Predigt am Sonntag, 07.06.2026 in der EMK Adliswil zu Jona 1–4

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Liebe Gemeinde,
auch wenn für die meisten von uns die Schulzeit schon sehr lange her ist: Ausgelernt hat man nie. Wer weiterkommen will, darf nicht aufhören dazu zu lernen. So ist es auch beim Glauben. Wir sind immer wieder in Gottes Schule.
In der ökumenischen Musicalwoche im Frühjahr haben wir uns mit dem Propheten Jona beschäftigt. Mit den Kindern haben wir entdeckt, wie Gott Jona in die Schule genommen hat. Dabei hat er viel von und über Gott gelernt. Für Jona zeigte sich Gott als geduldiger, aber auch hartnäckiger Lehrer. Er blieb dran, bis sein Schüler die Lektionen begriffen hatte.
Das atl. Buch Jona ist übrigens ein ganz spezielles Prophetenbuch. Die Bücher der Propheten enthalten meistens viele Worte, Sätze und Predigten, die diese in Gottes Namen verkündeten. Von Jona aber lesen wir kaum ein Zitat. Dafür eine ausführliche Geschichte. Sie erinnert in vielem eher an ein Gleichnis aus dem NT. Es ist eine Beispielgeschichte, von der wir für unser Leben und Glauben lernen können. Wer die Jonageschichte liest, drückt also gewissermassen mit ihm Gottes Schulbank.
Jonas Geschichte ist bekannt. Die ganzen vier Kapitel jetzt vorzulesen, würde zu lange dauern, sie vorzulesen. Deshalb beschränke ich mich auf wenige Stichworte:
- Jona, der Prophet, wird von Gott beauftragt in der Weltstadt Ninive zu predigen. Er soll Gottes Gericht ankündigen und zur Umkehr rufen.
- Jona bricht sofort auf, freilich in die entgegengesetzte Richtung. Er will übers Meer fliehen. Der Auftrag ist ihm unangenehm.
- Das Schiff gerät in einen schlimmen Sturm. Jona sieht seine Flucht als Grund dafür. Darum lässt er sich über Bord werfen um die Schiffsleute zu retten. Der Sturm lässt nach und Jona wird von einem Fisch verschluckt (in der Bibel steht übrigens nichts von einem Wal).
- Dieser Fisch bringt Jona wieder ans Land. Nun bricht dieser wieder auf, diesmal in die gute Richtung. Er predigt in Ninive. Die Menschen hören ihm zu, kehren um und tun Busse.
- Nach vollendeter Predigt zieht sich Jona aus Ninive zurück. Auf einer Anhöhe über der Stadt richtet er es sich gemütlich ein. Das Spektakel von Gottes Gericht will er nicht verpassen. Doch Gott rückt von seinem Vernichtungsbeschluss ab und es geschieht: Nichts.
- Da wird Jona trotzig. Und als dann noch der Baum abstirbt, der ihm Schatten gibt, macht er Gott Vorwürfe: „Du hast mich schuften lassen … für nicht und wieder nichts.“ Gott fragt zurück: „Dich reut ein einzelner Baum? Und mich sollten Tausende Menschen nicht reuen?“
Lektion 1: Gott braucht uns – und man kann nicht vor Ihm weglaufen
Am Anfang steht ein klarer Auftrag Gottes: «Jona, mach dich auf, geh in die grosse Stadt Ninive und predige ihr; denn ihre Bosheit schreit zum Himmel!» — Warum braucht es dafür Jona? Gott sollte das doch auch alleine schaffen. Er könnte an den Himmel über Ninive schreiben: «Stop! Hört auf! Tut Busse!» Er könnte einen Engel schicken oder es so donnern lassen, dass alle wüssten, was es geschlagen hat. Aber Gott sieht uns Menschen als seine Partner:innen. Wir sind seine Ebenbilder. Wir sollen seinen Willen spiegeln. Er will, dass Liebe und Vergebung durch uns in die Welt kommen. Gott wirkt nicht an den Menschen vorbei, sondern mit und durch uns. Deshalb braucht es bzw. er in dieser Geschichte Jona.
Und Jona? Er denkt: «Ninive? Ernsthaft? Die haben Strafe verdient. Die will ich nicht retten. Ausserdem ist es gefährlich!». Und er tut, was Menschen oft tun, wenn sie sich überfordert fühlen: Er rennt weg! Jona macht sich zwar auf den Weg, aber genau in die entgegengesetzte Richtung. So weit westwärts wie es geht. Er will nach Tarsis fliehen. Tarsis lag wohl im heutigen Spanien. Es war damals Symbol für eine Welt der Sicherheit, des Handels und des Wohlstands. D.h. Jona sucht eine bequeme Komfortzone, in der er sich dem riskanten Auftrag Gottes entziehen kann.
Was nach Ausweg klingt, ist eigentlich ein Abstieg. Der biblische Text hält wörtlich fest: Jona ‘steigt hinab’ nach Jafo (wo er das Schiff nimmt). Und er ‘steigt hinab’ in das Schiff. Er ist tatsächlich ein ‘heruntergekommener Prophet’. Jona ist auf einem Weg des spirituellen Abstiegs.
Warum tut er das? Jona hatte nicht einfach Angst. Weder das Meer noch der drohende Tod konnten ihn schrecken, wie die Geschichte zeigt. Sondern er verabscheute die Assyrer. Ninive war die Hauptstadt einer brutalen und rücksichtslosen Weltmacht. Viele Völker, auch die Israeliten quälten sie seit langem. Hinter vorgehaltener Hand wurden unvorstellbar grausame Geschichten erzählt. Die Assyrer waren für Jona keine Menschen, sondern Monster. Denen konnte und wollte er nicht helfen. Er gönnte ihnen nicht einmal den kleinsten Strohhalm.
Und wir? Fliehen vielleicht nicht nach Tarsis. Aber wir kennen unsere ‘Ninives’: Situationen, die uns zu gross scheinen. Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten in der weltweiten Politik, Bosheiten im Alltag … und wir kapitulieren und ziehen uns in unsere eigene kleine Welt zurück. Ist das etwas anderes als Jonas Flucht in die Komfortzone Tarsis?
Jona lernt als erste Lektion in Gottes Schule: Was Gott will, ist zu wichtig, als dass man es einfach beiseiteschieben könnte. An seinem Willen kommt man/frau nicht vorbei. Und er bleibt dran. Er findet uns, wenn er etwas von uns will. Jonas Aufbruch in die falsche Richtung, sein Versuch, sich dem Auftrag und der Beziehung zu Gott zu entziehen, führt ihn direkt in einen gewaltigen Sturm.
Lektion 2: Gott ist souverän – Er ist bei uns im Sturm und rettet uns
Im schweren Sturm auf dem Meer droht das Schiff zu zerbrechen. Und was macht Jona? Während die Seeleute panisch um ihr Leben kämpfen, die Ladung über Bord werfen und jeder seinen Gott anruft, liegt Jona tief unten im Schiff. Er schläft. Jona verkriecht sich. Er braucht eine Extra-Einladung … zum Beten und zum Helfen auf dem Schiff. Dann wird das Los geworfen. So soll sich zeigen, wer Schuld hat am Sturm. Das Los fällt auf Jona. Für ihn nicht überraschend. Darum fordert er die Seeleute auf, ihn ins Meer zu werfen. Dann lege sich der Sturm.
Damit übernimmt Jona wenigstens Verantwortung. Er zeigt aber auch seine selbstgerechte Sturheit. Vielleicht hätte der Sturm auch aufgehört, wenn das Schiff umgedreht hätte? Aber Nein! Lieber lässt Jona sich opfern, als nach Ninive zu gehen. Unglaublich, wie weit Menschen gehen, um Recht zu behalten.
Die Schiffsleute versuchen das zunächst noch zu vermeiden. Sie wollen nicht schuldig werden. Zeigen mehr Gottesfurcht und Demut als der Prophet. Schliesslich werfen sie Jona ins Meer, und sofort beruhigt sich der Sturm. Jona wird gedacht haben: «Das war’s! Untergang. Aus. Basta.» Doch Gottes Schulung ist noch nicht zu Ende. Statt zu ertrinken, wird Jona vom Fisch (die Bibel redet nie vom sprichwörtlich gewordenen Wal) verschlungen. Angenehm stelle ich mir seine Lage wirklich nicht vor. Und doch ist der Fisch Jonas Rettung. Drei Tage und drei Nächte verbringt Jona darin (was Jesus später im Blick auf seine Passion vom ‘Zeichen des Jona’ reden liess) Und dabei lernt er beten. Anders. Demütiger. Dankbarer (→ Jon 2 ist ein eindrücklicher Psalm). Betend versteht Jona, dass Gott ihn nicht loslässt. Dass er mit dabei bleibt, noch in der grössten und dunkelsten Tiefe. Gott lässt Jona nicht ertrinken. Er dispensiert ihn aber auch nicht vom Auftrag.
Kann schon sein, dass auch wir manchmal so einen Fisch brauchen — eine Krankheit oder eine Krise, in der der Boden wackelt –, um wieder zur Einsicht zu kommen und zu erkennen: «Hilfe ist bei Gott. Er rettet.»
Lektion 3: Gehorsam reicht nicht – Unser Herz muss im Gleichklang mit Gott schlagen
Der Fisch bringt Jona an Land und Gott gibt ihm zweite Chance. Was für eine gute Nachricht für alle: Gott gibt nicht auf. Er gibt zweite, dritte und hundertste Chancen. Und dann, zum zweiten Mal, der Auftrag: «Jona, geh nach Ninive!»
Diesmal bricht Jona in die gute Richtung auf. Er geht in die riesige Stadt und predigt, ja ‘wütet’ im Namen Gottes: «Noch vierzig Tage, dann wird Ninive untergehen!». Da geschieht, womit niemand gerechnet hätte: Die Menschen hören zu. Sie wenden sich ab vom Bösen und hin zu Gott. Sie sehen ihre Fehler ein und ändern ihr Verhalten. Gott sieht das. Das angedrohte Gericht reut ihn. Es bleibt aus. Und es zeigt sich: Gott ist nicht nur streng, sondern vor allem barmherzig und liebevoll.
Das sollte Jona glücklich machen. Eine ganze Stadt, zehntausende Menschenleben sind gerettet! Er hat den grössten Predigterfolg der Geschichte gefeiert! Doch Jona ist alles andere als glücklich. Gottes Gnade macht ihn wütend. Und er schmollt.
Warum? Weil Jona zwar aus Gehorsam, aber ohne innere Überzeugung nach Ninive gereist. Es ging ihm immer noch um sich selbst. Wenn er denn schon Gott gehorchte, wollte er selbst dabei nicht flach herauskommen. So wurde er ja zum falschen Prophet. Zum Panikmacher, dessen Vorhersage gar nicht eintrifft: «Wie stehe ich denn nun da?» Zum Narren werden, damit andere gerettet werden, wollte er nicht. Und das Spektakel, für das er sich auf einem Hügel ausserhalb einen Logenplatz gesucht hatte, blieb ihm auch verwehrt.
Jona lernt als dritte Lektion: Aufbruch aus Gehorsam ohne Liebe, macht nicht glücklich. Es reicht nicht, äusserlich das Richtige zu tun, wenn das Herz verhärtet bleibt. Gott will, dass Jonas Herz mit seinem Herz synchron schlägt. Auf die Frage ‘Warum brichst du auf?’ hätte Jona antworten sollen: ‘Weil mir die Menschen in Ninive wichtig sind. Weil sie Dir, Gott, wichtig sind’. Doch Jonas Herz war noch immer voller Wut und Abscheu gegen die Niniviten. Er sah sie noch nicht als Menschen und hatte seinen inneren Widerstand noch nicht überwunden.
Lektion 4: Gottes Geduld – Liebe ist wichtiger als Konsequenz
Gott bleibt weiter dran. Jona muss noch nachsitzen. – Gott schenkt ihm eine über Nacht gewachsene Rizinusstaude. Jona freut sich über den kühlen Schatten. Endlich passiert auch für ihn mal etwas Gutes. Für einen Moment vergisst er sogar seinen Zorn. Doch als die Pflanze am nächsten Tag verdorrt und es glühend heiss wird, will er aufgeben. Er wünscht sich den Tod. Findet, sein Leben mache keinen Sinn mehr. Wegen eines kaputten Sonnenschirms rastet Jona total aus.
Gott lässt ihn wüten. Und beginnt dann mit Jona zu reden. Er schimpft nicht. Er bestraft ihn nicht. Ganz ruhig stellt er seinem Propheten eine Fangfrage: «Hast du ein Recht dazu, wegen dieser Pflanze so zornig zu sein? Du hast Mitleid mit einer Pflanze, für die du gar nichts getan hast. Und mir sollte nicht diese grosse Stadt Ninive leidtun, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die rechts und links nicht unterscheiden können, und dazu noch das viele Vieh?»
Da stimmen die Verhältnisse beim Propheten überhaupt nicht mehr. Er ärgert sich masslos über eine vertrocknete Staude, wollte aber eben den Untergang von 120.000 Menschen ‘geniessen’. – Und wir? Wir können uns dermassen aufregen über kleine Unannehmlichkeiten im Alltag. Und die grossen Nöte der Welt lassen uns kalt? Verdrängen wir? Stimmen bei uns die Verhältnisse?
Gottes vierte Lektion für Jona heisst: Menschen sind immer wichtiger als Dinge. Und: Liebe ist wichtiger als Konsequenz. Dass eine Drohung oder Verheissung exakt und buchstäblich so eintrifft wie ausgesprochen, ist nebensächlich. Gottes Hauptziel ist nicht, ‘konsequent’ zu sein. Sondern er wünscht sich, dass Menschen umkehren von schlechten Wegen, vom Bösen. Dafür macht er sich – nicht nur im Buch Jona – sogar selbst zum Narren, wenn damit Menschen zu retten sind. Gott wartet auf uns! Er gibt nicht auf. Sein Erbarmen und seine Güte sind endlos.
Das Buch Jona bricht übrigens nach Gottes Frage einfach ab. Es ist das einzige Buch der Bibel, das mit einer offenen Frage endet. Wie Jona geantwortet hat, ob er die vierte Lektion gelernt hat, wissen wir nicht. Müssen wir auch nicht wissen. Denn die Frage richtet sich letztlich an die Leser:innen des Buches. Also an uns. Verstehen wir, dass Menschen immer wichtiger sind als Dinge, Regeln und Strukturen? Begreifen wir, dass Liebe wichtiger und grösser ist als Konsequenz?
Zum Schluss: Immer wieder stehen wir in Situationen, die zum Aufbruch drängen. Und was tun wir? Brechen wir auf? In welche Richtung? Achten wir auf Wege und Schritte, auf die Gott uns weist? Und wenn wir aufbrechen, dann nur, weil die Umstände uns zwingen oder aus Pflichtgefühl? Oder doch, weil wir Christus nachfolgen wollen? Weil wir verstehen, wie sehr Gott die Menschen vermisst, die Ihn verloren haben, und er uns sendet? – Mein Wunsch und meine Hoffnung ist: Wir brechen auf, weil wir die Liebe Gottes am eigenen Leib erfahren haben und sie mit anderen teilen wollen. Weil wir uns wünschen, dass wir und andere Gottes Liebe in Christus erfahren und leben.
Darum: Lassen wir uns von Gott in Seine Schule nehmen. Fragen wir uns immer wieder: «Was will Gott mir heute zeigen? Bin ich bereit, von ihm zu lernen?» Bitten wir Gott um ein Herz, das so gross und geduldig ist wie Seines. Ein Herz, das Menschen wichtiger nimmt als Prinzipien, und Liebe wichtiger als Konsequenz. – Und übrigens: Gott lässt uns nicht los, egal wohin wir rennen. Das ist die beste Nachricht, die wir haben. Das Beste von allem ist, dass Gott mit uns ist. Amen
