Stärke unseren Glauben!

Predigt zu Lukas 17,5–6 am Son­ntag, 13.09.2026 in der EMK Adliswil

Liebe Gemeinde,

«Ich glaube an Gott, den einen … Kün­stler, der die Ewigkeit weckt in mir … stark­er Geist und Atem des neuen Lebens.» (→ EMK GB Nr. 300) Ich glaube! Fest! Uner­schüt­ter­lich. Wenn das nur so wäre! Wenn mein Glaube stark wäre wie eine Wet­ter­tanne … sturmer­probt, dick­stäm­mig, durch nichts ins Wanken zu brin­gen!
Das wün­schte ich mir! Hätte ich einen starken Glauben, dann würde mich nicht jede Schreck­en­snachricht der Tagess­chau erschüt­tern. Dann wür­den Zweifel nicht nachts um mein Bett tanzen. Dann kön­nten Krankheits­be­funde, famil­iäre Span­nun­gen oder schlicht Erschöp­fung mich nicht so aus dem Gle­ichgewicht brin­gen. Am Son­ntag sin­gen wir: «Ich weiss, woran ich glaube – ich weiss, was fest beste­ht!» (→ EMK GB Nr. 304). Am Mon­tag­mor­gen im Geschäft oder am Küchen­tisch nur ein schiefer Blick, ein falsches Wort …. und keine Spur mehr von Glaubensstärke.

Glauben!? Wer mit offe­nen Augen durch die Welt geht, kommt ins Grü­beln. Wir wis­sen von Kriegen, die ein­fach nicht aufhören. Wir nehmen wahr, wie Ton und Umgang in der Gesellschaft immer rauer wer­den. Unbarmherzig. Gnaden­los. Der Kli­mawan­del schre­it­et voran. Doch wer bringt Men­schen dazu, miteinan­der etwas dage­gen zu tun? Und dann die Sit­u­a­tion der Kirchen: sink­ende Zahlen, schwinden­der gesellschaftlich­er Ein­fluss, Gebäude, die aufgegeben wer­den müssen – dafür an jed­er Strasse­necke Sin­nange­bote, die sich­er lauter und schein­bar attrak­tiv­er sind. Da fragt man sich doch: Was trägt über­haupt noch? Wie kann man in dieser Welt und Zeit die Hoff­nung am Leben hal­ten?
Ich füh­le mich dann in geistlichen Din­gen als ‘Män­gel­we­sen’. Ver­gle­iche mich mit den Glauben­sriesen der Bibel und Kirchengeschichte! Oder denke an die Stürme, die frühere Gen­er­a­tio­nen in stillem Glauben über­standen. – Ich, wir heuti­gen kom­men bei diesem Ver­gle­ich ziem­lich flach her­aus. Unser Glaube gle­icht eher einem wank­enden Schil­frohr als ein­er stat­tlichen Wet­ter­tanne. Dann stimme ich nicht stolz und dankbar in grosse Beken­nt­nisse ein. Eher ächze und seufze eher mit dem verzweifel­ten Vater aus der Lesung: «Ich glaube; hilf meinem Unglauben!» (Mk 9,24).

So etwa ging es auch Jesu Jünger:innen im heuti­gen Predigt­text aus Lk 17. Ihre Bitte an Jesus klingt wie ein kollek­tiv­er Seufz­er: «Die Apos­tel bat­en den Her­rn: Stärke unseren Glauben!» (Lk 17,5) Unmit­tel­bar vorher hat­te Jesus ern­sthafte Mah­nun­gen an sie gerichtet. Er sagte: «Passt auf, dass ihr nie­man­den ins Straucheln bringt!» Und: «Wenn dein Brud­er, deine Schwest­er an dir schuldig wird und dich am Tag sieben­mal um Verge­bung bit­tet – dann vergib sieben­mal!» (vgl. Lk 17,1–4). – Wie soll man das schaf­fen!? Die Jünger:innen wer­den sich etwa gedacht haben: «Sieben­mal an einem einzi­gen Tag vergeben?! Wenn mich jemand immer wieder ver­let­zt? Nein! Das schaf­fen wir nicht. Da müssten wir viel stärk­er wer­den. Gib uns erst mal ein mas­sives Upgrade, stärke unseren Glauben, damit wir das über­haupt hinkriegen!» Sie wollen eine Dosis ‘Pow­er-Glaube’ als Schutzschild und Treib­stoff.
Und wie reagiert Jesus? Er schickt sie nicht ins geistliche Train­ingslager. Verord­net kein ‘Fit­nesspro­gramm für den Glauben’. Er schaut sie an — mit einem humor­vollen Augen­zwinkern, vielle­icht sog­ar einem schelmis­chen Blick – und sagt: «Wenn euer Glaube nur so gross ist wie ein Sen­fko­rn, kön­nt ihr diesem Maulbeer­baum befehlen: Zieh deine Wurzeln aus der Erde und verpflanze dich ins Meer! – und er wird euch gehorchen.» (Lk 17,6)
Was für ein schräges, witziges Bild! Ich meine: Warum sollte man einem Baum so etwas befehlen? Ausser­dem: Ein Maulbeer­baum hat knor­rige, zähe Wurzeln, die tief in den steini­gen Boden reichen. Den reisst man nicht ein­fach schnell mal aus. Und das Meer? Ein Wüsten­baum gedei­ht nicht in ste­hen­dem Wass­er (um vom Salz gar nicht erst zu reden)! Stellt Euch das filmisch vor: Ein knor­riger Baum zieht laut schmatzend seine Wurzeln aus dem Erdre­ich, schwebt graz­iös durch die Luft und pflanzt sich wink­end mit­ten im Zürich­see ein!
Warum übertreibt Jesus der­massen? Sich­er nicht, um die Jünger zu ver­höh­nen oder auszu­lachen. Manche Ausleger haben aus Jesu Bild ja ver­nich­t­en­den Tadel gele­sen: «Ein Sen­fko­rn Glaube wäre genug. Aber ihr nicht ein­mal das, ihr Ver­sager!» Nein! Jesus ist Seel­sorg­er, kein Zyniker. Er will sie mit seinem Witz von einem fol­gen­schw­eren Denk­fehler bewahren: Die Jünger dacht­en näm­lich, Glaube sei so etwas wie ein Energi­eträger. Mess­bar. Abzuwiegen. Davon müsse man liter‑, kilo- oder am besten ton­nen­weise im Tank haben. Jesus aber sagt: Vergesst es! Hört auf zu rech­nen. Das geht es nicht um Buch­hal­tung. Glauben kann man nicht in Litern oder Kilo­gramm bemessen. Bei Gott geht es nicht um Quan­tität, son­dern um die Verbindung!

Es lohnt sich, genau hinzuhören. Im Deutschen ist das Wort ‘Glaube’ näm­lich heil­los missver­ständlich. Wenn wir sagen, ‘Ich glaube, dass es mor­gen reg­net’, äussern wir eine vage Ver­mu­tung. Im kirch­lichen Umfeld hinge­gen wird Glaube gerne missver­standen als: Für-wahr-Hal­ten von dog­ma­tis­chen Lehrsätzen oder unl­o­gis­chen Wun­dern. Als wäre Glaube ein gefährlich­er geistiger Bal­anceakt, der nur bei aus­geschal­tetem Ver­stand funk­tion­iert. Als müssten Glaubende Dinge unhin­ter­fragt schluck­en, die sie nicht begreifen.
Doch die hebräis­chen und griechis­chen Aus­drücke hin­ter der dt. Über­set­zung ‘Glauben’ meint etwas ganz anderes: Treue, Zuver­läs­sigkeit, festes Ver­trauen. Glaube ist kein Wer­weis­sen. Und auch nicht das Für-wahr-Hal­ten von The­o­rien wider besseres Wis­sen. Glaube ist das konkret gelebte Ver­trauen in die Begleitung und Gegen­wart von Jesus Chris­tus an jedem einzel­nen Tag.
Glaube ist kein Energiespe­ich­er, den wir aufladen kön­nen. Er ist auch nicht ein Muskel, der trainiert wer­den muss. Glaube ist eine Beziehung. Denkt an ein kleines Kind, das an der Hand sein­er Mut­ter über eine viel­be­fahrene Strasse geht. Das Kind muss die Verkehrsregeln nicht ken­nen. Es muss Bewe­gungsen­ergie und Brem­skraft der Autos nicht berech­nen kön­nen. Es braucht auch keine hero­is­che Wil­len­skraft. Es hält sich nur an der Hand der Mut­ter fest. Dabei ist es nicht die Kraft der Kinder­hand, die es ret­tet und führt. Es ist die Kraft und Zuver­läs­sigkeit der Mut­ter, die die Hand hält.

Darin liegt übri­gens auch die Antwort auf die Ein­stiegs­frage: Was lässt uns die Hoff­nung bewahren in dieser Zeit und Welt? Es ist nicht die Sta­bil­ität unseres Gefühlslebens. Nicht uner­schüt­ter­lich­er (und wom­öglich welt­fremder) Opti­mis­mus. Es ist auch nicht die Kraft unseres Glaubens. Son­dern: Es gibt Hoff­nung – und diese Hoff­nung stirbt nie -, weil Chris­tus da ist. Keine Qual­ität unseres Glaubens, son­dern die Treue Christi ist das Fun­da­ment. Darum kann der Glaube so winzig sein wie ein Sen­fko­rn, und doch ist es mehr als genug. Weil, was winzig ist, sich mit der unendlichen Kraft Gottes verbindet. Ein Sen­fko­rn macht gar nichts; aber wenn es in Gottes Ack­er fällt, ent­fal­tet sich die ganze Schöpfer­kraft des Him­mels darin (vgl. Mt 13,31f).

Darin steck­en die Ent­las­tung und Ermu­ti­gung für uns heute Mor­gen: Klein, ja sog­ar winzig, ist gross genug! Gott näm­lich sieht und liebt das Kleine und Unschein­bare. Das zieht sich wie ein rot­er Faden durch die gesamte Bibel: Sein Volk ist nicht eine Welt­macht wie Ägypten oder Baby­lon. Es ist das kleine Nomaden­volk Israel. Unter Isais Söh­nen beein­druck­en den Propheten Samuel die grossen, stat­tlichen Krieger. Gott aber wählt den kaum den Kinder­schuhen entwach­se­nen David, den kleinen Hirten­jun­gen. Und sein Erlö­sungswerk in Chris­tus startet nicht mit ein­er Gala in den Palästen Roms. Son­dern arme Hirten begeg­nen in einem Stall in Beth­le­hem einem Kleinkind.
Es ist unglaublich schw­er zu ver­ste­hen in ein­er Leis­tungs­ge­sellschaft wie der unseren. Doch Leis­tung, Grösse, Stärke zählen nicht bei Gott. Jesus erlöst uns vom Leis­tungs­druck. Nie­mand von uns muss Glaubensheld:in sein. Wir müssen wed­er Bäume verpflanzen noch Berge ver­set­zen. Der Sen­fko­rnglaube reicht. Mehr braucht es nicht. Daraus wach­sen konkrete Schritte:

  • Es ist der kleine Glaube, der mich trotz Müdigkeit ans Tele­fon gehen lässt, um eine ein­same Nach­barin, einen kranken Kol­le­gen anzurufen.
  • Es ist der winzige Glaube, der mich nach nach einem Stre­it nicht stur bleiben, son­dern die Hand zur Ver­söh­nung ausstreck­en lässt.
  • Es ist der Sen­fko­rnglaube, der mich ein Lächeln ver­schenken und sog­ar ein «Bhüet di Gott» sagen lässt.

Gott sucht und braucht unsere geistlichen Muskel­spiele nicht. Er wün­scht sich Men­schen, die ihre kleine Hand in seine grosse Hand leg­en und sagen: «Gott, ich habe meine Gren­zen, aber du bist treu. Geh du heute mit mir durch diesen Tag.»

Zum Schluss bleibt aber doch die Frage: Die Jünger:innen bit­ten um Stärkung ihres Glaubens. Wie geschieht diese Stärkung, wenn nicht durch krampfhaftes Train­ing? Die Antwort ist eine doppelte:

  1. In der Gemein­schaft der Glauben­den: Nie­mand von uns kann allein Christ sein. Glaube ist keine Einzel­sportart. Wenn ich mein eigenes Sen­fko­rn zu ver­lieren dro­he, brauche ich Geschwis­ter. Manch­mal fällt es mir schw­er zu beten. Ich füh­le mich leer. Wie gut ist es dann zu wis­sen: Andere beten für mich. Sin­gen für mich, wenn meine Stimme ver­sagt. Diet­rich Bon­ho­ef­fer der in NS-Gefan­gen­schaft um seinen Glauben rang, schrieb: Der Glaube der Geschwis­ter, die Für­bitte der Gemeinde und die Musik von Hein­rich Schütz hät­ten ihn durch die schw­er­ste Anfech­tung getra­gen haben. Wenn wir einan­der von unseren Fra­gen und Zweifeln erzählen, aber auch von guten Erfahrun­gen und Him­mel­re­ichsmo­menten, dann wird der Glaube gestärkt. Der Glaube wächst im Miteinander.
  2. Durch Chris­tus selb­st: Erst recht wird unser Glaube durch Jesu Zuwen­dung gestärkt. Zu Petrus sagte Jesus: «Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre» (Lk 22,32). Vergessen wir das nie! Bevor wir über­haupt anfan­gen zu glauben, betet Chris­tus schon für uns! Seine Treue geht unserem Ver­trauen immer voraus. — Er stärkt uns im All­t­ag durch sein da sein. Er hat ver­sprochen: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.» Er stärkt uns durch seine Worte, in der Stille, im Gebet … und in allem, was uns beschäftigt und in Atem hält. Indem er mit­ge­ht. Er stärkt uns, indem er uns ein­lädt, seine Diener:innen zu sein – ent­lastete Men­schen, die ein­fach tun, was an Liebe und Güte heute vor ihren Füssen liegt (Lk 17,10).

Wir brauchen uns nicht länger ver­rückt zu machen durch die Fra­gen, ob unser Glaube lang, bre­it, hoch oder gewichtig genug sei. Es wird von nie­man­dem gemessen, wie viel wir vor­weisen kön­nen. Schon gar nicht von Gott. – Nur ein Sen­fko­rn. Zwar winzig klein. Und doch mehr als genug. – Jeden Tag dieses kleine Körnchen Ver­trauen in die Hände Christi leg­en. Mehr braucht es nicht. Er geht mit. Er hält uns fest. Und wir dür­fen get­rost Gott über­lassen, was daraus wach­sen wird. Amen

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