Predigt am Pfingstsonntag, 24.05.2026 in der EMK Adliswil zu 4.Mose 6,22–27

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Liebe Gemeinde,
wie haben Sie es mit Stossgebeten? Z.B. so: ‚Lieber Gott, lass das Lichtsignal grün werden!‘ Oder: ‚Was wäre das für ein Segen, wenn ich jetzt gleich beim Ziel einen Parkplatz fände‘? Manchmal brauchen wir das Wort ‘Segen’ ganz gern für kleine Siege im Alltag:
- Die Kaffeemaschine funktioniert trotz akuter Verkalkung? Ein Segen!
- Die Kinder schlafen am Sonntag bis um 8 Uhr? Ein riesiger Segen!
- Die Steuererklärung ist fertig und zeigt, dass eine Rückerstattung fällig ist? Göttliche Fügung!
Als wäre Gottes Segen das Geschenk eines stressfreien Lebens. Gott würde so zum himmlischen Logistiker, dessen Job es ist, unsere persönliche Komfortzone abzusichern. Wenn alles glattläuft, sagen wir noch schnell: ‚Ich bin ja so gesegnet.‘
Aber was ist, wenn ich eine ‘rote Welle’ erwische? Wenn die Kaffeetasse leerbleibt und an der Maschine so rote Lämpchen blinken? Wenn im Umkreis von 2 km alle Parkplätze belegt sind? Ist der Segen dann weg? – Wohl kaum. Was ist denn Segen eigentlich? Darum geht es heute. Darum, dass Gottes Segen viel mehr bedeutet als bloss ‘Glück gehabt’. Und auch darum, dass Gottes Segen manchmal gerade dort zu greifen beginnt, wo unsere Komfortzone endet.
Damit beschäftigen wir uns heute, am Pfingstsonntag. Am Tag, an dem wir feiern, dass Gott seinen Heiligen Geist schenkt. Dass seine Kraft zur Verfügung steht: als Feuer der Leidenschaft; als Funken der Inspiration; als eine starke Wirkung, die die uns verwandelt und über alle Grenzen hinweg verbindet. An Pfingsten feiern wir die Geburt der weltweiten Kirche. Wir feiern das globale Netzwerk der Gemeinschaft, die Jesus nachfolgt.
Zugleich sind wir am Abschluss der Predigtreihe über ‘Zäme – d’Chraft vom Mitenand’. Wir haben in den letzten Wochen nachgedacht über: Zäme teile, Zäme singe, Zäme am Tisch, Zäme bäte, Zäme frei, Zäme als Team und Zäme geborge sein. Immer wieder kam dabei heraus: Glaube ist kein Sololauf, sondern ein Mannschaftssport. Der Glaube lebt vom Miteinander in der Gemeinde. Als letztes Teilthema kommen wir heute zu: Zäme sägne. Wir haben in der Begrüssung aus 1. Petrus 3 gehört: «Ihr sollt segnen. Gott hat euch dazu berufen, seinen Segen zu empfangen.». Wenn wir das umsetzen, was genau empfangen wir dann bzw. geben wir weiter?
Die Suche nach der Antwort beginnen wir beim sogenannten ‘aaronitischen Segen’. Er ist in der Bibel zu finden in 4. Mose 6,22–27. Ich lese bewusst aus einer modernen Übersetzung, der Basis Bibel:
22Der Herr sprach zu Mose: 23»Sag Aaron und seinen Nachkommen, dass sie die Israeliten mit diesen Worten segnen sollen:
24›Der Herr segne dich
und beschütze dich.
25Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten
und sei dir gnädig.
26Der Herr wende dir sein Angesicht zu
und schenke dir Frieden!‹
27So sollen sie meinen Namen unter den Israeliten weitergeben. Und ich – ich werde sie segnen!« Numeri 6,22–27 (Basis Bibel)
I. Exegetisches: Diese Formulierungen sind uralt. Man fand sie auf Textfragmenten in Jerusalem, die deutlich älter sind als die Bücher Mose. Sie haben (im Hebräischen) eine spezielle poetische Form: Drei Zeilen; jede Zeile zwei Worte mehr als die vorangehende; immer der Gottesname im Zentrum. Es sei, so schreiben heutige Ausleger, ein Meisterwerk priesterlicher Theologie. Sie habe eine uralte Schutzformel kunstvoll in das literarische Herz der Thora eingebaut.
Worum geht es darin? — «Gott lasse sein Angesicht leuchten.» D.h. er strahle dich an, wie ein Gesicht, das Freude und Liebe ausstrahlt, dir guttut. – «Gott erhebe sein Angesicht.» Darin steckt juristisch gesehen ein Aspekt von Begnadigung. Vor allem aber ist gemeint: Das Gesicht zuwenden. Dich anschauen. Eine Beziehung aufnehmen. – «Gott schenke dir Frieden.» Hebr. ‘Shalom’ meint nicht nur Frieden im Sinne von Abwesenheit von Krieg. Es umschreibt das volle Leben und meint auch Gesundheit, gelingende Beziehungen, soziale Gerechtigkeit und das Eingebundensein in Gottes Ordnung.
Und zum Schluss heisst es: «So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen.» Die Theologin Christina Brudereck erklärt das so: «Der Segen ist Gottes gute Kraft, er ist wie eine Unterschrift, die alles gültig, erfahrbar und lebendig macht. Wenn der Priester diesen Segen spricht, legt Gott seinen Namen auf uns – er setzt gewissermassen seine persönliche göttliche Unterschrift unter unser Leben!»
Wenn wir in die Originalsprachen der Bibel schauen, entdecken wir ausserdem: Segnen heisst dort zugleich ‘loben’. Griechisch heisst das Wort ‘eulogein’, was wörtlich übersetzt „Gutes sagen“ bedeutet. Dasselbe gilt für das hebr. ‘ברך’ und das lat. ‘benedicere’. ‘Gutes sagen’ ist genauso der Kern von Lobpreis wie von Segen. Übrigens kennen wir das auch aus dem Englischen. ‘To bless’ heisst nicht nur segnen. Sondern ‘I bless your name’ bedeutet ‘ich lobe Deinen Namen’.
Wenn Gott uns segnet, dann spricht er Gutes über uns aus. Er sagt: “Du bist gewollt. Du bist mein geliebtes Kind.” Wenn wir einander segnen, dann tun wir genau das Gleiche. Eigentlich reden wir im Alltag sehr schnell schlecht über andere oder beschweren uns! Sagen also nicht gute Worte. Segen anzunehmen und Segen zu sein, ist die bewusste Entscheidung gegen diesen Hang: «Ich möchte gut über andere sprechen, und ich werde gut über mich selber sprechen. Ich will helfen, dass andere eine gute Sicht auf sich selbst, auf ihre Stärken und ihre Lebensberufung bekommen.»
II. Der Segen als Kreislauf: So kann ein Kreislauf in Gang kommen. Und das ist tatsächlich Ziel und Wesen des Segens. Wir haben ja in der atl. Lesung gehört, wie Gott zu Abraham sagt: «Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.» - Eben: Segen ist ein Kreislauf.
Und da sind wir dann wieder beim Geheimnis unseres «Zäme»: Gott segnet uns nicht, damit wir für uns behalten, was er schenkt. Sondern wir werden gesegnet, um ein Segen zu sein. Es ist wichtig, dass wir diesen Zusammenhang realisieren. Gott segnet uns als Gemeinde ‘zäme’, damit wir weiter gehen und Menschen in unserer Nachbarschaft, unsere Stadt und das ganze Sihltal segnen können.
Pfingsten erinnert daran, wie der Heilige Geist die verängstigten Jünger aus ihren verschlossenen Räumen hinaus auf die Strassen und Plätze lockte. Der Geist gibt uns Kraft, Gute Worte in unsere Umgebung hineinzusprechen. Wir können Frieden (Shalom) wünschen – beim Abschied, am Morgen, vor Prüfungen, in den Familien genauso wie am Arbeitsplatz.
III. Segnen konkret: Wie segnen wir unsere Mitmenschen? Klar ist, dass es nicht im Geheimen geht. Obwohl auf der Fürbitte im Stillen Kämmerlein natürlich auch Segen liegt. Doch wieviel stärker ist es, wenn Menschen unsere guten Worte hören und verstehen! Ein aufmunterndes Wort. Ein guter Wunsch. Aber auch: Ein offener Blick. Ein freundliches Lächeln. Segnen ist Beziehungsarbeit. Beschränkt sich nie nur auf fromme Worte. Dazu kann auch Berührung und/oder eine Segensgeste gehören. Jede und jeder darf da seinen eigenen Weg finden. Und die Situation muss passen. Sicher ist jedenfalls: Körperliche Berührungen und Gesten können unsere guten Worte unterstützen. Christina Brudereck erzählt von einer älteren Freundin, die eine Praxis daraus gemacht hat: Mal legt sie ihr die Hände auf die Schultern und gibt ihr damit Rückenstärkung. Mal legt sie ihr die Hand aufs Herz und ermutigt sie, beherzt zu sein.
Warum ‘zäme sägne’? – Christina Brudereck formuliert das sehr schön in ihrem Buch ‘Liebe, Licht und Leichtigkeit’: «Man kann sich selbst vielleicht ermutigen – wobei das nicht immer gelingt. Man kann sich selbst etwas schenken, und das ist doch nicht das Gleiche wie etwas geschenkt zu bekommen. Man kann sich selbst auf die Schulter klopfen. Aber Segnen kann man sich nicht selbst. Es gibt Worte, die wir uns nicht selbst sagen können. Segen anzunehmen und Segen zu sein ist die Entscheidung: Ich möchte gut über andere sprechen. Und ich werde gut über mich selber sprechen. Ich möchte Leichtigkeit verschenken. Ich will helfen, dass andere eine gute Sicht auf sich selber bekommen, für ihre Stärken, Gaben, ihre Lebensberufung. Die Einladung heisst auch, dir selber Menschen zu suchen, die dir Segen zusprechen, die dich segnen.»
IV. Zum Abendmahl: In der ntl. Lesung haben wir gehört, was Jesus als Letztes tat, bevor ihn der Himmel aufnahm: Er hob seine Hände auf und segnete seine Jünger. Und genau dieser segnende Christus lädt uns heute an seinen Tisch ein.
Er ruft uns: “Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!” Wir dürfen so kommen, wie wir sind, ohne Vorbehalte. Am Karfreitag hat Jesus die abgrundtiefe Lücke am Kreuz ausgehalten; er war allein, damit wir nie mehr einsam sind. Und heute, hier am Abendmahlstisch, wird dieses „Zäme“ physisch greifbar. In Brot und Kelch unterschreibt Gott seinen Segen unter dein Leben neu. Lasst uns heute Brot und Traubensaft ganz bewusst als Gottes Segenszeichen empfangen. Und dann gestärkt weitergehen und anderen zum Segen werden. Amen
