Predigt vom 01.03.2026 in der EMK Adliswil zu Apostelgeschichte 4,32–35

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Liebe Gemeinde,
«Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.» (Ruth 1,16). Das klingt ein wenig nach Hochzeit. Und es ist tatsächlich ein beliebter Trautext, den wir zu Beginn des Gottesdienstes gehört haben. Dabei ist der Zusammenhang ein anderer: Die alte Witwe Naomi zieht nach langen Jahren im Ausland zurück in ihre Heimat. An der Grenze will sie ihre ebenfalls verwitweten Schwiegertöchter zurückschicken. Ihre Zukunft liege nicht in Israel. Die eine, Orpa, kehrt tatsächlich um und verabschiedet sich. Die andere aber, Ruth, lässt sich nicht abschütteln. Sie erklärt: «Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch …». Anders gesagt: «Wir gehören zusammen. Komme, was wolle!» Es gibt keine Umstände, die unsere Gemeinschaft in Frage stellen oder gar auflösen könnten. Danach sehnen sich Menschen, auch heute: Nach einer Gemeinschaft, aus der sie nicht herausfallen können. Umgekehrt ist es die grösste Angst vieler, irgendwann allein gelassen zu werden und vergessen zu gehen.
Gemeinschaft, aus der niemand herausfallen kann, ist ein wesentlicher Teil des Evangeliums. Sie gehört zu den guten Nachrichten, über die ich mir in den bisherigen Predigten 2026 Gedanken gemacht habe. Darum scheint es mir folgerichtig, in den Predigten bis Pfingsten die Gemeinschaft zum Thema zu machen. Als Thema/Motto dieser Predigten habe ich formuliert: ‘Zäme – D’Chraft vom Mitenand’. Ausserdem passt dazu:
- ‘Zäme’ war und ist das Motto etlicher Initiativen, wie wir in der Adliswiler Gemeinde gestartet haben: ‘Zäme singe’, ‘zäme bäte’, ‘zäme am Tisch’ und als Neustes der Whatsapp-Chat ‘zäme unterwägs’ (das wird dann in den Mitteilungen noch genauer erklärt).
- Das Miteinander liegt Methodisten im Blut. Schon im Vorwort zu einem Gesangbuch 1739 schrieb John Wesley nämlich: «Das Evangelium Christi kennt keine andere Religion als eine soziale; keine andere Heiligkeit als eine soziale Heiligkeit» Das heisst: Man kann nicht alleine Christ sein. Glaube ist kein Sololauf (→ erinnern Sie sich noch ans Lied: ‘Warum gahts dänn nöd als Solochrischt?’). Glaube ist ein Mannschaftssport.
Die Sehnsucht nach unverbrüchlichem Miteinander, nach tragfähiger Gemeinschaft ist gross, weit über die Grenzen von Kirchen und Gemeinden hinaus. Gross ist aber auch das Leiden daran, wie schwer sie zu finden ist. Es fehlt oft und vielerorts an Zeit und an echter Nähe. Wir pflegen das private Heim. Wir bauen Zäune um unsere Gärten und generieren Passwörter fürs Handy und für jede einzelne App. Fürs Miteinander bleiben dann oft nur noch organisierte und streng begrenzte Termine im Kalender.
Das ist unser Umfeld und Hintergrund. Wie anders klingt da der heutige Predigttext. Er steht in Apostelgeschichte 4,32–35:
Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele. Keiner betrachtete etwas von seinem Besitz als sein persönliches Eigentum. Vielmehr gehörte alles, was sie hatten, ihnen allen gemeinsam. Mit grosser Kraft traten die Apostel als Zeugen dafür auf, dass Jesus, der Herr, auferstanden war. Gottes Gnade war unter ihnen in reichem Mass spürbar. Keiner von ihnen musste Not leiden. Wer Grundstücke oder Häuser besass, verkaufte diese und stellte den Erlös zur Verfügung. Er legte das Geld den Aposteln zu Füßen. Davon erhielt jeder Bedürftige so viel, wie er brauchte. Apostelgeschichte 4,32–35 (Basis Bibel)
Wie klingt das in euren Ohren? Wie ein Märchen? Oder verdächtig nach Kommunismus? Oder klingt doch eine tiefe Sehnsucht an? – Was war das Geheimnis der Gemeinschaft der ersten Christen? Der Antwort auf diese Frage versuche ich im Folgenden auf die Spur zu kommen. Dies unter dem Thema: Zäme teile.
1. Teilen beginnt in Kopf und Herz (Der Systemwechsel)
Wichtig ist zunächst. Es gab kein Gebot, das die ersten Christen zum Teilen zwang. Kein Apostel hat je eine Predigt gehalten, die in der Forderung gipfelte: «Rückt euer Geld heraus!» Sondern das Miteinander wuchs aus dem Geist, der alle beseelte. Lk schreibt: «Sie waren ein Herz und eine Seele.» Das Teilen der Güter war schlicht die logische Folge einer inneren Haltung. In Kopf und Herz war allen klar: Wir gehören zusammen. Der Heilige Geist, der alle füllte, bewirkte die Haltung: ‘Alles, was mein ist, ist auch dein!’
Das ist das pure Gegenteil dessen, was unsere Gesellschaft prägt. Eigentum/Besitz sind da hohe Leitwert. Wir lernen früh: «Das gehört mir!» Und verteidigen es: Mein Auto, mein Haus, meine Altersvorsorge. Die Logik der Welt lautet: Wer teilt, hat nachher weniger. Wenn ich meinen Kuchen mit dir teile, bleibt mir nur ein Halber. Basics. Mathematik. So funktioniert das eben.
Die Mathematik des Reiches Gottes funktioniert aber anders. Wir haben in der Lesung von der Speisung der 5000 gehört (Mk 6,30ff par). Die Jünger schauten auf das, was sie nicht hatten. Sie sahen den Mangel. Und schlussfolgerten daraus: «Es reicht nicht!» — Jesus aber sagte: «Gebt mir, was da ist!» Er nahm das Wenige, dankte dafür und begann es zu teilen. Und plötzlich wurden 5000 + Menschen satt. — Das sagt uns bis heute: Teilen fängt in Kopf und Herz an. Gegen den Zeitgeist des Besitzens und der Angst, zu kurz zu kommen, setzen Christ:innen das Prinzip der Fülle. Aus der Überzeugung: Was wir teilen – egal ob Brot, Zeit, Geld oder Glauben – wird nicht weniger. Es wird mehr und gewinnt an Tiefe.
2. Das Experiment der Grosszügigkeit
Die Theologin Christina Brudereck beschreibt in ihrem Buch «Liebe, Licht und Leichtigkeit» (konzipiert als 40-Tage-Reise ins Herz des christlichen Glaubens) das Teilen als ein ‘Experiment’. Sie schreibt: «Wer gibt, bekommt oft mehr zurück, als er sich vorstellen kann.» Ob das stimmt, lässt sich nicht berechnen. Man muss es ausprobieren. Nur so lässt sich das Geheimnis des Teilens erfahren.
Schon im AT gibt es die Idee, 10 % von Einkommen, Ernteerträgen und Herde dem Tempel zu schenken. Maleachi 3,10: «Bringt aber die Zehnten in voller Höhe in mein Vorratshaus, auf dass in meinem Hause Nahrung ist. Prüft mich hiermit, ob ich euch dann nicht des Himmels Fenster auftun werde und Segen herabschütten die Fülle». Ausserdem wurde angeregt, eine Ecke des Feldes den Armen zu überlassen. Da sollte also nicht alles abgeerntet werden, sondern etwas übrigbleiben für die, die kein eigenes Feld haben. – Wer das Teilen ausprobiert, staunt, wieviel zu bekommen ist, wenn wir etwas abgeben. Es wird z.B. erzählt (vgl. 1.Kö 17), dass eine Witwe, die den letzten Rest Öl und Mehl hergab, damit ein Prophet etwas zu essen bekam, reich beschenkt wurde: Ihr Ölkrug und ihr Mehltopf leerten sich nie wieder.
Das NT erzählt, wie bereits gehört und erwähnt, vom Speisungswunder: Ein Kind gibt alles, was es hat, fünf Brote und zwei Fische, und fünftausend Menschen werden satt. Satt werden ist ein Wunder! Ja, aber eins, das möglich ist. Wenn wir teilen, was wir haben. Die Frage, die beide Erzählungen uns stellen, ist: Merkt Ihr, dass nicht das Horten reich macht, sondern das Teilen? Dass die Familie Mensch genug hätte, wenn wir teilten, was da ist? — Hätte sich nicht auch der Himmel öffnen können, und hundert Engel hätten Brot aus den Wolken geworfen? Vielleicht. Aber Jesus sagte: «Gebt mir, was da ist!» Bring das, was du hast, zu Jesus. Fang einfach mit dem an, was da ist. Mit dem, was du hast, und mit dem, was du kannst. Und dann danke dafür – und schon sieht es anders aus. Warum? Weil du beim Danken merkst, dass es gar nicht dir gehört. Und dann teilst du – und es kann mehr daraus werden. Ein kleines Saatkorn, ein Gedanke, ein Gruss, ein Wunsch, eine gute Geschichte… von dir weg verschenkt, in die Tiefe, wird zu einer neuen Pflanze.
Übrigens: Wenn Christ:innen teilen, tun sie das nicht nur für andere. Wir tun es auch für uns. Weil der Geiz unser Herz eng macht und das Teilen es weit macht. Weil eine ganz neue Dynamik entstehen kann. Wenn wir nicht mehr fragen: «Wie viel muss ich geben?» Sondern: «Wie viel darf ich investieren in das, was Gott liebt?»
3. Mission heisst: Teilen, was wir lieben
‘Zäme teile’ ‑es liegt nahe, bei diesem Stichwort auch an Geld zu denken. Es wird im Predigttext auch ausdrücklich erwähnt. Laut Apg legten die Christ:innen den Aposteln das Geld zu Füssen. – Und ja: Wenn wir im Blick auf das Teilen gerade beim Geld lockerer werden könnten, wäre das ein Gewinn.
Dennoch: Es geht in Apg 4 nicht in erster Linie ums Geld. Die Apg ist eine Missionsgeschichte. Und das heisst: Es geht immer um Mission. Vom ‘Zäme teile’ her gedacht bedeutet Mission schlicht und einfach: ‘Teilen, was wir lieben.’
Nun ist das Wort ‘Mission’ belastet. Weil viele Übergriffe unter diesem Stichwort passierten. Weil wir viel zu sehr vom ‘Befehl’, vom Missionsbefehl her denken und damit einen unliebsamen Zwang und peinliche Situation assoziieren. Aber drehen wir die Sache doch einfach um: Wenn Ihr z.B. ein phänomenales neues Restaurant entdeckt. Es bietet ungeahnten Genuss und spannende Entdeckungen, ausserdem beste Atmosphäre – was tun Ihr? Ihr erzählt es weiter! Nicht weil Ihr müsset, sondern weil Ihr begeistert seid. Ihr teilt Eure Entdeckung. – So ist Mission zu denken.
Christina Brudereck schreibt: «Wo erzählst du von deinem Gottvertrauen? Von dem, was du mit Gott erlebst und was dich trägt? Bei der Coiffeuse? Der Blumenverkäuferin? Im Supermarkt?» Gott ist nicht unsichtbar. Jesus hat gezeigt: Gott zeigt sich in der Tat. In der Liebe. Ein polnischer Dichter fragte einmal: «Wie kommen wir aber zu den Tätigkeitswörtern?» Jesus zeigt es: «Gott leben, das heisst lieben. Lieben ist das Tätigkeitswort zu Gott.»
‘Zäme teile’ heisst also auch: Wir teilen unsere Hoffnung. Wir behalten den Trost, den wir im Glauben finden, nicht für uns wie einen privaten Schatz im Bankschliessfach. Wenn wir als Gemeinde zusammenkommen, teilen wir unsere Zweifel und unsere Zuversicht. Und wenn wir hinausgehen, teilen wir durch unser Handeln die Liebe Gottes.
Wie der kleine Junge bei der Speisung der 5000: Er hatte nur fünf Brote und zwei Fische. Lächerlich wenig für so viele Menschen. Aber er hat es nicht versteckt. Er hat es Jesus gegeben. Jesus sagt auch zu uns: «Fang einfach mit dem an, was da ist. Mit dem, was du hast, und mit dem, was du kannst.»
4. Die Praxis: Eine Einladung
«Es gehört alles, was sie hatten, ihnen allen gemeinsam» (Apg 4,32b) Wie können wir Apg 4 in unserem Umfeld konkret leben? Klar ist, dass wir kein Rezept vor uns haben, das einfach buchstabengetreu umgesetzt werden muss. Also Entwarnung: Wir müssen nicht alle unser Wohneigentum verkaufen und zusammen eine WG gründen. Obwohl: Das Experiment könnte spannend sein …! Aber lassen wir das. Apg 4,32–37 will aber ein Stachel im Fleisch unserer Bequemlichkeit sein. Und uns als Leuchtturm die Richtung weisen.
Wie wäre es, wenn wir im Blick auf ‘Zäme’ in den kommenden Wochen ein wenig experimentieren und buchstabieren würden (und einander dann auch wieder erzählen):
- Vielleicht bedeutet ‘Zäme teile’ für Dich, dass Du jemanden zum Essen einlädst, der nicht zu Deinem engen Freundeskreis gehört.
- Vielleicht bedeutet es, dass Du unterwegs zu Fuss nicht aufs Handy schaust, sondern auf die Leute achtest, die Dir begegnen. Nur schon ein freundlicher Blick oder ein ‘Grüezi’ kann die Türe öffnen zu einer kurzen Begegnung. Oder auch zu mehr.
- Vielleicht bedeutet ‘’Zäme teile’, dass wir als Gemeinde unseren Blick weiten für die Nöte hier in unserer Umgebung – wo sind die Einsamen, die nicht nur Brot, sondern Zeit brauchen?
- Vielleicht bedeutet es, dass Du nachher beim Kirchenkaffee jemandem von einem Moment erzählst, in dem Gott Dir geholfen hat. – Wir haben viel zu teilen miteinander: Fragen, Zweifel, Hoffnungen, Erfahrungen, Glauben. Das macht Gemeinde aus.
Von den ersten Christen heisst es: Sie hatten ‘grosse Kraft’ und ‘grosse Gnade’ war bei ihnen allen (Apg 4,33). Warum? Weil sie losliessen. Weil sie die Hände öffneten. Weil sie zusammen teilten.
Stellt Euch vor, wir als EMK würden im Sihltal bekannt – ich sage es mit den Worten von Apg 4 — als die Leute, bei denen niemand Mangel leidet. Weder an Brot noch an Liebe noch an Hoffnung. Weil nicht weniger wird, was wir teilen. Weil es an Tiefe gewinnt. Und weil daraus ein Festmahl wird, bei dem am Ende – wie beim Speisungswunder – noch körbeweise Reste übrig bleiben. Die Fülle Gottes. Lassen wir uns anstecken vom Geist der ersten Christen. Ein Herz und eine Seele zu sein. Nicht, weil wir alle gleich sind. Sondern weil wir den gleichen Gott lieben und das, was wir haben, als Geschenk verstehen, das weiterfliessen will. Amen
