Das Geschenk der Freiheit — anderen vergeben

Predigt zu Koloss­er 3,12–15 am Son­ntag, 08.11.2026 in der EMK Adliswil

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Liebe Gemeinde,

wieviel Zeit (und Energie) brauchst du am Mor­gen vor dem Klei­der­schrank? Für manche ist es nicht der Rede wert, kaum mess­bar: Griff ins Regal, T‑Shirt über den Kopf, sitzt. Für andere wird der mor­gendliche Blick in den Schrank zur exis­ten­ziellen Sinnkrise: «Ich habe abso­lut nichts anzuziehen!» – Dabei platzt der Schrank aus allen Näht­en …. – Naja, Klei­dung ist eben mehr als nur Stoff. Klei­der machen Leute (→ Nov­el­le von Got­tfried Keller) Mit unserem Out­fit geben wir Sig­nale: Wer wir sind. Wozu wir gehören. Wie wir dem Tag begeg­nen wollen: im beque­men Schlab­ber-Look für die Couch, wet­ter­fest ver­packt für den Arbeitsweg durch Regen und Herb­st­nebel, im mass­geschnei­derten Anzug für ein Fest, entsprechend dem Dress­code für eine Par­ty. — Mit dem Dress­code befasst sich auch der Ver­fass­er des Kol im NT. Ver­mut­lich war es übri­gens, anders als die Tra­di­tion meint, nicht Paulus selb­st im Gefäng­nis, der diesen Brief schrieb. Son­dern es dürfte ein­er sein­er pro­fil­iertesten Schüler gewe­sen sein, der das Erbe das Paulus für seine Zeit frucht­bar machen wollte. Der kleinen Gemeinde Kolossä im antiken Lykostal im Süd­west­en der heuti­gen Türkei erk­lärte er, welch­er ‘Dress­code’ für Men­schen gilt, die mit Chris­tus unter­wegs sind. In dieser christlichen Gemeinde herrschte ger­ade ziem­liche Ver­wirrung. Was gilt wirk­lich? Was ist nur ‘Mode’? Manche Leute sagten: «Nur wer sich kasteit und strenge Spezial­regeln befol­gt, wer sich gegen dun­kle Schick­salsmächte wapp­net, gehört wirk­lich dazu. Christ:innen müssen Asket:innen sein.» Es war wohl ziem­lich elitär. Und die Ver­fechter dieser ‘Mode’ hat­ten Zeigefin­ger ständig hoch erhoben. Genau da hält der Schreiber des Kol dage­gen: «Lasst das elitäre Gehabe! Lasst euch nicht in ein geistlich­es Korsett zwän­gen. Vergesst nicht, wer ihr schon seid, ganz ohne Askese etc.: Ihr seid von Gott erwählt, heilig und geliebt. Zieht an, was wirk­lich zu euch passt!»

Hören wir dazu die Verse aus Koloss­er 3, 12–15:

12Gott hat euch als seine Heili­gen erwählt, denen er seine Liebe schenkt. Darum legt nun das neue Gewand an. Es beste­ht aus her­zlichem Erbar­men, Güte, Demut, Fre­undlichkeit und Geduld. 13Ertragt euch gegen­seit­ig und vergebt einan­der, wenn ein­er dem anderen etwas vor­wirft. Wie der Herr euch vergeben hat, so sollt auch ihr vergeben! 14Vor allem aber bek­lei­det euch mit der Liebe. Sie ist das Band, das euch zu vol­lkommen­er Ein­heit zusammenschließt. 15Und der Friede, den Chris­tus schenkt, lenke eure Herzen. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Und dafür sollt ihr dankbar sein!                          Kol 3,12–15 (Basis Bibel)

Zum drit­ten Mal ori­en­tiere ich mich in mein­er Predigt am Buch des The­olo­gen und Autors Fabi­an Vogt: «Verzei­hen Sie bitte!»

  • Vor zwei Wochen ging es um den Bal­last, den wir als Gepäck mit uns schlep­pen. Unver­söh­nt zu sein mit Mit­men­schen, mit der eige­nen Biografie, mit Ver­let­zun­gen wird leicht zum ton­nen­schw­eren Ruck­sack, der uns aus­bremst und uns den Atem raubt. Wie befreiend ist es aber, diesen Ruck­sack bei Chris­tus abzu­laden, wie wir es z.B. im Abendmahl immer wieder tun.
  • Let­zten Son­ntag ging es um den Blick in den Spiegel: Es ist wo wichtig, dass wir ler­nen, mit uns selb­st gnädig zu sein. Viele Men­schen verzei­hen anderen eher einen Fehltritt als sich selb­st … und block­ieren sich total. Sie schauen sich mit den Augen eines Kri­tik­ers an statt mit den lieben­den Augen des göt­tlichen Vaters.
  • Heute nun fol­gt die Königs­diszi­plin: Das Geschenk der Frei­heit – anderen vergeben. Und zwar auch dann, wenn der andere sich vielle­icht nie entschuldigt.

Mir ist bewusst: Das Wort ‘Verge­bung’ kann riesi­gen Druck aus­lösen. Für manche fühlt es sich schon fast trau­ma­tisch an: «Als Christ:in musst du immer vergeben. Sofort! Allen! Alles! …. Stell dich nicht so an! Sei brav, reich die Hand, Schwamm drüber!» Das riecht dann freilich nicht nach Frei­heit, son­dern nach Zwang, nach Ver­drän­gung, nach ‘gute Miene machen zum bösen Spiel’.

Ich habe schon ver­gan­genen Son­ntag darauf hingewiesen: Das Wort ‘verzei­hen’ kommt von ‘zei­hen’, d.h. ‘bezichti­gen’ oder ‘auf jeman­den zeigen’. «Verzei­hen Sie bitte!» heisst wörtlich über­set­zt: «Bitte zeigen Sie nicht mit dem aus­gestreck­ten Fin­ger auf mich – kla­gen Sie mich nicht an, selb­st wenn ich Mist gebaut habe.»

Doch was tun wir reflexar­tig, wenn uns jemand wehtut? Wir streck­en (min­destens inner­lich) den Zeigefin­ger aus. Wir wer­den zur wan­del­nden Anklage­bank. Und wir führen pein­lich genau die Buch­hal­tung: «Der schuldet mir noch was! Die hat mir das Woch­enende ruiniert! Das zahle ich ihnen heim!» — Die Frage ist nur, wer bei diesem Ver­hal­ten schliesslich was zahlt.
Die Philosophin Sven­ja Flasspöh­ler schreibt: «Wer verzei­ht, han­delt wed­er gerecht noch ökonomisch noch logisch.» Damit hat sie natür­lich recht! In der gesellschaftlichen Logik regiert die Vergel­tung: Auge um Auge, Kränkung um Kränkung. In den Medi­en und in unser­er Kul­tur boomen Schuldzuweisun­gen. Und die Empörung darüber, was sich andere erlauben.
Nur: Unver­söhn­lichkeit ist ökonomisch ein Desaster für die Seele. Ein altes Sprich­wort sagt: «Groll mit sich herumzu­tra­gen ist, als würde man selb­st Gift trinken und darauf warten, dass der andere daran stirbt.» Dage­gen greift Fabi­an Vogt eine bud­dhis­tis­che Weisheit auf, die bib­lisch und christlich klingt: «Wenn du gut zu dir sein willst, dann vergib den anderen!» — Anderen zu vergeben ist nicht in erster Lin­ie eine Wohltat für den Täter, son­dern es ist ein Akt der Selb­st­be­freiung! Solange ich wütend auf jeman­den bin und ihm/ihr nach­trage, was er/sie ‘ver­brochen’ hat, bin ich belastet. Ich bleibe an diese Per­son geket­tet. Sie bes­timmt meine Laune beim Zäh­neputzen, sie sitzt virtuell bei mir am Mit­tagstisch, sie raubt mir um 3:00 Uhr mor­gens den Schlaf. Verge­bung heisst u.a.: Ich durch­schnei­de diese emo­tionale Fes­sel. Ich löse mich aus der Abhängigkeit von dem Men­schen, der mich ver­let­zt hat (Ver­gan­gene Woche in der Pfr-weit­er­bil­dung haben wir Geschicht­en dazu aus Ruan­da gehört. Unsere Ref­er­entin begleit­et und doku­men­tiert seit langem den Ver­söh­nung­sprozess nach dem Genozid 1994)
Das Wichtig­ste in diesem Zusam­men­hang ist: Verge­bung ist kein Gefühl, son­dern eine Entschei­dung. Wenn Du warten willst, bis Du warme, wohlige Gefüh­le entwick­elst für die Per­son, die Dich hin­ter­gan­gen oder gekränkt hat, kannst Du ewig warten. Das ist aber über­haupt nicht nötig. Du kannst die Last abladen, statt sie deinen Mit­men­schen nachzu­tra­gen. Vergeben heisst ein­fach: Ich treibe die Schuld nicht sel­ber ein. Ich zer­reisse die Rech­nung. Oder vielle­icht noch zutr­e­f­fend­er: Ich übergebe sie Gott. Ich trete das Recht auf Vergel­tung an Gott ab. Es soll (und kann) für den nöti­gen Aus­gle­ich sorgen.

Genau davon redet unser Predigt­text. Und er löst das Dilem­ma, indem er nicht mit der Schuld begin­nt, son­dern mit unser­er Iden­tität. Kol sagt nicht: «Reisst euch mal zusam­men und seid nett!» Son­dern er erin­nert: «Ihr seid von Gott erwählt, heilig und geliebt!» Wichtig: ‘Ihr seid…!’ Nicht: ‘Ihr müsst wer­den …!’ Auch nicht: ‘Ihr müsst dem entsprechen!’ Son­dern eben: «Ihr seid von Gott erwählt, heilig und geliebt!»
Das ist das Fun­da­ment! Es ist keine juris­tis­che Forderung, son­dern der Zus­pruch der Würde: Du musst Dir den Wert nicht erst durch hero­is­ches Verzei­hen erar­beit­en. Du bist schon geliebt. Daraus fol­gt ganz natür­lich der Klei­der­wech­sel ( «Zieht an»). Was sind nun die neuen Kleidungsstücke?

  1. Her­zlich­es Erbar­men: Das Wort spielt im antiken Denken auf die Eingewei­de an. Im Bauch spüren wir, was wir fühlen. Gemeint ist Mit­ge­fühl, d.h. Empathie, die unter die Haut geht.
  2. Fre­undlichkeit und Demut: Echte Fre­undlichkeit ist nicht Demut, zu der man aus Schwäche gezwun­gen ist. Son­dern gemeint ist der Verzicht auf die Arro­ganz, sich selb­st für fehler­los zu halten.
  3. Milde und Geduld (® Lang­mut): Grosszügig sein. Dem Mut haben, lange gnädig zu sein. Einen lan­gen Atem haben, wenn Mit­men­schen schwierig sind.
  4. Einan­der ertra­gen! Der griechis­che Begriff bedeutet wörtlich: «Aushal­ten!» Kann sein, dass es sich anfühlt, als wäre Verge­bung noch sehr weit weg. Aber ich fange an, die Marot­ten und die Unvol­lkom­men­heit­en des Gegenübers ein­fach mal ste­hen­zu­lassen. Ich muss nicht immer gle­ich mit Schei­dung oder Kündi­gung drohen

«Zieht das alles an!» Und dann fol­gt der Kern­vers im Blick auf unser The­ma, Vers 13: «Vergebt einan­der, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!»
Der The­ologe Eduard Schweiz­er hat in seinen Ausle­gun­gen zu Recht betont: Die Verge­bung untere­inan­der ist keine fromme Son­der­leis­tung. Sie ist nur die Weit­er­führung der Bewe­gung, die Gott an uns begonnen hat. Wenn Chris­tus das Urteil über uns zer­ris­sen hat, kön­nen wir nicht doch nicht länger die Faust im Sack machen! – Das ganze Out­fit wird vol­len­det – wie ein schön­er, wär­mender Woll­man­tel oder der Gür­tel, der alles zusam­men­hält – von der Liebe, dem Band der Vol­lkom­men­heit.
So schön das Bild vom vol­len­de­ten Out­fit auch sein mag, das The­ma ‘Verge­bung’ bleibt eine Her­aus­forderung. Anstren­gend fühlt es sich aber auch an, weil es Missver­ständ­nisse gibt. Und darum ist wohl ganz richtig, auch zu beto­nen, was Verge­bung nicht ist. Fabi­an Vogt unter­stre­icht in seinem Buch dreier­lei, was auch von psy­chol­o­gis­chen Erken­nt­nis­sen betont wird:

  1. Vergeben heisst NICHT Gutheis­sen! ‑Wenn Dir jemand Unrecht getan hat, dann war und bleibt das Unrecht. Punkt. Verge­bung wis­cht nicht schön­fär­berisch unter den Tep­pich, was war. Verge­bung bedeutet nicht: «Es war doch nur halb so schlimm.» Nein! Vergeben kann ich nur, wenn etwas wirk­lich falsch war. War es nicht schlimm, dann braucht es auch keine Verge­bung. Dann reicht ein Achselzuck­en. Verge­bung sieht und benen­nt den Schmerz klar. Sie weigert sich aber, den Schmerz zur Richtschnur der Zukun­ft zu machen.
  2. Vergeben heisst NICHT Vergessen! – Es gibt zwar die Reden­sart: «Vergeben und vergessen!» Doch das macht wed­er neu­rol­o­gisch noch psy­chi­a­trisch Sinn. Unser Hirn, Herz und Bauch funk­tion­ieren anders als ein USB-Stick, den man ein­fach neu for­matieren kann und dann ist alles weg. In uns bleiben Nar­ben. Aber Verge­bung ver­wan­delt die Erin­nerung: Die Entzün­dung kann abklin­gen und die Ver­let­zung heilen. Es bleibt die Narbe, die uns an das erin­nert, was war. Sie hat uns aber nicht mehr im Griff, über­s­teuert uns nicht.
  3. Vergeben ist NICHT das­selbe wie Ver­söh­nung! – Das ist der ent­las­tend­ste, befreiend­ste Hin­weis: Zum Vergeben braucht es nur eine Per­son – näm­lich Dich selb­st. Zur Ver­söh­nung braucht es immer zwei!

Es kann ja sein, dass dich jemand ver­let­zt hat, der oder die längst gestor­ben ist. Oder der betr­e­f­fende Mit­men­sch ist unein­sichtig, narzis­stisch, vielle­icht gar tox­isch. Du musst Dich aber nicht wieder (und wieder) in eine destruk­tive Beziehung begeben! Du kannst einem Men­schen vor Gott von Herzen vergeben, um Deine Seele frei zu machen – und den­noch gesunde Gren­zen ziehen: «Ich vergebe dir, aber ich trinke keinen Kaf­fee mehr mit dir.» Das Geschenk der Frei­heit gilt für Dich.

  • Der Friede Christi als Schied­srichter (Koloss­er 3,15). Es heisst in V.15: «Und der Friede Christi … regiere in euren Herzen!» Das griechis­che Wort für ‘regiere’ stammt aus dem Sport­sta­dion. Es beze­ich­net die Tätigkeit des Schieds- oder Kampfrichters. Wörtlich heisst es hier also: «Der Friede Christi soll der Schied­srichter in eurem Herzen sein!»

Also stellt Euch vor, wie auf dem Fuss­ballplatz die Emo­tio­nen hochkochen. Ein­er grätscht von hin­ten rein. Der Getrof­fe­nen wälzt sich vor Schmerzen am Boden. Rudel­bil­dung: Die Spiel­er gehen aufeinan­der los. Das Pub­likum kreis­cht und tobt. Rachegelüste flam­men auf. Und der Schied­srichter? Er pfeift. Er stellt sich dazwis­chen. Er kühlt die Gemüter ab und sorgt dafür, dass das Spiel nach den Regeln des Lebens weit­erge­ht. — Wenn im All­t­ag die Kränkun­gen hochkochen – im Büro, in der Fam­i­lie, in der Nach­barschaft, in der Gemeinde –, wenn die innere Stimme zis­cht: «Dem zeige ich’s jet­zt aber!», dann kön­nen wir die Pfeife dem Schied­srichter über­lassen: Halt! Pfiff! Jet­zt regieren nicht mehr gekränk­te Eit­elkeit­en. Son­dern der Friede Christi hat das let­zte Wort.

Unser Predigt­text endet mit einem kurzen Satz, der auf den ersten Blick fast neben­säch­lich wirkt: «Und seid dankbar.»
Dankbar wofür? – Dankbar, weil wir nicht im Schlamm der Bit­terkeit steck­en­bleiben müssen. Dankbar, weil Gott uns nicht auf unsere Fehler behaftet.
Verge­bung ist kein moralis­ches Gesetz, das uns erdrückt. Sie ist eine Ein­ladung zur Frei­heit. Es ist die Chance, den alten Man­tel der Bit­terkeit an der Garder­obe abzugeben und in die neuen, leicht­en Klei­der der Barmherzigkeit zu schlüpfen. Vielle­icht sitzt heute Mor­gen jemand hier und spürt: «Da ist diese Per­son. Wenn ich ihren Namen nur höre, zieht sich in mir alles zusam­men. Ich halte seit Jahren diesen Schuld­schein in der Hand.» — Wäre nicht vielle­icht heute der Tag, die Rech­nung zu zer­reis­sen. Nicht, weil der andere es ver­di­ent hätte – son­dern weil Du es ver­di­ent hast, frei zu sein. – Fahr den Zeigefin­ger ein. Hör auf den Pfiff des Schied­srichters. Zieh das Kleid der Liebe an. Amen

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