Nur Jesus ?! (Gute Nachricht III)

Predigt vom 25.01.2026 in der EMK Adliswil zu Johannes 14,1–7 u.a.

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Liebe Gemeinde,

„Nur Jesus?! – Wirk­lich?!“ Die Frage ist alles andere als harm­los. Deshalb das Aus­rufeze­ichen. Es klingt eng, aus­gren­zend, vielle­icht auch arro­gant: „Nur Jesus! Son­st nichts!“ Das muss Wider­spruch aus­lösen in unser­er plu­ral­is­tis­chen, auch religiös vielfälti­gen Welt. Doch das Evan­geli­um bleibt dabei: Es zählt nur Jesus!
Nicht ein­mal Christ:innen schaf­fen es, ganz dabei zu bleiben. Der katholis­che The­ologe Alfred Loisy hat ein­mal for­muliert: „Jesus verkün­dete das Reich Gottes – gekom­men ist die Kirche.“ Das trifft ger­ade heute einen Nerv. Weil es ger­ade in Kirchen nicht nur um Jesus geht. Viele Men­schen heute haben eigentlich kein Prob­lem mit Jesus. Aber sehr wohl mit dem, was aus ihm gewor­den ist: Mit Kirchen, Dog­men, Macht­struk­turen, Grenzziehun­gen. Die Jesus so bes­timmt nicht wollte! Er hat keine Insti­tu­tion gegrün­det, kein Sys­tem aufge­baut, kein Regel­w­erk geschrieben. In ihm und durch ihn wuchs und wächst das Reich Gottes. Es hat sein Gesicht. In diesem Reich pulsieren Jesu Geist und Herz. Gottes Reich schliesst Men­schen ein, nicht aus. Es verurteilt nicht, son­dern befre­it. Es fordert nicht, son­dern lädt ein. Gottes Reich wuchs aus dem Leben, wie Jesus es führte. Das ist die gute Nachricht. Das Evan­geli­um. Darum geht es in allen Predigten bis zu den Sportferien.

Ausser­halb der Kirche kom­men heute vie­len Men­schen beim Wort Evan­geli­um nicht zuerst gute Nachricht­en in den Sinn. Son­dern sie hören zunächst: Moralis­che Ansprüche, Stre­it um die Wahrheit, Auss­chliesslichkeits­de­bat­ten. Darum klingt dann anmassend, was Jesus in Jh 14,6 sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Nie­mand kommt zum Vater, denn durch mich.“ – Was für eine Zumu­tung: Nur Jesus! Son­st nichts! Wenn das so auss­chliessend gemeint ist, wie es klingt: Was ist dann gut an dieser Nachricht? — Hören wir erst ein­mal dieses Wort Jesu im grösseren Zusam­men­hang. Ich lese Johannes 14,1–7:

1»Lasst euch im Herzen keine Angst machen.
Glaubt an Gott und glaubt an mich.
2Im Haus meines Vaters gibt es viele Woh­nun­gen.
Wenn es nicht so wäre,
hätte ich dann zu euch gesagt:
›Ich gehe dor­thin,
um für euch einen Platz vorzu­bere­it­en‹?
3Und wenn ich dor­thin gegan­gen bin
und für euch einen Platz vor­bere­it­et habe,
werde ich wiederkom­men.
Dann werde ich euch zu mir holen,
damit auch ihr dort seid, wo ich bin.
4Ihr ken­nt ja den Weg zu dem Ort, wo ich hinge­he.«
5Thomas sagte zu ihm:
»Herr, wir wis­sen nicht, wo du hingehst.
Wie kön­nen wir dann den Weg dor­thin ken­nen?«
6Jesus antwortete:
»Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Es gibt keinen anderen Weg zum Vater als mich.
7Wenn ihr mich erkan­nt habt,
dann werdet ihr auch meinen Vater erken­nen.
Schon jet­zt ken­nt ihr ihn und habt ihn gese­hen.«        Johannes 14,1–7

Das begin­nt über­haupt nicht dog­ma­tisch, son­dern seel­sorg­er­lich, mit einem Zus­pruch: „Lasst euch im Herzen keine Angst machen.“ Jesus sagt das in der Sit­u­a­tion des Abschieds. Die Jünger:innen sind aufgewühlt. Sie spüren: Etwas geht zu Ende. Ver­trautes bricht weg. Die Zukun­ft ist unklar. — In ihre Unruhe und Angst hinein sagt Jesus nun eben nicht: „Ich zeige Euch das Sys­tem, die Meth­ode, wie ihr damit klarkommt.“ Son­dern: „Glaubt an Gott. Ver­traut auf mich. Auf mich ist Ver­lass.
Das Evan­geli­um ist wed­er ein Sys­tem noch ein Lehrge­bäude, noch eine Weltan­schau­ung. Kern der guten Nachricht ist vielmehr die Per­son Jesus Chris­tus. In ihm wird Gott anschaulich, berührbar, zugänglich. Es geht nicht um abstrak­te Ideen und Wahrheit­en. Es geht um gelebte und tragfähige Beziehung. Das ist im ganzen Abschnitt der Fokus, auch beim ‚Ich-bin-Wort‘: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; Es gibt keinen anderen Weg zum Vater als mich.“
Wie oft wurde dieser Satz missver­standen … und zur Waffe, zur Gren­zlin­ie oder zum Massstab, um den Glauben ander­er zu beurteilen. Dabei zeigt der Zusam­men­hang, dass er keine abgren­zende Def­i­n­i­tion ist. Son­dern eine inte­gri­erende Ein­ladung zum Ver­trauen ist. Jesus pos­tuliert nicht von oben, ex cathe­dra, unfehlbare Wahrheit. Was er sagt, wurzelt aber in gelebter und gewach­sen­er Beziehung. Diese Men­schen ken­nt er und sie ken­nen ihn. Sie waren lange Zeit miteinan­der unter­wegs. Haben zusam­men gegessen, gestrit­ten, gehofft. – Darum sagt er auch nicht: „Ihr müsst mich richtig denken.“ Er sagt: „Ihr ken­nt mich. Ihr wisst, dass ihr mir ver­trauen kön­nt. Dass ich bei Euch bin und zu euch halte.“ Also geht nicht darum, den richti­gen Weg exakt zu definieren. Son­dern darum, ihm zu ver­trauen. Jesus spricht uns zu: „Wenn ihr nicht wisst, wohin es geht, wenn ihr Angst habt – dann ver­traut auf mich. Darauf, dass ich den Weg kenne und mit euch gehe.
Jesu Worte und Nachricht­en sind gut, weil in ihm Gott greif­bar wird, ganz nahe kommt. Weil er uns nicht allein lässt, son­dern sich betr­e­f­fen lässt von dem, was uns umtreibt. Auf sein Mit­ge­hen, seine Treue ist Ver­lass. Jesus ist mit uns auf dem Weg zu Gott. Immer. Darum ist der Kern der guten Nachricht nicht ein Lehrsatz über Jesus, son­dern die Beziehung zu ihm.

Nach­dem die Per­son Jesu hin­ter der Insti­tu­tion Kirche immer weniger wahrzunehmen war, set­zten die Refor­ma­toren genau hier wieder an. Mar­tin Luther brachte es auf den Punkt mit: ‚Allein Chris­tus‘. Im Zen­trum von Luthers Wirken ste­ht die Wieder­ent­deck­ung der Per­son Jesu Christi. Luther sagt:Die Beschäf­ti­gung mit Chris­tus soll „all unser Weisheit und Kun­st sein, die ein Christ wis­sen soll“. Also: Jesus ist nicht ein The­ma unter vie­len. Son­dern nur um ihn geht es in der The­olo­gie.
Mar­tin Luther hat näm­lich in Krisen Trost nicht in der Lehre gefun­den, son­dern im Schauen auf Jesus. Sein Seel­sorg­er Johann von Staupitz hat­te ihm dazu ger­at­en. Denn: An Jesus wird Gottes Gnade anschaulich. Sie bedeutet nicht Macht, son­dern Hingabe. Nicht Abgren­zung son­dern Men­schen­fre­undlichkeit. Nicht Über­legen­heit, son­dern Nähe und Treue bis zum Let­zten. Sie belehrt uns nicht, aber sie trägt uns. Die Beziehung zu Jesus Chris­tus ist der Bren­npunkt unseres Glaubens.

Wer ist oder war dieser Jesus genau? Und: Was war er nicht? Schauen wir genau hin: Jesus hat nie ein Buch geschrieben, hat nicht buch­stäblich definiert, was ihm wichtig war. Was wir über ihn wis­sen, wurzelt alles in den mündlichen Erzäh­lun­gen der­er, die ihm nahe waren.
Jesus hat sich­er keine Reli­gion gegrün­det. Er war einige Jahre in Galiläa, Judäa und Jerusalem unter­wegs. Er hat ein Team geformt aus denen, die mit ihm waren. Und kurz vor seinem Tod hat er diese Leute als Mul­ti­p­lika­toren sein­er Botschaft einge­set­zt.
Jesus hat nicht getauft. Er liess sich vom Täufer taufen. Er beauf­tragte sein Team, die Men­schen zu lehren und zu taufen. Er selb­st hat jedoch nie­man­den getauft.
Jesus hat keine Kirchen gebaut. Er akzep­tierte die religiösen Ver­hält­nisse sein­er Umwelt. Er war Jude. Schon als Teenag­er zog es ihn in die Syn­a­goge. Dort predigte Jesus. Er stellte sich den Diskus­sio­nen mit jüdis­chen Gelehrten. Mal hier. Mal dort. Jesus wartete nicht, bis die Leute zu ihm kamen. Er ging zu ihnen. Er han­delte nicht sta­tionär, von einem heili­gen Ort oder Gebäude aus. Son­dern Jesus war ambu­lant unter­wegs, das heisst umherge­hend.
Jesus hat keine Waf­fen getra­gen. Er hat­te kein Ver­mö­gen und musste nichts vertei­di­gen. Seine Botschaft der Gewalt­losigkeit lebte er waf­fen­los und damit der Ver­fol­gung aus­ge­set­zt. Er hat­te wed­er Body­guards noch eine Pri­vatarmee
Jesus hat kein Land erobert. Er betrieb keine Sied­lungspoli­tik. Er akzep­tierte die römis­che Besatzungs­macht als Rah­men für sein Wirken. Jesus hat nie ein poli­tis­ches Man­dat aus­geübt. Zwar war seine Botschaft hoch­poli­tisch, doch er betätigte sich nicht poli­tisch. So kon­nte er trotz des Kon­flik­tes zwis­chen römis­ch­er Besatzung und  nation­al­is­tis­chen Protest­be­we­gun­gen das anbrechende Reich Gottes verkündi­gen.
Jesus hat kaum Geld ver­di­ent und lebte obdach­los. Er emp­fahl seinen Leuten eine min­i­male Grun­daus­rüs­tung für unter­wegs. Sich sel­ber liess er unter­wegs zum Essen ein­laden. Während Füchse ihre Höhlen haben, wusste er am Mor­gen noch nicht, wo er sich abends schlafen leg­en sollte.
Jesus war über­all und nir­gends zu Hause. Er nahm Nöte sein­er Mit­men­schen wahr. Er hat geliebt, gelehrt und geheilt. Sein­er Mis­sion, Gott und sein Reich den Men­schen nahe zu brin­gen, blieb er treu. Selb­st dann noch, als es für ihn gefährlich wurde und ihn let­ztlich das Leben kostete.

Das alles ist schon sehr beein­druck­end. Und doch macht es Jesus noch nicht zum Weg. Dazu brauchte es noch die Aufer­ste­hung. Ohne wäre Jesus ein leuch­t­en­des Vor­bild der Mit­men­schlichkeit, Gewalt­losigkeit und Ethik. Nicht weniger. Und nicht mehr. Wie andere Per­sön­lichkeit­en auch. – Mit und dank der Aufer­ste­hung aber, mit der Gewis­sheit, dass sein Weg zu Gott zurück­führte, wird Jesu Evan­geli­um zur guten Nachricht von neuem Leben.
Es ist der aufer­standene Chris­tus, der sagt: „Ich bin der Weg …!“ Gott hat sich fest­gelegt auf diesen Weg der Liebe, der Hingabe, des Kreuzes. Dieser Weg führt zu Gott. Er ist verknüpft mit der Per­son Jesu. Nicht mit dem, was wer auch immer über Jesus lehrte. Nur Jesus allein! Seine Liebe, seine Hingabe, seine Treue. Wer mit und bei ihm sucht, wird Gott find­en.
Wahrschein­lich kann ein Weg mit Jesus ganz anders ausse­hen, als wir uns das in 2000 Jahren Kirchengeschichte zurecht­gelegt haben. Sich­er kann das Evan­geli­um ganz an der Insti­tu­tion Kirche vor­bei Men­schen ansprechen und befreien. Das ‚Allein Jesus‘ ist kein Werkzeug, um andere kleinzu­machen. Es ist auch kein Kri­teri­um, um andere Reli­gio­nen und Weltan­schau­un­gen abzuw­erten. Es bedeutet aber die Auf­gabe, nach Jesu Vor­bild allen offen und frei von Vorurteilen zu begeg­nen.
Darum ist der Dia­log mit anderen Reli­gio­nen und Weltan­schau­un­gen wichtig. Ihn zu ver­weigern wäre falsch. Aber: Dia­log ohne eigenes Zen­trum ist Beliebigkeit. Die Auf­gabe der Jesus-Leute ist: wertschätzend, demütig, hör­bere­it und doch klar am solus Chris­tus festzuhal­ten. Nicht als Keule. Nicht als Abgren­zungs­mark­er. Son­dern als per­sön­lich­es Zeugnis.

Also: „Nur Jesus!?“ Ja! Aber nicht im Sinn von Enge oder Auss­chluss. Son­dern: Nur dieser eine, der sich uns schenkt. Nur dieser eine, in dem Gott ein men­schlich­es Gesicht bekommt. Nur dieser eine, der sagt:  „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“ Glauben begin­nt nicht mit der richti­gen Mei­n­ung, son­dern mit dem per­sön­lichen Ver­trauen. Evan­geli­um heisst:  Gott hat sich fest­gelegt – nicht auf eine Idee/Lehre, son­dern auf per­sön­liche Begeg­nung.
Jh 14,6 ist keine Dro­hung, son­dern ein Ver­sprechen: Wer Jesus ver­traut, find­et Wege. Wer Jesus sucht, find­et Gott. — Darum: Nur Jesus! – Ja! Aber nicht exk­lu­siv gegen andere. Son­dern inklu­siv für alle. Das Beziehungsange­bot Gottes, das im Leben und im Ster­ben trägt.  Amen

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