Predigt am Sonntag, 12.04.2026 in der EMK Adliswil zu Philipper 4,6–7

Copyright: erstellt mit Gemini 3
Macht euch keine Sorgen. Im Gegenteil: Wendet euch in jeder Lage an Gott. Tragt ihm eure Anliegen vor in Gebeten und Fürbitten und voller Dankbarkeit.
Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und Gedanken behüten. Er wird sie bewahren in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Philipper 4,6 (Basis Bibel)
Liebe Gemeinde,
noch kürzer: «Macht euch keine Sorgen … das Gebet ist die Lösung … so regiert der Friede Gottes in euren Herzen und Gedanken.» Das klingt gut! Aber können wir dem trauen? Ist es nicht allzu einfach? – Aber auch: Darf man so zweifelnd denken? Falls ja: Wo kann man das aussprechen?
Das Gebet gehört ganz selbstverständlich zum Glauben dazu. Dennoch ist es. gerade im frommen Umfeld, auch mit Tabus belegt. Es gibt z.B. manchmal einen unausgesprochenen Leistungsdruck. Längst nicht alle von uns sind begabte Beter:innen. Aber viele haben den Eindruck, das eigentlich sein zu müssen. Und Gebetsbegabung scheint sich an erlebten Erhörungen messen zu lassen. Wie schnell fixieren wir uns so auf messbare oder jedenfalls erzählbare Ergebnisse unseres Betens. Das Leistungsdenken spielt uns einen Streich und wir meinen, es käme beim Beten nur darauf an, was dabei Zählbares herauskommt. – Das würden wir zwar nie laut sagen. Aber wir verhalten uns leicht, als würden wir das glauben.
Dazu kommt: Beten ist etwas sehr Persönliches. Es erfordert Mut und Verletzlichkeit. Will ich wirklich, dass meine Mitchrist:innen genau wissen, was mich gerade plagt? Wo meine Abgründe oder meine Ängste liegen?
Ausserdem gibt es Missbräuche rund um das Gebet: Es gibt zum Beispiel die heimliche Kommunikation über das Gebet – wenn das Gebet benutzt wird, um anderen etwas durch die Blume mitzuteilen, weil man beim frommen Beten ja scheinbar unangreifbar ist. Oder den fatalen Irrglauben: Wer nur ‘richtig’ und intensiv genug betet, bekommt von Gott, was er oder sie will.
Lassen Sie es mich zu Beginn ganz deutlich sagen: Gebet hat gar nichts mit Magie zu tun. Es ist kein Zaubermittel, mit dem wir etwas erzwingen oder von Gott erpressen können. Und schon gar nicht ist das Gebet ein Mittel, um Mitbeter:innen etwas mitzuteilen. Vielmehr ist das Gebet Ausdruck der Beziehung zu Gott. In dieser Beziehung liegt die geheimnisvolle Kraft, die mich trägt und die uns trägt. Sie entfaltet sich ganz besonders darin, dass wir nicht nur für uns allein, sondern immer wieder ‘zäme’ beten.
Die Predigtreihe bis Pfingsten heisst: ‘Zäme – d’Chraft vom Mitenand’. Heute erkunden wir, inwiefern das Gebet die Kraft des Miteinanders fördert. – Klar: Christ:innen beten gemeinsam. Wie auch immer. Manche lieben Gebetsgemeinschaften oder das Stimmengewirr bei sogenannten ‘Bienenkorb-Gebeten’. Andere könnten fast endlos Gebete singen. Wobei die Geschmäcker ja verschieden sind. Taizé-Lieder und Worship-Songs sind nur zwei von vielen Optionen dafür. Den dritten ist das gemeinsame Schweigen sehr wichtig. Noch einmal anderen kommen Gebetszeiten, egal in welcher Form, aber sehr lang, um nicht zu sagen: unendlich vor.
Das reicht wohl schon, um festzustellen: Die Form des Gebets ist nicht das Entscheidend. Auch nicht seine Länge. Schon gar nicht die gewählten Worte. Dennoch: Das gemeinsame Gebet, die Fürbitte füreinander, das Denken aneinander … darin wurzelt die Kraft unseres Miteinanders. ‘Zäme bäte’ ist so etwas wie die ‘Zentrale’ von Gemeinde und Kirche.
Warum ‘zäme bäte’ und nicht alle je für sich allein? Die Kraft kommt doch sowieso von Gott. – Die gehörte Lesung aus dem AT liefert ein starkes Argument: Moses steht auf dem Berg und betet für sein Volk im Tal (Ex 17,8–12). Solange er die Hände oben zu halten vermag, geht es gut. Aber Moses ist nur ein Mensch. Und Krafstudios kannte man damals noch nicht. Also wird er irgendwann müde. Seine Arme sinken … und unten schlägt das Pendel auf die andere Seite. Was hilft nun? Aaron und Hur eilen herbei. Sie stützen Moses Arme. Die Hände sind wir oben und für das Volk Israel läuft es besser.
Sehen wir davon ab, dass bedauerlicherweise eine kriegerische Auseinandersetzung den Rahmen dieser Geschichte bildet. Die Botschaft ist dennoch gut verständlich: Es gibt Zeiten in unserem Leben, da fehlt uns die Kraft zum Beten. Da fehlen die Worte, weil wir im dunklen Tal stecken, verzweifelt sind oder weil es uns buchstäblich die Sprache verschlägt. Paulus schreibt einmal: «Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Doch der Geist Gottes vertritt uns mit unaussprechlichen Seufzern.» (Röm 8,26). Das macht er nicht zuletzt durch Glaubensgeschwister, die uns stützen, die mit uns und für uns beten. Es ist, wie ich schon beim ‘Zäme singe’ sagte: Der Gesang der Gemeinde trägt uns, wenn die eigene Stimme vor Trauer oder Erschöpfung versagt. So auch beim gemeinsamen Gebet: Wenn ich nicht mehr beten kann, wenn meine Arme schwer werden, dann stehen andere da und stützen mich. Sie beten für mich mit. Niemand ist im Glauben allein auf sich gestellt. – Es war eine eindrückliche Erfahrung während meiner Depression vor acht Jahren: Beten ging nicht mehr. Auch Glauben eigentlich nicht. Doch es gab Menschen in der damaligen Gemeinde, die zu mir sagten: «Mach Dir keinen Stress. Wir beten und glauben für dich … bis Du es wieder kannst!»
Kommen wir noch einmal zum Bibeltext, den ich am Anfang der Predigt gelesen habe. In Philipper 4,6 heisst es: «Macht euch keine Sorgen. Im Gegenteil: Wendet euch in jeder Lage an Gott. Tragt ihm eure Anliegen vor in Gebeten und Fürbitten und voller Dankbarkeit.» Paulus sagt eben nicht: Betet nur, wenn ihr fromme und angemessene Worte findet. Sondern er sagt: In jeder Lage. — Die Bibel ist voller Gebete von Menschen, die ihre Zweifel, ihren Ärger und ihren Schmerz vor Gott bringen. Und ganz ungefiltert fragen – trotzig, unverschämt, vorwurfsvoll. Gott weist sie nicht ab. Er hört zu. Echtheit ist viel wichtiger als Anstand und Regeln. Wir dürfen alles vor ihn bringen. Wir dürfen uns sogar im Ton vergreifen.
Wenn wir das (→ Gebet) gemeinsam tun, geschieht etwas Spezielles: Die Gleichgültigkeit schmilzt. In der Fürbitte weitet sich unser Blick weg von unseren eigenen Sorgen hin zu den anderen. Christina Brudereck schreibt in ihrem Buch Liebe, Licht und Leichtigkeit unter der Überschrift «Fürbitte»: «Fürbitte bedeutet, anderen Gutes zu wünschen. Sie zu segnen. Für sie einzustehen».
Was passiert, wenn wir das tun? Brudereck bringt es auf den Punkt: «So muss die Gleichgültigkeit schmelzen.». Wenn ich für einen Menschen bete, dann kann er mir nicht mehr egal sein. Ich fange an, mich dafür zu interessieren, wie es ihm geht und was aus meinen Gebeten für ihn wird. Fürbitte ist also das beste Mittel gegen unsere eigene Gleichgültigkeit.
Christina Brudereck erzählt, dass sie eine lange Namensliste hat, damit sie niemanden vergisst. Für wen betet sie?
- Sie betet für ihre Freunde, ihre Familie, für Regierende und für ihren Stadtteil. (Das passt übrigens bestens zu ntl. Lesung aus 1. Timotheus 2, wo wir aufgefordert werden, für alle Menschen und Machthaber zu beten).
- Sie betet ganz bewusst für Frauen, die zu ihrem Leben gehören, bittet um Solidarität statt Konkurrenz.
- Sie betet manchmal unter Tränen für die Menschen, die sie an ihre Grenzen bringen.
- Und sie betet für ihre Allernächsten, mit denen sie unter einem Dach wohnt. Sie zitiert treffend: «Warum verletzt man immer die am meisten, die man liebt?». Gerade diese Menschen, denen wir uns zumuten, brauchen unseren Segen.
«Zäme bäte» heisst: Ich trete vor Gott und nenne ihm meine Sorgen. Meine Gebete verändern vielleicht nicht sofort die großen Weltnachrichten, aber sie verändern mich und meine Beziehung zu den Menschen, für die ich bete.
Noch einmal, was ich schon angedeutet habe: Vor ein paar Wochen beim Thema «Zäme singe» hiess es: Es gibt diese Momente im Gottesdienst, da bringt man vielleicht keinen einzigen Ton heraus. Weil man total aufgewühlt ist, voller Zweifel, oder schlicht gelähmt vor Trauer und Erschöpfung. Man sitzt einfach nur stumm da. Aber genau dann passiert etwas Wunderbares: Neben dir singt die Gemeinde. Die Geschwister singen für dich mit, und der Klang und der Glaube der anderen tragen dich.
Das ist Herz von «Zäme bäte». Wir alle kennen Phasen im Leben, in denen wir sprachlos sind. Wir kennen das bittere Gefühl, scheinbar ins Leere zu beten, wenn es so aussieht, als würden unsere Worte einfach an einem leeren Himmel abprallen. In diesen schweren Momenten dürfen wir uns die Worte unserer Geschwister leihen. Wenn mir die eigene Kraft zum Beten fehlt, dann stehen andere da und beten für mich. Das ist das tiefste Miteinander, das wir als Gemeinde leben können: Wenn meine Schwester fällt, helfe ich ihr wieder auf, und wenn mein Bruder zweifelt, glaube ich für ihn mit. Das ist echter Stellvertreter-Glaube.
Was beten wir also zusammen? Gemeinsam beten heisst, dass wir Hoffnung und Trost, die wir im Glauben finden, nicht für uns behalten. Das gehört nicht ins Bankschliessfach. Sondern wir teilen unsere Zuversicht.
Vor einer Woche haben wir Ostern gefeiert. Die Trotzkraft des Osterglaubens, die «Auferweckungs-Energie» darf und soll unsere Gebete inspirieren und tragen. Ostern ist Gottes ultimativer Protest gegen den Satz «Es war schon immer so». Wenn wir im gemeinsamen Fürbittgebet zusammenstehen, dann rebellieren wir mit genau dieser österlichen Trotzkraft gegen resignierte Sätze wie «Der kann nicht anders», «Daraus wird sowieso nichts» oder «Das ändert sich nicht mehr». Solche Festlegungen sind unchristlich, weil sie der schlechten Erfahrung mehr Recht geben als der guten Hoffnung und dem Gestern mehr glauben als dem Morgen.
Wenn wir zusammen beten, weigern wir uns, dem Gewohnten das letzte Wort zu überlassen. Wir rechnen fest mit Gottes Überraschungen. Wenn wir zusammen beten, halten wir den Raum offen für Gottes unbegrenzte Möglichkeiten. Wir vertrauen darauf, dass Gott uns und andere zum Staunen bringen kann und wird.
Wer von Euch hat eine Gebetsliste? – Nein, ihr müsst Euch nicht outen. Aber macht doch das Experiment im Alltag. Genau das, was Christina Brudereck in ihrem Buch vorschlägt: «Schreib ein paar Namen auf eine Liste und segne diese Personen regelmäßig.» Ob es ein Stück Papier an der Pinnwand ist, eine Notiz in der Agenda, oder eine Erinnerungsserie im Handy. Schreibt 3 oder 4 Namen von Menschen aus unserer Gemeinde, eurer Familie oder auch von jemandem, mit dem ihr euch gerade schwertut, auf. Betet jeden Tag kurz für sie. Wendet euch mit diesem Anliegen an Gott. Und beobachtet dann, was passiert: Ihr werdet merken, dass die Gleichgültigkeit schmilzt und sich die Beziehung zu diesen Menschen verändert. Wir sind zäme unterwägs, und wir werden zäme von Gott getragen.
Übrigens: Genau das machen wir eigentlich in der Gebetsgruppe und im Gebetschat. Und auch jene, die eine Gebetsliste der Gemeinde haben, tun das. Regelmässig an ein paar Leute denken. Für sie beten. Und so am ‘Zäme’ arbeiten. – Es ist gar nicht kompliziert oder schwierig. Aber sehr wichtig. ‘Zäme bäte’. Amen
