Lichtblick statt Sündenbock — Jesus beendet die Jagd nach Sündenböcken

Predigt zu Johannes 9,1–7 am Son­ntag, 06.09.2026 in der EMK Adliswil

Ali­son Astor­ga on unsplash.com

let­zten Son­ntag habe ich im Zug auf dem Weg nach Affoltern a.A. (→ Kanzeltausch) die ersten Nachricht­en darüber gele­sen, dass in Aarau am Rande ein­er Par­ty Schüsse gefall­en seien. Man wusste noch kaum etwas. Den­noch wucherten in den Kom­men­tarspal­ten schon Speku­la­tio­nen, Mei­n­un­gen und ver­meintliche Erk­lärun­gen: War es ein Amok­lauf? War es ein Atten­tat? Poli­tisch motiviert? Warum sagt die Polizei nichts? Was läuft da im Hin­ter­grund (→ Ver­schwörung?)? Wer ist schuld? Warum sind solche Par­tys bis in die Mor­gen­stun­den über­haupt erlaubt? Bei der Musik (Tech­no; es war eine Rave-Par­ty) müssen ja Leute durch­drehen ….
Es passiert immer wieder: Kaum wird ein Unglück, Gewalt oder eine Krise gemeldet, will die Öffentlichkeit wis­sen, warum und wieso. Wir wollen Erk­lärun­gen! Und vor allem: Wir wollen jeman­den, den wir dafür ver­ant­wortlich machen kön­nen. Einen Schuldigen. Einen Sün­den­bock. – Dieser Reflex steckt tief in uns Men­schen. Wir meinen: Wenn wir nur wis­sen, wer schuld ist, dann ist die Welt geord­net und wir haben das Leben wieder im Griff: Fall gelöst, Akte zu, Welt gerettet…
Unter­dessen ist der Täter von Aarau gefasst. Die Polizei beze­ich­net das Ereig­nis als Amok. Kein Ter­ror­is­mus also. Keine poli­tis­che Moti­va­tion. Son­dern es hat schlicht ein­er durchge­dreht… Das beruhigt nicht, erk­lärt nichts und ord­net wenig. Es bedeutet ja: Ein Restrisiko lässt sich nicht auss­chliessen. Es kann immer etwas passieren. Auch wenn alle alles richtig machen. Sog­ar bei uns. In der ver­meintlich heilen und sicheren Schweiz.

Nun ja. Die Suche nach Sün­den­böck­en ist kein neues Phänomen. Vielle­icht wird es durch Online-Kom­men­tarspal­ten von 20 Minuten, Blick und Kon­sorten und durch Social Media noch ver­stärkt. Aber es gab es schon zur Zeit Jesu. Da zeigt eine der skur­ril­sten Szenen des Johan­ne­se­van­geli­ums. Ich lese Johannes 9,1–7:

1Jesus ging an einem Mann vor­bei und sah, dass der von Geburt an blind war. 2Da fragten ihn seine Jünger: »Rab­bi, wer war ein Sün­der, sodass er blind geboren wurde – dieser Mann oder seine Eltern?« 3Jesus antwortete: »Wed­er war er selb­st ein Sün­der, noch waren es seine Eltern. Vielmehr sollen die Tat­en Gottes an ihm sicht­bar wer­den. 4Wir müssen die Tat­en voll­brin­gen, mit denen Gott mich beauf­tragt hat, solange es noch Tag ist. Es kommt eine Nacht, in der nie­mand mehr etwas tun kann. 5Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.« 6Nach­dem er das gesagt hat­te, spuck­te er auf den Boden. Aus der Erde und dem Spe­ichel machte er eine Paste und strich sie dem Blind­en auf die Augen. 7Dann sagte er ihm: »Geh und wasch dich im Teich von Schiloach!« – Schiloach heißt über­set­zt »der Gesandte«. – Der Mann ging dor­thin und wusch sich. Als er zurück­kam, kon­nte er sehen.               Numeri 6,22–27

Der Mann ist seit Geburt blind. Also von Kind­heit an auf fremde Hil­fe angewiesen. Man ken­nt ihn im Dorf nur als ‘den Bet­tler am Bahn­hof’. — Und was tun Jesu Jünger? Kra­men sie ein Geld­stück her­vor? Grüssen sie ihn wenig­stens fre­undlich? Nein! Der Blinde ist für sie nur Anlass zu ein­er the­ol­o­gis­chen Debat­te. Sie sehen den Mann, d.h. sehen eigentlich über ihn hin­weg, und fra­gen Jesus: «Rab­bi, wer hat gesündigt? Dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?» Was für eine unmögliche Frage! Wenn die Eltern gesündigt hät­ten, würde das ja ‘Sip­pen­haf­tung’ bedeuten. Dann wäre das Mot­to: Kinder müssen den Mist, den ihre Eltern gebaut haben, aus­baden. Der Gedanke war damals pop­ulär, verträgt sich aber abso­lut nicht mit Jesu Botschaft. Oder dann hätte der Blinde selb­st gesündigt? – Also bitte! Der Mann ist blind seit Geburt! Was soll er denn im Mut­ter­leib ver­brochen haben? Seine Mut­ter im acht­en Monat zu heftig in die Rip­pen getreten haben?
Den­noch ist die Frage der Jünger ernst gemeint. Denn man war weit herum überzeugt: «Gesund­heit und Reich­tum sind Aus­druck von Gottes Segen. Wenn aber jemand krank oder behin­dert ist, dann muss irgend­wo eine Rech­nung mit Gott offen geblieben sein. Tun und Erge­hen sind voneinan­der abhängig wie Ursache und Wirkung.» Doch bevor wir das belächeln: Ist das heute wirk­lich über­wun­den? Man hört doch immer wieder Sätze wie: «Wer arbeit­s­los wird, ist sel­ber schuld! Wen ein Burnout ein­holt, bei dem fehlt es eben am Selb­st­man­age­ment. Wer krank wird, ernährt sich falsch oder denkt zu neg­a­tiv! Oder sog­ar mit from­mem Anstrich: Jemand bricht sich den Arm. Und ein Besuch­er im Spi­tal flüstert treuherzig: «Du musst prüfen, was Gott dir damit sagen will. Welche ver­bor­gene Sünde steckt wohl dahin­ter?» Ob der Patient dann geis­tes­ge­gen­wär­tig genug wäre, um zu antworten: «Gott will mir damit sagen, dass die Leit­er im Garten schlecht aufgestellt war und ich näch­stes Mal bess­er auf­passen soll!»
Das ständi­ge Bohren nach der Ursache, das Fix­ieren auf Schuld, macht das Leben eng. Es schafft Dis­tanz. Schliesslich: Solange ich dem anderen beweisen kann, warum er an sein­er Mis­ere selb­st schuld ist, muss ich mich von seinem Leid nicht berühren lassen. Sün­den­böcke sind so prak­tisch. Man lädt ihnen die Last auf und jagt sie in die Wüste!

Mit einem einzi­gen Satz stoppt Jesus die Jagd nach dem Sün­den­bock. Ganz ein­fach: «Wed­er dieser hat gesündigt noch seine Eltern!» Aus­rufeze­ichen! Er kappt den fatal­en Kurz­schluss zwis­chen Lei­den und per­sön­lich­er Schuld. Natür­lich machen Men­schen Fehler. Natür­lich gibt es Schuld in der Welt. Aber Jesus weigert sich, Schick­salss­chläge, Krankheit oder Behin­derung als Strafe Gottes für ein Fehlver­hal­ten zu ver­ste­hen. «Hört auf, darin herumzuwühlen!», sagt er. Darauf fol­gt der selt­same Satz: «…, son­dern es sollen die Werke Gottes offen­bar wer­den an ihm!» Das wurde von vie­len furcht­bar missver­standen. Als hätte Jesus gemeint: Gott hat diesen armen Tropf jahrzehn­te­lang blind durchs Leben stolpern lassen, nur damit an einem son­ni­gen Nach­mit­tag eine spek­takuläre Show-Bühne bekommt. Wie unerträglich zynisch wäre Gott, wenn das stim­men würde. Doch es ist etwas ganz anderes gemeint: Jesus will unsere Blick­rich­tung um 180 Grad drehen. Er meint: «Hört auf zu fra­gen: Woher kommt das? Wer ist schuld?» Son­dern fragt: «Wohin führt das? Wozu fordert es uns her­aus? Was kann Gott daraus machen?»

  • Die Frage nach dem Warum schaut zurück. Sieht nur, was sich nicht mehr ändern lässt. Und führt oft in Bit­terkeit, Selb­st­mitleid und Schuldzuweisungen.
  • Die Frage nach dem Wozu hinge­gen schaut nach vorne: Wie kann hier wieder Licht hineinkom­men? Wo kann Gottes heil­same Liebe ansetzen?

Jesus sagt seinen Jüngern und uns: Sucht keine Sün­den­böcke! Sucht den Licht­blick! «Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.»

Und dann wird die Heilung erzählt. Jh tut das ganz ungeschminkt. Jesus zieht keinen Zauber­stab her­vor. Er murmelt auch keine Formeln. Son­dern er spuckt auf den staubi­gen Boden. Knetet aus Erde und Spucke einen Brei. Und stre­icht er dem Mann das Geschmiere auf die Augen! Was ist denn das für eine Ther­a­pie!? Stellen Sie sich vor: Der Pro­fes­sor in der Augen­klinik am USZ spuckt in die Ecke und schmiert das dann seinem Patien­ten in die Augen ….
Nun gut! In der Antike galt Spe­ichel tat­säch­lich als Heilmit­tel. Doch vor allem schwingt hier das Bild aus der Schöp­fungs­geschichte mit: Am Anfang nahm Gott den Staub von der Erde und formte den Men­schen. Jesus greift in den Dreck. Er scheut sich nicht vor unser­er Wirk­lichkeit. Er bear­beit­et den Dreck. Das, was unvol­lkom­men und staubig ist. Und dann sagt er zu dem Mann: «Geh hin zum Teich Siloah und wasche dich!» Jh erk­lärt aus­drück­lich: Siloah heisst über­set­zt: „Der Gesandte“. Jesus schickt den Mann nicht irgend­wohin. Er schickt ihn zum Wass­er des Lebens, also gewis­ser­massen zu sich selb­st.
Wichtig: Der Mann ist in diesem Moment noch blind! Mit ver­schmierten Augen, ohne Führhund, ohne weis­sen Stock soll er nun durch das hügelige Jerusalem hin­unter zum Siloah-Teich find­en! Jesus heilt nicht per Knopf­druck. Der Mann ist nicht nur pas­siv­er Kon­sument. Jesus traut ihm etwas zu! Er nimmt ihn ernst. Er sagt: «Mach dich auf den Weg. Geh los. Ver­traue!» — Und der Mann geht. Er wäscht sich – und kommt sehend zurück!

Hap­py End also!? – Lei­der nein. Wer in Jh 9 weit­er­li­est, merkt schnell: Jet­zt geht das The­ater erst richtig los! Wed­er die ach so net­ten Nach­barn noch die Experten in Sachen Reli­gion kön­nen sich mit dem Geheil­ten freuen. Weil das Ganze an einem Sab­bat geschah. Da darf nicht gear­beit­et wer­den! Einen Brei anzurühren, und sei es mit Spe­ichel und Staub, ist Arbeit. Wo kämen wir denn hin, wenn am Sab­bat plöt­zlich jede® sein eigenes Süp­pchen anrühren dürfte!?
Es wird also nicht gejubelt, weil ein­er endlich etwas sieht. Son­dern es begin­nt ein Behör­den­marathon. End­lose Ver­höre: «Wer hat das getan? Wie hat er das getan? Ist das über­haupt der­selbe Mann? Holen wir die Eltern!» Die Eltern aber kriegen es mit der Angst zu tun und kneifen: «Er ist alt genug, fragt ihn selb­st!» — Schliesslich ist der Ex-Blinde der Einzige, der klar sieht! Was für eine Ironie! Er sagt nur: „Eines weiss ich: Ich war blind, und jet­zt sehe ich!“ Die religiöse Elite aber, die son­st für alles eine the­ol­o­gis­che Erk­lärung oder min­destens ein Gesetz haben, erweist sich als stock­blind für das Wirken Gottes! Sie suchen nach dem Regelver­stoss, nach dem Schuldigen, dem Sün­den­bock – und ver­passen so das Wun­der des Lebens.

Über­tra­gen wir diese Geschichte in unsere Zeit und uns Leben! Zweier­lei scheint mir wichtig:

  1. Hören wir auf, Sün­den­böck­en zu suchen/jagen. Wenn in der Fam­i­lie die Fet­zen fliegen, wenn in der Beziehung dicke Luft herrscht, wenn im Geschäft ein Pro­jekt an die Wand knallt oder wenn in unser­er Gesellschaft Span­nun­gen zunehmen: Wehren wir uns gegen den Reflex, sofort mit dem Fin­ger auf andere zu zeigen! Sün­den­böcke lösen nie ein Prob­lem. Sie ver­tiefen nur die Gräben. Fra­gen wir bei Fehlern und Pan­nen nicht end­los: «Wer hat das ver­bockt?», son­dern: «Wie gehen wir jet­zt weit­er?» Das ist auf allen Ebe­nen und in jedem Zusam­men­hang wichtig. Im Tage­sanzeiger hat ver­gan­gene Woche der Polit­geograf Michael Her­mann die Uste­mer Schul- und Polizeiaf­färe analysiert. Und fest­ge­hal­ten: «Es braucht jet­zt eine Zukun­ftsstrate­gie, nicht nur eine Aufar­beitung der Vergangenheit!»
  2. Wech­seln wir die Blick­rich­tung: Vom Warum zum Wozu. Was immer heute Mor­gen euch Sor­gen macht oder gar belastet: Eine Krankheit, eine Ent­täuschung, die Sorge um die Kinder oder das Alter. Stra­paziert Herz und Hirn nicht mit der Frage: «Warum ger­ade ich? Was habe ich falsch gemacht?» Es ist keine Strafe Gottes. Das ist es nie. Darum wen­det euch dem Licht zu und fragt: «Gott, die Sit­u­a­tion ist schwierig. Aber was und wohin ist der näch­ste Schritt? Zeig Deine Liebe und Kraft ger­ade jet­zt an mir»

Das führt uns direkt zum Abendmahl. In atl. Zeit gab es am Ver­söh­nungstag fol­gen­des Rit­u­al: Der Hohe­p­riester belud sym­bol­isch einen Ziegen­bock mit allen Sün­den des Volkes und jagte diesen dann hin­aus in die Wüste. Von da kommt das Wort ‘Sün­den­bock ursprünglich. Doch im NT wird dieses Rit­u­al unnötig, ja sinn­los. Weil Chris­tus das sich gegen­seit­ig Verurteilen durch­bricht. Er nimmt unsere Schuld, unser Ver­sagen, unsere Bit­terkeit und unsere gegen­seit­i­gen Anschuldigun­gen auf sich – und tilgt sie ein für alle Mal. Am Kreuz nimmt er uns die Steine aus den Fäusten.
Wenn wir gle­ich zum Abendmahl nach vorne kom­men, wenn wir das Brot essen und den Kelch emp­fan­gen, dann sagt Jesus zu jedem und jed­er von uns: «Ich frage dich nicht, was du gestern falsch gemacht hast. Ich mache dich nicht zum Sün­den­bock. Ich suche und sehe dich an. Ich liebe dich und mache dein Leben heil, ganz.» Im Abendmahl geht es nicht um unsere Schuld, son­dern um seine Liebe. Wir brauchen keinen Sün­den­bock, aber kom­men ins Licht sein­er Gnade. Wir sehen endlich klar, dank ihm. Amen

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