Predigt am Sonntag, 10.05.2026 in der EMK Adliswil zu Lukas 15,1–7

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zum siebten oder sogar schon zum neunten Mal (wenn wir Karfreitag und Ostern mitzählen) geht es um ‘Zäme – d’Chraft vom Mitenand’. Wir gehen dem Geheimnis von Gemeinde/Kirche auf den Grund, das da heisst: Glaube ist kein Sololauf, sondern ein Mann- und Frauschaftssport.
Nach ‘zäme teile’, ‘zäme am Tisch’, ‘zäme singe’, ‘zäme bäte’, ‘zäme frei’ und ‘zäme als Team’ heisst das Thema heute: «Zäme geborge – Guter Hirte und Herde». Das ist schon im Grusswort von Regula angeklungen: «Gott führt sein Volk wie ein guter Hirt» (Jes 40,11). Dazu haben wir Schriftlesungen gehört: Aus dem AT die prophetische Rede aus Hesekiel 34, in der Gott selbst sich als Hirten bezeichnet. Und aus dem NT einen Ausschnitt aus Jesu Hirtenrede in Jh 10.
Als Predigttext lese ich nun aus dem Lukasevangelium, Kapitel 15, die Verse 1–7:
Alle Zolleinnehmer und andere Leute, die als Sünder galten, kamen zu Jesus, um ihm zuzuhören.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber. Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab und isst sogar mit ihnen!«
Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis:
»Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon. Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe in der Wüste zurücklassen? Wird er nicht das verlorene Schaf suchen, bis er es findet?
Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr. Er nimmt es auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir! Ich habe das Schaf wiedergefunden, das ich verloren hatte.‹
Das sage ich euch: Genauso freut sich Gott im Himmel über einen Sünder, der sein Leben ändert. Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.« Lukas 15,1–7 (Basis Bibel)
I. Stimmt das Bild überhaupt?
Was ich mich immer wieder fragte: Stimmt das eigentlich, dass Schafe ohne Hirten nicht überleben können? Deshalb habe ich dazu etwas recherchiert. Ergebnis: Man muss differenzieren: Wildschafe wie das Mufflon und robuste, ursprüngliche Rassen kommen gut ohne Menschen klar. Sie werfen im Frühjahr ihre Wolle von selbst ab (wie jedes Wildtier, dass vom Winter- zum Sommerpelz wechselt). Und ihr Fluchtinstinkt ist auf Wachsamkeit und Vereinzelung in unwegsamem Gelände ausgelegt. Sie drängen sich nicht zusammen und machen es dem Angreifer noch einfacher als nötig.
Wenn man aber eine Herde von Hausschafen ganz sich selbst überlässt, dann stehen ihre Überlebenschancen tatsächlich schlecht. Dies hauptsächlich aus drei Gründen:
- Herdentrieb: Schafe haben einen starken Herdentrieb. Bei Gefahr fliehen sie nicht strategisch, sondern drängen sich eng aneinander. Ohne Hirte oder Schutzhund, der die Richtung vorgibt, kreisen sie panisch umeinander … und sind eine leichte Beute für Raubtiere wie Wölfe oder Luchse.
- Die Schattenseiten der Zucht: Haustiere wurden von Menschen über Jahrtausende durch Zucht optimiert. Das hat Nebenwirkungen. Heutige Schafrassen verlieren ihre Wolle nicht mehr von selbst. Wenn niemand sie schert, verfilzen sie, überhitzen im Sommer und werden anfällig für Parasiten. Auch die Klauenpflege muss von Menschen vorgenommen werden. Sonst sind schmerzhafte Entzündungen garantiert.
- Mangelndes Krisenmanagement: Hausschafe sind Gewohnheitstiere. Wenn das Futter ausgeht oder das Wetter schlecht wird, fehlt ihnen die Initiative, nach einem Ausweg zu suchen. Sie suchen sicher nicht in unbekanntem Gelände neue Weidegründe.
Schafe sind also durch Domestizierung tatsächlich so stark von Menschen abhängig geworden, dass sie ohne Hirten (oder wenigstens einen starken Zaun) in der Natur verloren wären. Sie brauchen Schutz und Lenkung. Darum wurde das Reden von der Herde ohne Hirten auch ausserhalb der Sprache des Glaubens zum Sinnbild für Menschen, denen es an Struktur, Führung oder einem gemeinsamen Ziel fehlt. – Das Bild stimmt also insofern, als Schafe tatsächlich einen Hirten brauchen.
II. Das kitschige Bild und der echte Hirte
Und was ist mit dem Bild von Jesus als dem guten Hirten? Der Theologe Jürgen Mette beschreibt in einem Buch ein imposantes Schlafzimmerbild im Goldrahmen, das früher bei seinen Grosseltern hing: Darauf Jesus als der gute Hirte. Er sah darauf aus wie ein zahmer Hippie, blass, etwas verträumt und mit langen lockigen Haaren. Auf seinen Schultern trug er ein strahlend weisses Lämmchen, das aussah wie frisch aus einer Perwollwerbung. Die Landschaft dahinter: paradiesisch schön. Ein idyllisches Bild, das vermittelt: Da bin ich in Sicherheit. Vielleicht erinnern Sie sich auch an solche Hirtenbilder. — Allerdings: Wie realitätsnah ist das? Echte Hirten, ob bei uns oder im Nahen Osten, sind keine weichgezeichneten Softies. Es sind vielmehr harte Burschen. Wilde Gesellen, die mit ihren Herden durch mitunter sehr karges und raues Land ziehen. Sie schlafen draussen bei ihren Tieren auf dem harten Boden. Sie riechen nach Schaf. Keine coolen Cowboys hoch zu Ross mit Hut.
Solche Typen sind Vorbild für den guten Hirten. Das zeigt ganz Wichtiges über Gott aus: Er ist kein distanzierter Held, der von oben herab gelegentlich fromme Tipps gibt. Unser Gott teilt vielmehr unsere Lebenswirklichkeit. Er ist mit dabei. Gerade wenn es staubig und schmutzig ist. Auch wenn die Luft alles andere als frisch riecht. Er schläft bei uns auf dem harten Boden. Er riecht nach uns. Er ist solidarisch mit uns, mit all unseren Fehlern und Schwächen.
III. Schicksalsgemeinschaft: Der Druck ist weg!
Damit zurück zu den Schafen: Gemütliche Tiere, nicht gerade die hellsten. Ziemlich orientierungslos. Ihr Blöken klingt nicht gerade majestätisch. Und ihr Blick wirkt etwas ‘belämmert’. Ein Schaf ohne Hirte ist verloren. Es hat kaum Verteidigungsmechanismen und keinen Orientierungssinn. – Deshalb wehre ich mich übrigens in der Regel, wenn mich jemand auf ‘meine Schäfchen’ anspricht und damit euch, ‘meine’ Gemeinde meint. «Das sind keine dummen Schafe, das sind erwachsene Menschen», pflege ich dann jeweils zu sagen.
Wenn die Bibel von der Herde des guten Hirten spricht, zielt sie nämlich nicht auf die Defizite der Schafe. Sondern darauf, dass Hirte und Herde zusammengehören. Und deshalb gehört das Bild in die Reihe ‘Zäme – d’Chraft vom Mitenand’: Wir gehören zusammen, weil wir zum selben Hirten gehören. Er hält uns zusammen. Das befreit vom Druck, uns die Gemeinschaft selbst ‘erarbeiten’ zu müssen. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft unter Gottes Schutz.
Wie schnell meinen wir, das ‘Miteinander’ aus eigener Kraft herstellen zu müssen. Das führt zu Harmoniesucht. Wir glauben, perfekt miteinander funktionieren, immer gleicher Meinung sein, die gleichen Lieder mögen zu müssen. So entsteht enormer Leistungsdruck! Genau davon will das Bild von Hirte und Herde befreien. Die Schafe in einer Herde sind nicht ‘zäme’, weil sie einen perfekten Kreis bilden oder gelehrte theologische Gespräche führen könnten. Sie sind zäme, weil sie sich um den Hirten scharen. — Unser Miteinander basiert auf unserer gemeinsamen Bedürftigkeit. Wir blicken alle auf den guten Hirten. Das stiftet Einheit. Du musst dir deinen Platz in dieser Gemeinde nicht erarbeiten. Du gehörst dazu, weil der Hirte dich gerufen hat. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft unter Gottes Schutz.
IV. Die unvernünftige Logik der Liebe
Schauen wir uns nun die Situation im Predigttext genauer an. Jesus sitzt mit Zöllnern und Sündern am Tisch. Und wer regt sich auf? Die ‘Saubermänner’, die treusten aller Frommen, die Sündenfahnder. Sie suchen ständig nach schwarzen Schafen, um sie auszusortieren. Sie murren:«Mit solchem Gesinde gibt sich Jesus ab! Das kann doch wohl nicht wahr sein!» — Als Antwort fragt Jesus mit dem Gleichnis: Welcher Hirte lässt nicht die 99 in der Wüste zurück, um das eine Verlorene zu suchen?
Nun ja! Darauf hat sich keiner gemeldet. Es ist wirtschaftlich gesehen nämlich eine Dummheit: 99 Tiere unbewacht in der rauen Wüste stehen zu lassen, wo sie ständig bedroht sind. Und dies nur, um ein einziges dummes Schaf zu suchen, das irgendwo hängen geblieben ist. Ein normaler Hirte tut das nicht. Er würde eher sagen: «Mit Verlust muss man rechnen».
Aber der gute Hirte rechnet nicht so. Seine Logik ist anders: Es ist die Logik der Liebe. Er lässt die 99 stehen, seilt sich ab und klettert stundenlang durch die Schlucht. Vermutlich riskiert er sein eigenes Leben, bis er das verlorene Schaf gefunden hat. Warum? Weil für Jesus jeder einzelne Mensch von unendlichem Wert ist. Weil seine Liebe grösser ist als jede Vernunft. Er vergisst die Herde vorübergehend, um das eine Verlorene zu retten.
Das ist das Fundament unserer Geborgenheit: Selbst wenn du dich verirrt hast, selbst wenn du das Gefühl hast, abseits zu stehen, isoliert oder schuldig zu sein – der gute Hirte gibt dich nicht auf. Er sucht dich, bis er dich findet.
V. Das himmlische Erweckungsfestival
Und was passiert, wenn er das Schaf findet? Gibt es erst einmal eine Standpauke? Nein. Er legt sich das Schaf auf die Schultern – voller Freude! Zu Hause angekommen ruft er Freunde und Nachbarn zusammen. Er heizt den Grill ein, bestellt einen DJ und deckt die Tische. Jesus sagt: «So wird auch Freude im Himmel sein…»
Wenn ein einziger Mensch gefunden wird, dann steigt im Himmel eine richtige Party! Nicht trockener Kuchen und ‘Brösmeli-Kaffee’. Sondern ein ausgelassenes Fest. – Da sollten wir mitfeiern. Nur gleichen Menschen leider eher dem älteren Bruder des verlorenen Sohnes. Wer kann begreifen, dass man für einen Menschen alles riskieren kann? — Es ist die Herausforderung, sich von Jesu Liebe anstecken zu lassen. Dann werden wir zu einer Gemeinde, welche die Gnade feiert, statt sich an den Fehlern anderer festzubeissen. Wegen dieser Gnade nämlich sind wir ‘zäme geborge’, als Herde, die zu diesem guten Hirten gehört.
Wir können uns in unserem Glauben entspannen. Wir sind zäme geborge, weil wir uns die Geborgenheit nicht verdienen müssen. Unser guter Hirte hält uns zusammen. Wir feiern, dass wir ‘zäme geborge’ sind, weil wir zum guten Hirten gehören. Das ist aber noch nicht alles. Es geht noch weiter. Wir können selbst zu Hirten für andere werden. — Wer es nämlich erlebt hat, vom Hirten gefunden zu werden. Wer im tiefsten Tal seine unvernünftige Liebe gespürt hat, kann gar nicht anders, als seinen Blick der Liebe für andere zu übernehmen. Und dann sind wir da für sie, nehmen teil an ihrer Wirklichkeit, schlafen mit ihnen auf ihrem harten Boden etc. — Das heisst konkret: Schnelle Bekehrungen gibt es nicht. Man muss Menschen schon eine Weile begleiten. Zweckfrei, einfach aus purem Interesse an ihrem Leben und aus Sorge um den Frieden ihrer Seelen. Wer Suchende finden will, braucht Zeit, Leidenschaft und Bereitschaft, auf riskanten Wegen unterwegs zu sein. Und muss die Herde vorüber-gehend vergessen können. Auf schnellen Erfolg pfeifen.
Wenn wir zu Hirten werden, dann fangen wir an, uns um die Menschen in Adliswil, im Sihltal, in unserer Nachbarschaft zu sorgen – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit der gleichen Leidenschaft, der gleichen Zeit und dem gleichen Risiko, die unser Hirte für uns aufgebracht hat.
Alles beginnt damit, dass wir uns vom guten Hirten auf die Schulter nehmen lassen. Dass wir es geniessen, zu seiner Herde zu gehören. Dass wir wissen: Wir gehören zusammen. Wir sind geborgen. – Das rundet nun die Band ab mit dem Lied: «Du bist mein Hirte». Womit auch Psalm 23 noch sein Gewicht bekommt, ohne den biblisch vom guten Hirten kaum geredet werden kann: «Du bist mein Hirte, mir wird nichts mangeln… und ob ich wandere im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.» Amen
