Predigt zu Johannes 1,48 am Sonntag, 12.07.2026 in der EMK Adliswil

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Liebe Gemeinde,
wie lange mag es her sein, dass Ihr dieses Lied zum letzten Mal gesungen habt: «Weisst du, wie viel Sternlein stehen …?» In meinem Kopf tauchen Bilder von der Sonntagsschule auf, in Winterthur, noch im alten Lind. Es sind sicher weit mehr als 50 Jahre vergangen seither. Die Bilder verbinden sich mit einem Gefühl von Sicherheit: Gott weiss. Gott zählt. Gott hat den Überblick und verliert ihn nicht. Damals für mich als Kind unbezweifelbar wahr. Tröstlich. Fester Boden unter den Füssen.
So sicher war ich mir dessen seither nicht immer. Es gab und gibt ja widersprüchliche Erfahrungen. Fragen. Zweifel. Und damit Phasen im Leben, in denen die Sicherheit schwindet. Das Vertrauen sich aufzulösen droht. Und die bange Frage bedrohlich wird: Hat Gott den Überblick doch nicht mehr? Oder das Interesse verloren? Oder mich gar vergessen?
Apropos Vergesslichkeit: Es gab einen Werbespot im TV für ein Medikament gegen Vergesslichkeit: Ein jüngerer Mann begrüsst einen älteren freudestrahlend mit Namen. Der Ältere aber schaut ihn ratlos an und fragt verunsichert: «Kennen wir uns?» Und dann natürlich die ‘Lösung’ der Werbung: Mit unserem Medikament passiert ihnen das nicht! – Das ist die Situation, von der wir in der ntl. Lesung gehört haben. Nathanael fragt Jesus ganz perplex: «Woher kennst du mich?». Bei ihm keinesfalls ein Symptom beginnender Demenz. Nathanael war sich völlig zu Recht sicher, Jesus noch nie begegnet zu sein. Und doch kannte der ihn offensichtlich.
Überraschend. Vielleicht auch verwirrend. Doch genau das, was das alte Kinderlied zum Ausdruck bringt: «Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen grossen Zahl.» Oder wie es Psalm 139 ausdrückt: “Von allen Seiten umgibst du mich, ich bin ganz in deiner Hand. Dass du mich so durch und durch kennst, das übersteigt meinen Verstand; es ist mir zu hoch, ich kann es nicht fassen.“
Gott hat den Überblick. Dazu fällt mir noch etwas anderes ein: Im TV hatten sechs Gelehrte (→ ‘Experten’) ausführlich debattiert. Äusserst ernsthaft. Sehr kompetent. Mit glänzenden Schweisstropfen auf den hohen Stirnen. Es ging um die Frage, ob überhaupt und wenn ja, wie Gott gedacht werden könnte. Als die Sendung zu Ende war, erschien auf dem Bildschirm eine Karikatur: Ein grosser Tisch, darum herum sechs kleine, eifrig debattierende Männlein. Das Ganze ruhte geborgen in einer riesigen, schützenden Hand, über der ein freundliches Gesicht lächelnd auf die Debatte herabschaute. Gott ist da. Gott schaut zu. Gott sieht uns. Und das eine oder andere Mal muss er wohl Lächeln über unser verbissenes Suchen und Fragen.
Zurück zu Nathanael: Wer ist er, der von Jesus gesehen wird? In meiner Vorstellung ist er ein typischer Intellektueller. Ein Perret schief auf dem Kopf. Runde Brillengläser. Etwas durchsichtige Haut. Leicht schiefer Mund, in dem eine Tabakpfeife hängt. Leise Stimme. Bedächtiges Reden. Jedes Wort genau überlegt. Ein wacher, kritischer Geist, dem man so schnell nichts vormachen konnte.
Sein Freund Philippus rennt aufgeregt zu ihm und ruft: «Wir haben den Messias gefunden, Jesus aus Nazareth!» Doch Nathanael bleibt ganz cool und fragt: «Was kann aus Nazareth Gutes kommen!». — Nazareth? Ein unbekanntes Dorf. Ein galiläisches Kaff!? Es kommt in den Schriften nirgends vor. Und der Messias müsste aus Jerusalem, allenfalls aus Bethlehem kommen. Nathanael ist vorsichtig, will sich nicht von Gefühlen übertölpeln lassen und auf Fake News hereinfallen. Wir kennen das gut: Das Bekannte und Vertraute ist uns näher und lieber als das Neue. Menschen wenden oft viel Kreativität auf, um zu begründen, warum sie sich nicht auf Neues oder Anderes einlassen müssen, können oder wollen.
Aber Philippus ist clever. Er fängt keine theologische Diskussion an. Da hätte er gegen Nathanael keine Chance. Überhaupt: Gegen theologisch begründete Bremsklötze hilft keine Debatte. Wer Menschen für Jesus gewinnen will, muss weder argumentieren noch etwas beweisen. Nur zur Begegnung helfen. So sagt Philippus nur drei Worte: «Komm und sieh!» Probier es doch einfach unverbindlich aus!
Nathanael lässt sich darauf ein. Doch bevor er Jesus eine Frage stellen kann, bekommt er von diesem zu hören: «Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist!» Ein grosses Lob. Der Name Israel geht auf Vater Jakobs Kampf am Jabbok zurück. Der Ahnvater hatte von Gott selbst diesen Titel erhalten. Er bedeutet in etwa: «Der sich intensiv mit Gott auseinandergesetzt hat» (→ ‚Gottesstreiter‘). Was für eine Ehre! Jesus sieht Nathanael so, wie der sich sehen möchte … und respektiert seine Gewissenhaftigkeit und seine engagierte Suche nach Gott und seinem Willen. Endlich wird Nathanael einmal nicht verkannt oder kritisch hinterfragt! Sein Selbstwertgefühl wächst, weil da einer seinen guten Kern wertschätzt.
Doch möchte er gerne wissen, woher Jesus das weiss. Und so fragt Nathanael: «Woher kennst du mich?» Die Antwort: «Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.» Der Feigenbaum war damals der sprichwörtliche Ort, den gesetzestreue Juden aufsuchten, um im kühlen Schatten Gottes Wort zu studieren und zu beten. Vielleicht hat Nathanael dort hochkomplexe Schriften studiert. Vielleicht hat er aber auch, als er sich unbeobachtet fühlte, einfach nur ein kleines Nickerchen gemacht! Wir wissen es nicht genau. Aber die theologische Pointe ist: Jesus weiss, wie Nathanael gesehen werden möchte. Jesus sieht ihn.
Der Gott, der dich sieht: Um ihn ging es auch in der ersten Lesung. Sogar in der Wüste sieht Gott uns. Hagar, die schwangere ägyptische Sklavin, war auf der Flucht vor ihrer Herrin Sarah. Ausgestossen, in der Wüste, am Ende ihrer Kraft. Und entdeckt, dass sie bei Gott weder übersehen noch vergessen ist. Darum nennt sie Gott ‘El Roi’ – du bist ein Gott, der mich sieht. Übrigens wird Hagar heute gerne als beeindruckende Theologin gefeiert. Weil sie die erste und einzige Person im ganzen AT ist, die Gott selbst einen Namen gibt! “El Roi” – “Du bist ein Gott, der mich sieht”.)
Was für ein grosser seelsorgerlicher Zuspruch! Gott schaut nicht weg, wenn wir in die Wüste geschickt werden oder flüchten müssen. Er sieht die traumatisierte, marginalisierte, weinende Frau am Brunnen. Und er sieht den skeptischen Mann unter dem Feigenbaum. Er sieht uns.
Und was ist unter ‘unserem Feigenbaum’? Wenn wir uns ungesehen wähnen. Wenn das Leben schwierig, fragwürdig wird. In Krankheit, Stress, Konflikten, Leid oder Einsamkeit. Vielleicht fragen wir dann wie Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis: «Wer bin ich? Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiss?» — Die gute Nachricht ist: Jesus kennt uns besser, als wir selbst uns kennen! Er weiss, wo und was bei uns nicht stimmt. Er weiss, was uns fehlt. Und was uns belastet. Dabei zerrt Jesus unsere Schwächen nicht ans Licht, um darüber zu urteilen, uns zu verurteilen. Sondern er lädt uns mit einem freundlichen, liebevollen Blick ein, ihm zu vertrauen. Bei Christus finden wir die Freiheit vom Zwang, unser Leben allein auf die Reihe bekommen zu müssen. Bei ihm lernen wir die tiefe Gelassenheit, die weiss: Ich kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand.
Zum Schluss der Begegnung macht Jesus Nathanael eine starke Zusage: «Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.».
Wieder eine theologische Anspielung! Sie erinnert an die Himmelsleiter aus Jakobs Traum (→ Genesis 28). Der Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren. Jesus sagt also: Ich bin dieser Ort. Der Himmel steht offen! Die Trennung zwischen Himmel und Erde ist vorbei. Der Himmel ist da, mitten in Eurem Alltag. Ihr seid gesehen, respektiert, geliebt. Von Gott. Wo immer ihr seid. Was immer ihr tut. Egal, was euch plagt.
«Gott sieht dich!» Er weiss um dich. Kennt dich. Dabei geht es nicht um Überwachung (wie ein anderes altes Sonntagschullied befürchten lassen könnte → Pass auf kleines Aug, was du siehst … (ich bin sehr dankbar, dass das nicht mehr zu unserem Repertoire gehört). Wir müssen uns nicht fürchten, von Gott gesehen zu werden. Sondern es geht um den liebevollen und barmherzigen Blick des Gottes, der Liebe ist. Er kennt alle unsere Ungereimtheiten, Fragwürdigkeiten, Verhängnisse und Dunkelheiten. Dennoch – oder gerade deshalb – bleibt er unendlich gnädig und liebevoll. Es gibt nichts Besseres als dass er uns sieht. El Roi – Du bist ein Gott, der mich sieht. Amen.
