Predigt vom 08.03.2026 in der EMK Adliswil zu Hebräer 13,1–2

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Liebe Gemeinde,
es geht weiter mit der Reihe ‘Zäme – d’Chraft vom Mitenand’. Im Hintergrund steht unter anderem das Zitat von John Wesley: «Es gibt keine Heiligkeit ausser der sozialen Heiligkeit». D.h. Glaube ist kein Sololauf. Glaube ist, wenn man so will, ein Mannschaftssport. Er funktioniert nicht im Alleingang. Wir brauchen das ‘Zäme’. Unsere Kraft kommt aus dem Miteinander, mit Gott und miteinander. Nur daraus wächst und reift unser Glaube. Nur so werden wir wirksam in dieser Welt.
Ums ‘zäme Teile’ ging es am letzten Sonntag. Heute heisst das Thema ‘zäme am Tisch’. Das passt schon deshalb, weil wir am nächsten Samstag erstmals ‘zäme am Tisch’ in Form eines Brunches ausprobieren. Darüber hinaus geht es mir heute nicht nur um Tischgemeinschaft, sondern generell um Gastfreundschaft … die häufig ‘zäme am Tisch’ einen angemessenen Ausdruck findet.
Der leere Stuhl am Abendmahlstisch hier vorne wird Euch schon aufgefallen sein. Er steht für die Gastfreundschaft, die zu unserer DNA als Methodist:innen gehört. Das zeigen wir mit dem ‘herzlich willkommen’, das jeden Sonntag zum Gottesdienstanfang eingeblendet wird. Gastfreundschaft findet ihren Ausdruck auch im Motto der weltweiten EMK: ‘Open doors, open minds, open hearts’. – Der leere Stuhl steht für den unerwarteten Gast. Er steht für den Fremden, der vielleicht gleich zur Tür hereinkommt. Und er steht nicht zuletzt für Christus selbst. Wie es in einem traditionellen Tischgebet heisst: «Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast!». Das kommt vielleicht von einem jüdischen Passahbrauch: Da gibt es beim Mahl auch einen leeren Stuhl. Er ist der Platz für den Messias, wenn er dann kommt.
Ein leerer Stuhl. Ein Stuhl zu viel gewissermassen. Damit, wer immer noch kommt, sich willkommen fühlen kann. Das Gegenteil kennen wir vom Spiel ‘Reise nach Jerusalem’, bei dem es immer einen Stuhl weniger hat als Mitspieler. Aber wir haben einen zu viel. Mit diesem Stuhl verbindet sich die Frage: Gibt es an unserem Tisch, in unseren Häusern und in unserem Herzen Platz für einen unerwarteten Gast? Vielleicht sogar für mehrere? – Ich lese dazu aus Hebräer 13,1f:
«Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern soll bestehen bleiben. Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen.» Hebräer 13,1f
Das griechische Wort für Gastfreundschaft heisst ‘φιλοξενία‘ (→ Philoxenia). Wir kennen im Dt. das Gegenteil als Fremdwort: Xenophobie = Fremdenfeindlichkeit oder ‑furcht. Nun ist es aber nicht Phobie, sondern Philia, also Liebe. D.h. Gastfreundschaft ist von ihrem griechischen Ursprung her: Die Liebe zum Fremden (interessanterweise hat das von ‘xenos’ abgeleitete Substantiv ‘Xenia’ die Bedeutung: ‘Gaststube). Gastfreundschaft meint also weniger den netten Grillabend mit den besten Freunden. Schon Jesus mahnte doch: «Wenn du ein Mittag- oder Abendessen gibst, lade keine Leute ein, die wiederum dich einladen – deine Freunde, deine Brüder, deine Verwandten oder reichen Nachbarn» (Lk 14,12, vgl. Mt 5,46f; Lk 6,32–34) Nein, ‘philoxenia’ meint die Liebe zu dem, der bei uns eigentlich nicht zu Hause ist. Gastfreundschaft bedeutet darum schlicht und einfach: ‘Komm, wer immer du bist! Komm, wie immer du bist und dich fühlst – Du bist willkommen!’ Wir als Kirche/Gemeinde wollen Räume schaffen, in denen Fremde zu Freunden werden.
Warum wird Gastfreundschaft im Hebr überhaupt zum Thema? Weshalb meinte der Schreiber, seine Gemeinde dazu mahnen zu müssen? Eigentlich gehörte – und gehört bis heute — Gastfreundschaft im Orient zur Kultur. Sie ist eine Selbstverständlichkeit, nichts als eine gesellschaftliche Überlebensstrategie in der Wüste. – Es hat wohl mit der Situation der Gemeinde zu tun. Diese Christ:innen hatten eine weite und schwere Wegstrecke im Glauben hinter sich. Weil sie gesellschaftlich im Gegenwind lebten. Weil sie ausgegrenzt wurden und manchmal als Sündenböcke herhalten mussten. Weil Verfolgung und Schlimmeres drohten. So langsam ging ihnen die Luft aus. Ihr Glaube und ihre Hoffnung verloren Kraft. — Was passiert dann? Wenn man erschöpft ist und sich in die Enge getrieben fühlt? Wenn man immer gleich verdächtigt wird, wenn etwas Schlimmes passiert? – Man zieht sich zurück. Schliesst die Türen. Bleibt lieber unter sich. Rückzug in die Familie, in die eigene Blase (→ ‘Bubble’).
Das mag verständlich sein. Und ist dem Evangelium dennoch nicht angemessen. Darum mahnt der Schreiber des Hebr in diese Situation: «Vergesst die Liebe zu den Fremden nicht!». Zieht euch nicht zurück. Bleibt zugewandt, bleibt einladend, bleibt grosszügig.
Die Versuchung zum Rückzug in die eigenen vier Wände bzw. in die Bubble kennen auch wir. Der Grund dafür ist nicht Verfolgung. Sondern der Alltag, der uns erschöpft. Wir hetzen von Termin zu Termin. Haben kaum Zeit für Pausen, geschweige denn für Unerwartetes eingeplant. Stellt euch vor: Es klingelt an der Tür. Ein Bekannter, seit Jahren nicht mehr gesehen, steht überraschend draussen. Oder die Nachbarin bringt noch kurz etwas vorbei. — Was passiert in unserem Kopf? Wir leicht denken wir: ‘Die Wohnung ist unaufgeräumt. Überall liegt etwas herum’. Auf dem Esszimmertisch stapelt sich die ungeöffnete Post. Daneben liegen die Werkzeuge vom erfolglosen Versuch, die Lampe zu reparieren. Und in fünfzehn Minuten muss ich schon wieder los. Folglich: ‘Es passt nicht!’ Also fertigen wir den potenziellen Gast kurz angebunden an der Türe ab. Vielleicht mit einem schlechten Gewissen. Aber das hilft der Begegnung ja auch nicht.
Warum meinen wir immer wieder, wir müssten für Gäste den perfekten Service bieten? Die Wohnung müsste wie im Katalog aussehen. Ausserdem: Ohne aufwändiges Menu kann ich doch nicht Gastgeber sein. Wie sieht das denn aus?!
Doch biblische Sicht widerspricht solchem Denken. Gastfreundschaft heisst nicht, dass wir perfekt sein müssen. Man muss kein Programm bieten. Sondern wir müssen vor allem anwesend (→ präsent) sein. Denken wir an die Geschichte, als Jesus bei Marta und Maria zu Gast war (vgl. Lk 10,38–42). Wer ist denn dem Gast begegnet? Marta, die Stress hatte mit Putzen, Dekorieren, Kochen etc. Oder Maria, die nichts tat, aber Zeit hatte für den Gast? Kern der Gastfreundschaft ist nicht das perfekte Programm, sondern die Begegnung.
Eine andere Geschichte zur Gastfreundschaft haben wir in der Schriftlesung aus 1.Mose 18 gehört: Es ist heiss. Die Mittagssonne brennt. Abraham hält vor seinem Zelt gerade Siesta, er ruht sich aus. Da tauchen plötzlich drei fremde Männer auf. Und Abraham? Er versteckt sich nicht. Er denkt auch nicht: ‘Oh nein, unverhoffter Besuch! Dabei ist nicht einmal das Zelt aufgeräumt.’ Nein, Abraham springt auf und eilt den Fremden entgegen. Viermal heisst es in diesem kurzen Text: «und er beeilte sich». Er hatte es eilig, die Fremden willkommen zu heissen. Das war ihm ein dringendes Anliegen. So bewirtete Abraham sie mit dem, was er hatte: Er servierte sofort Brot und Wasser und bat sie, im kühlen Schatten Platz zu nehmen. Dann gab er Aufträge, um ein Essen vorzubereiten. Er tat, was er im Moment tun konnte. Dann gesellte er sich zu seinen Gästen. Und genau in diesem einfachen, alltäglichen Miteinander kommt das Göttliche zum Vorschein: Die Begegnung wurde heilig. In diesen drei Fremden war Gott selbst zu Gast bei Abraham und Sara. Sie brachten die unglaubliche Verheissung mit, dass die alte, lebensmüde Sara noch einen Sohn auf die Welt bringen würde. Diese Begegnung hat Abrahams und Sarahs Leben einen neuen Horizont eröffnet. Sie bedeutete Segen und begründete Hoffnung.
Das ist das Geheimnis und das Versprechen der Gastfreundschaft: Wenn wir unsere Türen und Herzen öffnen, ist nicht nur unseren Gästen gedient. Sondern wir selbst verändern uns, entwickeln uns. Wir gewinnen Hoffnung, Perspektiven, Segen. Wir lernen Neues über uns selbst. Und nicht zuletzt, so sagt der Hebr: Es kann sein, dass wir, ohne es zu merken, Engel beherbergen.
Die Theologin Christina Brudereck schreibt einmal: «Stell dir vor, man würde einmal über dich sagen: Sie war eine Gastfreundin! Er war ein Gastfreund». Fremde fühlten sich da willkommen. Das Fremde machte ihm/ihr keine Angst, sondern weckte Neugier. — Gastfreundschaft ist nämlich kein isoliertes Ereignis am Samstagabend oder Sonntagnachmittag. Dann vielleicht auch, aber eigentlich ist Gastfreundschaft eine Haltung, eine Lebenseinstellung.
Brudereck fordert uns auf: «Stell dir vor, Gott steht vor deiner Tür. Klopft an dein Arbeitszimmer. Macht es sich in deinem Wohnzimmer gemütlich. Sitzt an deinem Küchentisch. Erwarte ihn!» (vgl. Offb 3,20, aber auch Mt 25,31–46). Wer gastfrei ist, rechnet stets damit, dass Gott selbst vor der Tür steht. – Übrigens: Gott selbst ist ein leidenschaftlicher Gastfreund. Wie oft wird in der Bibel Erlösung im Bild eines Gastmahls beschrieben! Was also könnte näher liegen, als dass wir seine Gastfreundschaft mit unserem Leben abbilden.
Wenn das unseren Alltag prägen könnte! Wenn der leere Stuhl hier nicht eine originelle Deko-Idee bliebe, sondern wir ihn als innere Haltung mitnehmen könnten. Was wäre nicht nur möglich, sondern würde Wirklichkeit, wenn wir an unserem Tisch immer einen Platz freihielten? Wenn wir die Nachbarin, die uns eigentlich etwas anstrengt, beim nächsten Mal zum Kaffee hereinbitten würden? – Es mag schon sein, dass wir uns manchmal einen Ruck geben müssen. Aber Gastfreundschaft öffnet Türen, die weit über das Physische hinausgehen. In der Begegnung, im gegenseitigen Zuhören, in der geteilten Zeit schmilzt die Gleichgültigkeit.
Wir alle sehnen uns nach Dingen, die uns Kraft geben. Und das sind oft nicht die grossen und aufwändige Events. Sondern es sind elementare Dinge: Eine Hand, die uns gereicht wird. Eine Verbundenheit, die wir spüren. Ein Lächeln. Eine offene Tür. Die Worte eines Menschen, der uns zuhört, können zum Wort Gottes an uns werden. Dann weiten sich das Herz und der Himmel über uns.
Zum Schluss: Leben und Glauben wachsen im «Zäme», im Miteinander. Lasst uns darum eine Gemeinde sein, die Menschen nicht an der Tür abgefertigt, sondern sie hereinbittet – auch mit allem, was sie womöglich mitschleppen. Lasst uns ein Ort sein, an dem Liebe zum Fremden (philoxenia) geübt und erlebt wird.
Christina Brudereck formuliert in ihrem Buch ‘Liebe, Licht und Leichtigkeit’ so: «Wollen wir eine Verabredung treffen? Lass uns nicht vergessen, gastfrei zu sein, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Achtsam zu sein, lasst uns nicht vergessen, denn dadurch haben einige, ohne es beweisen zu können, Gott entdeckt. Liebevoll zu sein, wollen wir nicht vergessen, denn dadurch wurden einige, zu ihrer eigenen Überraschung, mit Engeln verwechselt. Grosszügig zu sein, lasst uns nicht vergessen, denn dadurch haben einige, wie nebenbei, die Welt verändert. Lasst uns nicht vergessen, anwesend/präsent zu sein, denn dadurch haben einige, zur Freude aller, sich selbst verschenkt.»
Lasst uns in der neuen Woche besonders darauf achten, dass wir anwesend/präsent sind – wo immer wir sind. Lasst uns Räume schaffen, in denen Fremde zu Freunden werden. Lasst uns unseren Tisch teilen – unperfekt, aber mit einem weiten, offenen Herzen. Vergesst den leeren Stuhl nicht. Er wartet darauf, dass jemand darauf Platz nimmt. Amenn. Ein Herz und eine Seele zu sein. Nicht, weil wir alle gleich sind. Sondern weil wir den gleichen Gott lieben und das, was wir haben, als Geschenk verstehen, das weiterfliessen will. Amen
