Predigt vom Karfreitag, 03.04.2026 in der EMK Adliswil zu Matthäus 27,45–50

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Liebe Gemeinde,
in meinen Predigten bis Pfingsten geht es um ‘Zäme – d’Chraft vom Mitenand’. Dieses Thema scheint Karfreitag auf den ersten Blick in seine Einzelteile zu zerlegen. Da hat nämlich das ‘Zäme’ überhaupt nicht funktioniert. Die Gemeinschaft der Jünger:innen, die Jesus aufgebaut hatte, zerbrach. Sie stoben in alle Richtungen auseinander. Und liessen Jesus ganz allein. Karfreitag mutet uns den radikalen Kontrast zum ‘Zäme’ zu, das wir eigentlich anstreben. Seine Geschichte erzählt vom totalen Zerriss, der jede menschliche Gemeinschaft bedroht. Jesus leidet in absoluter Isolation. Seine Passion ist die Geschichte vom absoluten ‘Nicht-Zäme’.
Am pointiertesten kommt es bei Mt und Mk zum Ausdruck. Sie erzählen, dass Jesus im Todeskampf einen Satz aus Psalm 22 (→ Schriftlesung) schrie: «Mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Nur ein Satz. Doch es ist der radikalste, auch der negativste des ganzen Psalms. Jesus fühlte sich ganz allein. Sogar von Gott verlassen. – Im Zusammenhang klingt das in Mt 27,45–50 so:
Es war die sechste Stunde, da breitete sich Finsternis aus über das ganze Land. Das dauerte bis zur neunten Stunde.
Um die neunte Stunde schrie Jesus laut: »Eli, Eli, lema sabachtani?« Das heißt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«
Als sie das hörten, sagten einige von denen, die dabeistanden: »Er ruft nach Elija.«
48Sofort lief einer von ihnen hin, nahm einen Schwamm und tauchte ihn in Essig. Dann steckte er ihn auf eine Stange und hielt ihn Jesus zum Trinken hin.
49Aber die anderen riefen: »Lass das! Wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihn rettet.«
50Aber Jesus schrie noch einmal laut auf und starb. Matthäus 27,45–50 (Basis Bibel)
I. Die totale Verlassenheit
Dieser Schrei markiert den tiefsten vorstellbaren Punkt. Keiner hat die Liebe je auch nur annähernd so gelebt wie Jesus. Niemand hat sich immer wieder dermassen verschenkt, um Beziehungen und Gemeinschaft zu stiften. Er hat die Ausgestossenen an seinen Tisch geholt. Er sogar gegenüber Feinden und Gegnern das Gespräch nie abgebrochen, sie geliebt und sich um sie bemüht. Er nannte seine Jünger:innen Freund:innen und behandelt sie genauso. – Und nun? Seine engsten Vertrauten waren aus Angst geflohen. Sein Volk hatte sich gegen ihn gewandt. Alle weg. Er allein. Was schon so unerträglich ist, wird noch gesteigert dadurch, dass selbst der Himmel schweigt. Die Verbindung zum himmlischen Vater, aus der er immer Kraft geschöpft hat, reisst ab. Jesus hängt im wahrsten Sinne des Wortes im Riss zwischen Himmel und Erde.
Der so radikal der Liebe verpflichtete Jesus hängt total allein am Kreuz. Schlimmer geht es nicht. Kein Wunder, dass er nicht einmal mehr Gott spürte und an ihm zweifelte. War alles nur Einbildung gewesen? Hatte er sich auf eine Illusion verlassen und kriegte nun die brutalstmögliche Quittung dafür? – Immerhin: Jesus spricht selbst jetzt Gott an. Von dem er so gar nichts mehr spürt und an dem er in diesem Moment radikal zweifelt. «Mein Gott», sagt er. Aber eben auch: «Du hast mich verlassen!» Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung. Nur, «warum» es so ist, das möchte er wissen.
Christina Brudereck schreibt treffend über diesen Moment: «Auch seine Seele hat ihre Sicherheit verloren, hat kein Dach mehr, keinen Schutz. Er schreit zu seinem Gott, fragend: Warum? Warum lässt du mich so hängen? Hast du mich denn verlassen? Mein Gott? Kümmert es dich nicht, dass ich leide? Wo bist du?».
Wir haben wohl alle schon Momente erlebt und erlitten, in denen solche Fragen drängend werden. Wir fragen dann «Warum ich? Warum musste das geschehen? Wozu soll das gut sein?» Wir kennen auch das Gefühl, ins Leere zu beten. Wenn es aussieht, als würden unsere Worte an einem leeren Himmel ohne Zeichen abprallen. Das sind bittere und einsame Momente. Jesus erleidet sie am Kreuz aufs Äusserste gesteigert und verdichtet. Abgeschnitten von allem. Zwischen allen Stühlen. Verloren in einer Lücke der Wirklichkeit. – In der theologischen Tradition wird übrigens ‘Sünde’ oft eine ‘Lücke’ genannt: Die Lücke zwischen unserem Ideal und der Wirklichkeit. Am Kreuz hält Jesus genau diese Lücke, diese gnadenlose Trennung zwischen Mensch und Gott, aus. Mit allen damit verbundenen Schmerzen. Physisch, psychisch und geistlich.
II. Der Gott, der mitschreit
Warum passiert das? Warum rettet Gott seinen Sohn nicht? Die Gaffer beim Kreuz sprechen es aus. Spöttisch. Hämisch: «Wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihn rettet». Es müsste doch für Gott ein Leichtes gewesen sein, sie zum Verstummen zu bringen. Doch es kommt niemand. Nicht Elija. Kein Erzengel. Jesus stirbt. Elend und allein. — Warum?
Weil Gott nicht jemand ist, der von aussen und oben herab Tipps zur Schmerzbewältigung gibt. Weil er nicht da und dort nach Belieben ein Pflästerli draufklebt, damit ein wenig erträglicher wird, was falsch ist. Gott ist anders. Er geht hinein ins Elend. Geht da hin, wo es am meisten weh tut. Und leidet mit. Der Trost in Jesu Schrei am Kreuz besteht darin: Er schreit mit uns mit. Er leidet und hält aus, was kaum auszuhalten ist, damit wir nicht mehr allein sind.
Jesus weiss, er versteht – nicht theoretisch, sondern wirklich. Er weiss, wie unsere Tränen schmecken. Er versteht, wie es sich anfühlt, wenn Freund:innen ihre Versprechen brechen. Er hängt da im ganzen Elend … und wir können uns in unserer Not an ihn hängen. Dietrich Bonhoeffer hat aus dem Gefängnis heraus geschrieben: «Nur der leidende Gott kann helfen.» Das bringt das Geheimnis auf den Punkt.
Später hat Jürgen Moltmann, Theologe wie Bonhoeffer, gefragt: Wo war eigentlich Gott in den Erschütterungen des Zweiten Weltkriegs und in der Erfahrung von Auschwitz? Wo war Gott in diesem Abgrund? Er hat ja auch da weder Elija noch sonst jemanden geschickt. Die Antwort fand Moltmann im Geheimnis des mitleidenden Gottes.
Etwas ausführlicher: Für Moltmann ist der Tod Jesu am Kreuz nicht nur ein menschliches Schicksal, sondern ein trinitarisches Ereignis. Das heisst: Im Sterben Jesu am Kreuz geschieht etwas innerhalb Gottes selbst. Der Sohn erleidet das Sterben und die Verlassenheit vom Vater. Und der Vater erleidet den Verlust und den Tod seines Sohnes. Indem Gott in Christus die ‘Gottverlassenheit’ und den Tod selbst durchlitten hat, hat er diese letzte Grenze von innen her aufgebrochen. Es gibt seither keinen menschlichen Abgrund mehr, in dem Gott unauffindbar wäre. Er ist immer da, selbst im Schlimmsten, und zwar mitleidend an der Seite der Opfer.
Moltmann bricht – theologiegeschichtlich gesehen – an dieser Stelle mit der klassischen Vorstellung, dass Gott über dem Leiden stehe. Er argumentiert: Wenn Gott die Liebe ist, dann muss er auch leidensfähig sein. Ein Gott, der nicht leiden kann, wäre mitleidlos und damit für den leidenden Menschen bedeutungslos (→ Bonhoeffer-Zitat: ‘Nur der leidende Gott kann helfen!’). Moltmanns Fazit ist also: Gott ist kein ‘Zuschauer’ menschlichen Elends, sondern Mit-Leidender. Durch sein Hineingehen in den Tod hat er die Angst vor der endgültigen Einsamkeit besiegt.
Andere Theolog:innen reden im Blick auf Gott von der ‘Solidarität des Leidens’. In Jesus zeigt Gott, dass er selbst mit dem Tod zu schaffen hat. Er meidet das Leiden nicht feige, sondern durchleidet es. D.h. persönlich zugespitzt: Wenn du leidest, wenn du einsam bist, dann bist du Gott nicht fern. Im Gegenteil: Du bist ihm in diesem Moment vielleicht näher als je. Weil er an Karfreitag schon genau dorthin gegangen ist.
III. Das Fundament für unser «Zäme»
Damit sind wir genau da, wo der Karfreitag die Brücke zum Thema der Gemeinschaft, zum ‘Zäme’ schlägt. – Warum geht Jesus den Weg in die totale Verlassenheit, ins ‘Nicht-Zäme’? Warum füllt er durch seinen Tod noch den gottverlassensten Ort mit seiner Gegenwart? Die atemberaubende Antwort darauf heisst: Jesus war allein, damit wir nie mehr einsam sind! So wichtig sind wir, jeder und jede einzelne ihm. So sehr liebt er uns.
Weil Jesus diese abgrundtiefe Lücke am Kreuz ausgehalten hat, steht die Brücke zu Gott für uns für immer. Er ging in die totale Isolation des Leids, um unsere Isolation ein für alle Mal zu durchbrechen. Aus dem Röm haben wir in der Lesung als Antwort auf den Karfreitagsschrei gehört: «Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist und der uns vertritt.». Es gibt keine Verlassenheit mehr, die nicht von Christus schon durchlitten wurde.
Unser Zäme als Gemeinde basiert nicht darauf, dass wir alle nette Leute sind, zueinander passen und ähnliche Interessen pflegen. Sondern das Fundament unseres Miteinanders ist das Kreuz Christi. Wir gehören zusammen, weil Christus für uns alle in die Bresche gesprungen ist. Weil er verlassen wurde, sind wir weder als Gemeinde und noch als Individuen je wieder gottverlassen. Die tiefste Einsamkeit, die Trennung von Gott, hat Jesus für uns beendet.
Am Karfreitag schweigen wir. Wir halten die Stille aus. Aber wir tun es nicht als Menschen ohne Hoffnung. Sondern im Glauben, dass Gott mit uns ist. Immer.
«Jesus schrie noch einmal laut auf und starb.». Dieser Schrei ist das Preisschild unseres ‘Zäme’: Gott ist in den Tod gegangen, damit es keinen Ort mehr gibt, an dem seine Liebe uns nicht finden kann.
Im Anschluss feiern wir heute Abendmahl: Am Tisch Christi wird das Geheimnis physisch greifbar. Im Brot, das gebrochen wird, feiern wir die Liebe Gottes, der sich hingegeben hat. Am Tisch erleben wir das tiefste «Zäme», das uns geschenkt ist. Die Gemeinschaft mit Gott, die uns zusammen aus der Gnade leben lässt. — Christus hat die Lücke geschlossen. Er war allein – damit wir für immer zusammen sind. Amen
