Predigt am Sonntag, 31.05.2026 in der EMK Adliswil zu Johannes 4

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Liebe Gemeinde,
Geschichten, die sich am Brunnen entwickeln, sind etwas Besonderes. Wer den Blick oder gar einen Sprung in den Brunnen wagt, entdeckt eine neue Wirklichkeit. Davon erzählen z.B. Märchen. Auch davon, dass das nicht nur angenehm ist: Die Pechmarie etwa freute sich nicht darüber, was Frau Holle am Boden des Brunnens für sie bereithielt. Naja, und wenn statt des Traumprinzen ein Frosch geküsst werden will, ist auch das alles andere als märchenhaft.
Auch in der Bibel gibt es Brunnengeschichten mit viel Tiefgang.
In der kargen und heissen Landschaft Palästinas, waren Brunnen lebensnotwendige Wasserspender. Und darüber hinaus zentrale soziale Treffpunkte – sozusagen Marktplatz, Nachrichtenbörse und Heiratsvermittlung in einem. Genesis 16 z.B. erzählt von der verstossenen Magd Hagar. Sie schafft es gerade noch zum Brunnen von Beer-Lahai-Roi. Dort begegnet ihr ein Engel. Und sie erfährt als (für sie) neue Wirklichkeit: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Oder nehmen wir Genesis 24: Abrahams Knecht Elieser findet Rebekka, die künftige Frau für Isaak. Auch das geschieht an einem Brunnen. Auch Mose hat seine Frau Zippora am Brunnen kennengelernt. Exodus 2 erzählt, wie er auf der Flucht einem Brunnen in Midian rastet. Er verteidigt die Töchter Jitros gegen feindselige Hirten. So kommt er ins Haus des Hohepriesters Midian, der eine wichtige Rolle dabei spielte, dass Mose seinen Gott verstehen lernte. — Im NT ist es in Johannes 5 der Teich Bethesda, dessen Wasser Heilkraft zugeschrieben wurde. Dort heilt Jesus einen Mann, der schon 38 Jahre lang gelähmt war. – Also: Es geschieht Einschneidendes, Lebensveränderndes, wenn in der Bibel Menschen an einem Brunnen aufeinandertreffen und Gott die Hand im Spiel hat. Es werden elementare Bedürfnisse überwunden und Grenzen gesprengt. So eine Brunnengeschichte erzählt das Jh-Ev auch in Kapitel 4. Ich lese zunächst die Verse 3–9:
3Als Jesus das erfuhr, verliess er Judäa und kehrte wieder nach Galiläa zurück. 4Dabei musste er das Gebiet durchqueren, in dem die Samariter lebten. 5Unterwegs kam er nach Sychar, einem Ort in Samarien. In seiner Nähe liegt das Grundstück, das Jakob einst seinem Sohn Josef vererbt hatte. 6Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von dem langen Weg und setzte sich an den Brunnen. Es war um die sechste Stunde. 7Da kam eine Samariterin, um Wasser zu schöpfen. Jesus bat sie: »Gib mir etwas zu trinken.« 8Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen. 9Da sagte die Samariterin zu ihm: »Du bist ein Jude, und ich bin eine Samariterin. Wie kannst du mich um etwas zu trinken bitten?« Denn die Juden vermeiden jeden Umgang mit Samaritern. Johannes 4,3–9 (Basis Bibel)
Jesus ist unterwegs von Judäa nach Galiläa. Der direkte Weg führt durch Samarien. Das Gebiet umgingen Juden weiträumig. 700 Jahre früher hatten die Assyrer dort nämlich Fremde angesiedelt. Die Bevölkerung und die Religionen hatte sich vermischt. Den Juden galten die Samariter als unrein, weil sie einen eigenen Tempel auf dem Berg Garizim hatten und nur die fünf Bücher Mose als heilige Schrift anerkannten. Aber Jesus macht keinen Umweg. Er durchbricht schon damit eine Grenze.
Es ist 12 Uhr mittags. Die Hitze flimmert über der leeren Straße. Sicher wenigstens 40 Grad im Schatten. Jesus ist erschöpft von der Reise. Er ist ein durstiger und bedürftiger Mensch, der sich am Jakobsbrunnen vor der Stadt Sychar ausruht. Seine Jünger sind derweil in den Ort gegangen sind, um Essen zu besorgen.
Da kommt eine Frau um am Brunnen Wasser zu schöpfen. Höchst ungewöhnlich um diese Tageszeit. Das taten die Frauen eigentlich in den kühleren Morgen- oder Abendstunden. Dabei wurde viel geredet und gelacht. Wer aber am Mittag Wasser holt, will nicht gesehen werden. Diese Frau weicht den Blicken, dem Getuschel und den moralischen Urteilen der anderen Bewohner aus. Sie ist eine Aussenseiterin in ihrer eigenen Stadt.
So treffen sie aufeinander: Der jüdische Rabbi und die samaritanische Aussenseiterin. Zwei Menschen, die nach den strengen Regeln der damaligen Zeit niemals hätten miteinander sprechen dürfen. Ein frommer Jude spricht nicht mit Samaritern, und ein Mann spricht in der Öffentlichkeit nicht mit einer fremden Frau. Doch Jesus fragt nicht, was erlaubt ist. Er bittet sie einfach: „Gib mir zu trinken!“
Die Frau ist fassungslos: „Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, dabei bist du ein Jude und ich eine samaritanische Frau?“ Das ist ein Skandal: Ein jüdischer Mann macht sich zum Bittsteller bei einer Frau, die gesellschaftlich und religiös doppelt geächtet ist. Damit beginnt die Lektion für alle, die davon lesen. Denn Jesus zeigt: Für ihn ist keine Begegnung unmöglich. Er schliesst niemanden aus! Nicht aufgrund der Herkunft. Nicht aufgrund der Tradition. Und schon gar nicht wegen Brüchen in der Biografie.
Jesus übergeht ihre Verwunderung und dreht die Situation völlig um. Er sagt zu ihr: „Wenn dir klar wäre, wer zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann würdest du ihn bitten und er gäbe dir lebendiges Wasser.“ – Dieser Begriff hatte damals doppelte Bedeutung. Einerseits war fliessendes, frisches Quellwasser lebendig im Gegensatz zum abgestandenen Wasser aus Zisternen. Andererseits hatte der Begriff eine theologische Tiefe: Lebendiges Wasser war das Symbol für die lebensspendende Kraft Gottes. – Die Frau bleibt ganz pragmatisch. Sie sieht den müden Wanderer ohne Schöpfeimer vor dem tiefen Brunnen. „Woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du mehr als unser Vater Jakob?“ fragt sie. Und dann, wie ich mir vorstelle mit einem schelmischen Lächeln, fügt sie hinzu: „Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!“. Ihr Sinn ist auf das Praktische gerichtet. Wie schön wäre es, nicht mehr jeden Mittag in der brütenden Hitze schwere Wasserkrüge schleppen zu müssen! Und bevor wir sie verurteilen dafür: Sind wir nicht oft ähnlich: Wir suchen in dem, was Gott uns gibt, zuerst das, was unser Leben leichter und bequemer machen würde.
Aber Jesus führt das Gespräch geduldig und seelsorgerlich weiter in die Tiefe. Er spricht zu ihr von dem Durst, den kein Brunnenwasser dieser Welt stillen kann. Ich lese weiter in Johannes 4, die Verse 10–15:
10Jesus antwortete: »Weißt du eigentlich, was für ein Geschenk Gott den Menschen macht? Und weißt du, wer dich hier bittet: ›Gib mir etwas zu trinken‹? Wenn du das wüsstest, dann würdest du ihn bitten, und er würde dir lebendiges Wasser geben!« 11Die Frau erwiderte: »Herr, du hast nichts, um Wasser zu schöpfen, und der Brunnen ist tief. Woher hast du denn dieses lebendige Wasser? 12Bist du etwa mehr als unser Stammvater Jakob? Er hat uns diesen Brunnen hinterlassen. Er selbst hat daraus getrunken, ebenso seine Söhne und sein Vieh.« 13Darauf antwortete Jesus: »Wer von diesem Wasser hier trinkt, wird wieder Durst bekommen. 14Aber wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird nie wieder Durst haben. Denn das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden: Ihr Wasser fließt und fließt – bis ins ewige Leben.« 15Da bat ihn die Frau: »Herr, gib mir dieses Wasser! Dann habe ich nie mehr Durst und muss nicht mehr herkommen, um Wasser zu schöpfen.« Johannes 4,10–15 (Basis Bibel)
Wir dürsten danach, gesehen zu werden, anerkannt zu werden, dazu zu gehören und geliebt zu werden. Dieser Durst treibt uns an auf der Suche nach Glück, manchmal an den unmöglichsten Orten. Ich habe von einem Theologiestudenten gelesen (ein Katholik übrigens), der in ein Erotik-Center ging. Nicht als Freier, sondern weil ihn eine Frage nicht losliess. Er suchte sich Frau aus und fragte sie: „Sagen Sie mal, haben Sie Ihr Glück gefunden?“. Aus dieser einen, unerwarteten Frage entwickelte sich ein langes Gespräch. Die Frau erzählte, wie sie von Tag zu Tag suchte und doch nie fündig wurde. Genau diese verzweifelte Suche, diesen Durst nach Liebe und Geborgenheit, entdeckt Jesus auch in der Frau am Jakobsbrunnen. Er sagt zu ihr: „Geh hin, ruf deinen Mann!“ Damit trifft er den wunden Punkt. Noch weicht sie aus: „Ich habe keinen Mann.“. Da deckt Jesus ihre ganze zerrissene Lebensgeschichte auf: „Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“
Die theologische Forschung zeigt, dass diese fünf Männer eine doppelte Bedeutung haben. Auf der einen Seite stehen sie symbolisch für die fünf heidnischen Völkerschaften und deren Götter, die einst in Samarien angesiedelt wurden und die das Volk in religiöse Untreue führten. So gesehen repräsentiert die Frau das ganze samaritanische Volk. Auf der anderen Seite aber ist sie ganz real diese verletzte Frau, die in ihrem Leben immer wieder von vorne anfangen musste. Fünf gescheiterte Beziehungen. Fünfmal die Hoffnung auf Liebe, auf Versorgung, auf ein sicheres Nest – und fünfmal das Scheitern. Der Mann, bei dem sie jetzt ist, gibt ihr nicht einmal mehr die rechtliche Sicherheit einer Ehe. Nichts hält sie wirklich.
Doch Jesus verurteilt sie nicht. Wir lesen hier keine Moralpredigt. Sonst würde er sie ja wohl als ‘Sünderin’ ansprechen. Das macht Jesus nicht. Er begegnet ihr auf Augenhöhe. Der Prophet Jeremia hat einmal treffend gesagt: „Mich, die Quelle des lebendigen Wassers, verlassen sie und hauen sich Zisternen aus, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten können.“ (Jer 2,13). Diese Frau hat ein Leben lang versucht, den Durst an rissigen Zisternen zu stillen. Doch jetzt steht sie vor der wahren Quelle.
Jesus zeigt sich ihr als der Messias: „Die Quelle des lebendigen Wassers, das bin ich, der mit dir redet.“. Da fällt der Groschen. Es ist der Moment der erfrischenden Dusche. Die Liebe Gottes, das lebendige Wasser, erreicht ihr Herz. So werden in dieser Begegnung aller Staub und jeglicher Schmutz von ihrer Seele abgewaschen.
Die Frau lässt ihren Wasserkrug am Brunnen stehen. Das hat Symbolkraft: Sie braucht dieses Gefäss nicht mehr. Der Mühsal, jeden Tag Wasser zu schöpfen und doch wieder durstig zu werden, ist vorbei. Sie hat die Quelle gefunden. In der grössten Mittagshitze rennt sie in die Stadt, aus der sie innerlich längst emigriert war. Und wird zur Evangelistin: „Kommt, seht den, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe … der muss doch der Christus sein!“.
Was bedeutet diese Brunnengeschichte für uns heute?
Wir leben in einem Land, in dem sauberes Wasser im Überfluss zur Verfügung steht. Wir müssen nicht wie die Träger des Forschers David Livingstone in Afrika fassungslos vor einem Wasserfall stehen bleiben, weil wir fürchten, das Wasser könnte gleich aufhören zu fließen. Aber wie sieht es mit unserem inneren Durst aus?
Schleppen wir womöglich unsere Wasserkrüge zu den falschen Brunnen? Wir rackern uns ab. Wir suchen nach Anerkennung im Beruf, nach Bestätigung, nach dem perfekten Privatleben. Wir konsumieren allerlei und zu viel. Wir steigern das Bruttosozialprodukt. Und das Leben bleibt doch hohl. Wir trinken und trinken, und doch wird der Durst nicht wirklich gestillt. Wir sind wie die Hirsche, die nach frischem Wasser lechzen! (vgl. Ps 42).
Jesus lädt auch uns an seinen Brunnen ein. Er sagt: „Ich bin da.“. Das lebendige Wasser, das er anbietet, ist seine bedingungslose Liebe. Es ist der Heilige Geist, der in uns zu einer sprudelnden Quelle wird. Wenn wir von dieser Quelle trinken, dann geschieht Grosses: Der Durst hört auf zu brennen. Wir hören auf, uns für Fehlversuche und Brüche im Leben zu schämen. Wir wissen uns restlos geliebt und kommen zur Ruhe. Und es kann beginnen, was wir in der NT-Lesung gehört haben: Ströme lebendigen Wassers fliessen aus unserem Inneren.
Gottes lebendiges Wasser löst verkrusteten alten Dreck und Staub in uns. Das Herz wird lebendig und fähig zu lieben. Nächstenliebe z.B. ist dann nicht mehr ein hartes, schwieriges Gebot. Keine moralischen Pflicht, sondern ein ‘Gnadenmittel’, dank dem wir mit Gott in Verbindung bleiben. So werden wir selbst zu Brunnen des Glücks für andere. – Und das Beste ist: Das ist nicht eine Verheissung für irgendwann später in der Vollendung. Nein. Jesus sagt zur Samariterin: «Es kommt die Zeit und ist schon jetzt» (Jh 4,23), sagt Jesus zur Samariterin. Wir müssen nicht erst alles in den Griff bekommen und unsere Gedanken und Taten sortieren. Sondern es ist konkret möglich in unserem Alltag. Jetzt. Ob wir am Morgen einen Kaffee trinken, zu Hause aufräumen, zur Arbeit fahren, alles geben für den Job oder uns in der Freizeit zu entspannen versuchen. Wir haben immer Anschluss an die Quelle lebendigen Wassers. Jesus begegnet uns im Alltag und reicht uns das Wasser, nach dem wir uns sehnen.- Ich wünsche uns, dass wir wie die Samariterin, den Mut finden, unsere alten Wasserkrüge stehen zu lassen. Lassen wir uns von Christus durchströmen mit dem Wasser, das bis ins ewige Leben quillt. Damit wir erfüllt werden und überfliessen können. Amen.
