The­ma, das nicht zum ‘Zäme’ zu passen scheint: Frei­heit. Sie ist eine wesentliche Säule unseres Glaubens. Das Evan­geli­um bedeutet Frei­heit von Schuld und von Belas­tun­gen, bedeutet Erlö­sung. Das aber denken wir vor allem indi­vidu­ell. Wie sind Frei­heit und Miteinan­der zusam­men zu denken? Wie ist es zu ver­ste­hen, dass jed­er und jede ganz frei ist … und doch in eine Gemein­schaft inte­gri­ert? Was eben auch Verpflich­tun­gen bedeutet. Das The­ma dieser Predigt lautet also ’Zäme frei’.

Frei­heit ist ein gross­es The­ma in der Schweiz: Wir pfle­gen die Erin­nerung an den Frei­heit­shelden Wil­helm Tell. Wir feiern unsere Unab­hängigkeit mit Höhen­feuern und wehen­den Fah­nen auf Berggipfeln. Wir bes­tim­men, wie es bei uns läuft. Da hat uns nie­mand dreinzure­den. Wir sind frei. Punkt. – Wie real­is­tisch diese Frei­heit ist, ste­ht auf einem anderen Blatt. Und ob wir uns auch frei ver­hal­ten, ist noch ein­mal eine ganz andere Frage.
Ein Tourist soll einen Schweiz­er beobachtet haben, der jeden Abend um Punkt 22 Uhr das Licht auf dem Balkon löschte. Er wollte dann wis­sen, ob es eine geset­zliche Verpflich­tung dazu gebe. Das verneinte der Schweiz­er. Und erk­lärte weit­er: «Ich bin ein freier Bürg­er! Ich entschei­de ganz unab­hängig, dass ich mache, was in der Hau­sor­d­nung ste­ht. Meine Nach­barn sollen ja nicht denken, ich sei ein Rebell!»
Wir lieben die Frei­heit – solange sie genau definiert ist (eigentlich ein Wider­spruch in sich) und nie­man­den stört. Dabei merken wir kaum, wie oft unsere Frei­heit darin beste­ht, uns frei­willig den Erwartun­gen ander­er anzu­passen. Es gibt eine ‚Schere im Kopf‘, die unsere Frei­heit nur allzu oft und leicht beschnei­det.
Das gibt es auch im Blick auf den Glauben. Und es kam schon zu Paulus’ Zeit­en vor. In den Gemein­den in Gala­tien hat­ten Christ:innen begonnen, sehr strikt den jüdis­chen Fes­tkalen­der wieder einzuhal­ten. Sie waren in eine strenge Geset­zlichkeit zurück­ge­fall­en. Ihnen schreibt Paulus in Galater 5,1.13–14:

Chris­tus hat uns befre­it, damit wir endgültig frei sind. Bleibt also stand­haft und unter­w­erft euch nicht wieder dem Joch der Sklaverei!
Brüder und Schwest­ern, ihr seid zur Frei­heit berufen! Aber benutzt eure Frei­heit nicht als einen Vor­wand, um eur­er men­schlichen Natur zu fol­gen. Dient euch vielmehr gegen­seit­ig in Liebe. Denn das ganze Gesetz ist erfüllt, wenn ein einziges Gebot befol­gt wird. Näm­lich fol­gen­des: »Liebe deinen Mit­men­schen wie dich selb­st!«                      Galater 5,1.13f (Basis Bibel)

I. Die Sehn­sucht nach Frei­heit und die „Schere im Kopf“

Frei­heit! Sie ist die uralte und tiefe Sehn­sucht aller Men­schen: Unab­hängig sein. Selb­st entschei­den kön­nen. Sich von nie­man­dem reinre­den lassen müssen. – Dank Chris­tus seid ihr frei! Endgültig! Daran erin­nert Paulus die Galater. Er befre­it aus Abhängigkeit­en, Unter­drück­ung, Pflicht­en und Zwän­gen. – Wer frei gewor­den ist, lässt sich bes­timmt nie mehr unter­drück­en. Schon gar nicht frei­willig. So würde man denken. Und doch mah­nt Paulus: ‘Unter­w­erft euch nicht erneut der Sklaverei!’ Als gäbe es das Risiko, sich frei­willig unfrei zu machen.
Wir sind frei, als in der CH Wohnende genau­so wie als Christ:innen. Jeden­falls ziem­lich. Oder etwa doch nicht? Die The­olo­gin Christi­na Brud­ereck stellt ein­mal fest, dass wir oft gar nicht von aussen eingeschränkt wer­den. Son­dern von innen, von uns selb­st. Sie nen­nt das ‘Selb­stzen­sur’ oder die ‘Schere im Kopf’.
Du kennst das wohl auch: Du hast eine richtig gute Idee. Doch bevor du sie aus­ge­sprochen hast, meldet sich eine innere Stimme: «Was wird der Chef dazu sagen? Was wer­den die Nach­barn denken? Darf man das als Christ über­haupt empfind­en, denken oder aussprechen?» Wir haben Angst davor, bew­ertet zu wer­den. So wie wir in der Schule Angst vor schlecht­en Noten hat­ten, so fürcht­en wir uns vor dem Urteil der anderen. Und sagen oft nicht, was wir denken oder zu sagen hät­ten, was uns wirk­lich dünkt. Zeigen nicht, wie es uns geht.
Christi­na Brud­ereck schreibt dazu messer­scharf: «Selb­stzen­sur ist eine grosse Feindin von Kul­tur, Demokratie und Spir­i­tu­al­ität.» Wenn wir uns ständig selb­st zen­sieren, ver­steck­en wir uns. Wir block­ieren selb­st, das zu sagen, schreiben oder äussern, was wir wirk­lich denken. Wir mauern uns ein. Und wer­den unfrei, weil wir uns von den Erwartun­gen ander­er – oder von dem, was wir für ihre Erwartun­gen hal­ten – ver­sklaven lassen. – Genau in solche innere Unfrei­heit erin­nert und mah­nt Paulus: «Zur Frei­heit hat uns Chris­tus befre­it! Lasst euch nicht wieder ver­sklaven!»
Frei­heit, so sagt Brud­ereck, ist die Grund­hal­tung, die wir Gott ver­danken. Gott wün­scht sich nicht Men­schen, die aus Angst vor Kri­tik, aus Sucht nach Anerken­nung oder schlicht aus Anpas­sungs­druck han­deln. Gott wün­scht sich freie, aufrecht gehende Men­schen.
Wie und wo kön­nen diese Frei­heit trainieren? Der beste Ort dafür, so glaube ich, ist das Gebet. Und da rede ich jet­zt vom Zwiege­spräch mit Gott im ‘stillen Käm­mer­lein’. Wenn ich allein bin mit meinem Gott. Da gibt es keine Zen­sur. Keine Regeln. Keine Note. Nie­man­den, der mithört. Oder gar kom­men­tiert. Es gibt keine Kri­tik. Betend kön­nen wir unsere Sehn­sucht, unsere Äng­ste, auch Zweifel, Wut und Frust ungeschminkt vor Gott brin­gen. Und ich bin überzeugt: Wenn wir ler­nen, vor Gott radikal ehrlich und frei zu sein, dann wächst in uns der Mut, auch in der Welt frei zu sein und unsere Stimme zu nutzen. Aus dem Gebet, aus der Verbindung mit Chris­tus wächst die Frei­heit, unab­hängig zu sein, zu reden und zu handeln.

II. Zäme frei: Keine Frei­heit ohne Verantwortung

Aber …  ja, ohne ein Aber geht es heute nicht. Denn Frei­heit ist ambiva­lent. Im bib­lis­chen Sinn ist Frei­heit ganz sich­er nicht ein­fach gren­zen­los­er Indi­vid­u­al­is­mus nach dem Mot­to: ‘Haupt­sache, es stimmt für mich!’ Viele in unser­er Zeit und Gesellschaft ver­ste­hen Frei­heit genau so: «Ich darf alles tun, was ich will, wann ich es will, und nie­mand hat mir reinzure­den.» Bildlich gesprochen: Man stellt sich Frei­heit vor wie eine ein­same Wiese am Wal­drand. Da ist man allein. Wird endlich von nie­man­dem mehr gestört. Kann tun und lassen, was immer man will. Doch eine Frei­heit, die nur funk­tion­iert, wenn alle anderen weit weg sind, ist sehr zer­brech­lich.
Frei­heit im Sinne der Bibel ste­ht immer in der Span­nung zwis­chen Indi­vidu­um und Kollek­tiv. Die Frei­heit der Einzel­nen und die Ansprüche der Gemein­schaft sind zueinan­der in Beziehung zu brin­gen. Paulus for­muliert im Galater­brief pro­vokant. Zuerst ruft er: «Ihr seid zur Frei­heit berufen!» – nur um im näch­sten Atemzug zu ergänzen: «Dient einan­der aber gegen­seit­ig in Liebe.»
Das klingt wider­sprüch­lich! Sind wir denn frei? Oder sind wir Diener:innen? In ein­er sein­er besten Schriften hat sich der Refor­ma­tor Mar­tin Luther damit befasst. Sie trägt den Titel ‘Von der Frei­heit eines Chris­ten­men­schen’. Darin schreibt er: «Ein Chris­ten­men­sch ist ein freier Herr über alle Dinge und nie­man­dem unter­tan.» Gle­ichzeit­ig gilt genau­so: «Ein Chris­ten­men­sch ist ein dien­st­bar­er Knecht aller Dinge und jed­er­mann unter­tan.»
Bib­lisch gese­hen bedeutet Frei­heit also nicht ‘Ich darf alles!’ Aber bin ich dank Chris­tus auch ‘frei von mir selb­st – für die Mit­men­schen!’ Von Chris­tus geschenk­te Frei­heit erlöst mich vom ständi­gen Kreisen um mein Ego. Ich muss nicht mehr krampfhaft ver­suchen, mich selb­st zu pro­fil­ieren. Ich muss nicht mehr meine Gefüh­le oder Gedanken ver­leug­nen, um anerkan­nt zu wer­den. Ich brauche mich auch nicht durch Selb­stzen­sur zu schützen. Weil ich dank Chris­tus weiss: Ich bin von Gott geliebt, anerkan­nt und respek­tiert. Das gibt mir Wert und macht mich frei für die Mit­men­schen. Was ja nichts anderes bedeutet als: Let­ztlich ist die Liebe das Mass der Freiheit.

III. Frei­heit als Dienst: Vom Knecht zum Freund

Und damit komme ich zurück auf die heuti­gen Schriftle­sun­gen. Aus dem AT haben wir gehört, wie Fas­ten im Sinne Gottes aussieht: Nach Jesa­ja 58 geht es dabei nicht um eine Fröm­migkeit­sleis­tung, son­dern um die Über­win­dung von Ungerechtigkeit. Frei­heit leben heisst, sich dafür einzuset­zen, dass sich die Fes­seln Gefan­gener lösen. Wir sind erst wirk­lich frei, wenn wir die Fes­seln unser­er Mit­men­schen gemein­sam lösen. ‘Zäme frei’ heisst also: «Meine Frei­heit ist unvoll­ständig, solange du noch gebun­den bist.»
Als ntl Lesung haben wir Jesus in Jh 15 sagen hören: «Ich nenne euch nicht mehr Knechte… vielmehr habe ich euch Fre­unde genan­nt.» Das ist Herz christlich­er Gemein­schaft! Der Über­gang von der Magd zur Fre­undin, vom Knecht zum Fre­und. Das ist der Weg von Unfrei­heit und Zwang zu Frei­heit und zu Ver­trauen. Er macht es möglich, dass wir uns in der Gemeinde auf Augen­höhe begeg­nen. Wir sind zäme, weil Chris­tus uns dazu befre­it hat.
Je mehr wir das verin­ner­lichen, desto bess­er wird unser Miteinan­der: Wir lassen einan­der Raum. Wir geste­hen einan­der zu, unter­schiedliche Mei­n­un­gen zu haben. Keine ‘Schere im Kopf’, wed­er für uns selb­st noch für andere. Wir hal­ten lock­er aus, dass die einen Taizé-Lieder mögen und andere nichts damit anfan­gen kön­nen. Es ist kein Prob­lem, dass die einen gerne viel reden und andere lieber zuhören. Dass wir unter­schiedliche Lebens­mod­elle leben. Ob uns Gott als Vater oder als Heiliger Geist näher ist. Ob wir gute litur­gis­che Ord­nung lieben oder kreatives, spon­tanes Chaos bevorzu­gen (Nie vergessen: Die Schöp­fung ent­stand aus dem Chaos, nicht aus der Ord­nung). Etc. Wir müssen nicht alle gle­ich sein, um eins zu sein. Deshalb kön­nen wir auf Selb­stzen­sur verzicht­en und uns einan­der zeigen, wie wir wirk­lich sind und wie es uns geht. Wir hören einan­der zu und verzicht­en so weit wie nur möglich auf Wer­turteile. Wir ermuntern uns gegen­seit­ig, mutig unsere Begabun­gen einzuset­zen und etwas auszupro­bieren, auch wenn dabei vielle­icht Fehler passieren. Das alles schafft viel Freiraum, in dem wir füreinan­der da sein und einan­der dienen kön­nen. Wenn meine Schwest­er fällt, verurteile ich sie nicht, son­dern helfe ihr wieder auf. Wenn mein Brud­er zweifelt, glaube ich für ihn mit. Und ich kann mich darauf ver­lassen, dass das umgekehrt andere für mich tun, wenn es nötig ist. Wir dienen einan­der in der Liebe, denn, wie Paulus sagt, «das ganze Gesetz ist erfüllt, wenn ein einziges Gebot befol­gt wird: Liebe deinen Mit­men­schen wie dich selbst!»

Wir sind zur Frei­heit berufen. Diese Frei­heit begin­nt in unseren Köpfen und Herzen. Sie weigert sich, sich den Stem­pel der Angst oder des blind­en Zeit­geistes auf­drück­en zu lassen.
Christi­na Brud­ereck lädt ein: „Ich möchte dich aus­drück­lich ein­laden, in Frei­heit zu leben.“ Geben wir die Schere in unserem Kopf ab. Geniessen wir die gren­zen­lose Frei­heit im Gebet, vor unserem Gott, der uns zutief­st bejaht. Und dann ste­hen wir auf und teilen diese Frei­heit miteinan­der. Lasst uns Freund:innen sein, die einan­der dienen. Denn genau darin ent­fal­tet sich die volle „Chraft vom Mite­nand“.
Ich schliesse mit einem Gebet aus Christi­na Brud­erecks Buch ‘Liebe, Licht und Leichtigkeit’: „Ich bete für die Frei­heit. (…) Rede du mir ins Gewis­sen, dass ich meine Stimme nutze. Lock mich immer wieder auf den Weg der Frei­heit, des Friedens. (…) Ich möchte das Leben lieben und schützen und bitte dich, dass ich inner­lich frei bin und die äussere Frei­heit zu schätzen weiss.“  Amen.

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