Mutig vorwärts gehen

Predigt zu Philip­per 3,4b-14 am Son­ntag, 09.08.2026 in der EMK Adliswil

Liebe Gemeinde,

dem Schrift­steller Franz Kaf­ka wird das Bon­mot zugeschrieben: ‘Neue Wege entste­hen beim Gehen!’ Ein bekan­ntes Sprich­wort lautet: ‘Wer rastet, der ros­tet!’ Die welt­bekan­nte Whiskey-Marke John­nie Walk­er wirbt mit dem Slo­gan ‘Keep walk­ing’ (→ ‘Lass dich nicht aufhal­ten’ oder ‘Bleib in Bewe­gung’). Und der Sportar­tikel­her­steller Nike rät: ‘Just do it!’ (→ Mach es ein­fach!)
So dynamisch wie diese Beispiele klingt auch ein­er der Werte, die wir als BeVo für unseren Bezirk for­muliert haben: «Wir gehen mutig vor­wärts!» — Aber es ist halt so eine Sache mit diesen Slo­gans: Wie weit entsprechen sie der Wirk­lichkeit? Bzw. wie weit sind sie wom­öglich doch eher Wunschdenken?

«Wir gehen mutig vor­wärts!» Sehen wir uns mal um in unseren Rei­hen: Wie viel Dri­ve vor­wärts haben wir wirk­lich? Unsere Gemeinde ist klein gewor­den. Und wir wer­den alle älter. Am Mor­gen, wenn die Knie knirschen oder der Rück­en zwickt, wird der Wert eher zur Frage: «Mutig vor­wärts gehen? Ich bin schon froh, wenn ich mutig aus dem Bett komme!»
In klein­er wer­den­den Gemein­den dominiert leicht — oft unaus­ge­sproch­enen – die Sorge: Wie soll es weit­erge­hen? Wer soll die Arbeit machen? Die wird ja nicht weniger. Wir stram­peln uns ab, um alles am Laufen zu hal­ten. Manch­mal kommt man sich dabei vor wie ein Erwach­sen­er, der ver­sucht, auf einem Kinder-Bob­by­car ein Ren­nen zu gewin­nen. Bob­by­car zu fahren ist für Erwach­sene furcht­bar anstren­gend. Früher oder später kön­nen sie nicht mehr und bleiben ganz erschöpft am Strassen­rand liegen.
So ähn­lich fühlte sich wohl der Apos­tel Paulus in ein­er früheren Phase seines Lebens. Er gab alles für ein gerecht­es und Gott wohlge­fäl­liges Leben. Und kon­nte sich doch nicht sich­er sein, ob es reicht. Im heuti­gen Predigt­text aus Philip­per 3 schaut er zurück auf diese Zeit. Dem stellt er gegenüber, was nun seinen Glauben aus­macht. Er schreibt:

7Aber alles, was mir damals als Vorteil erschien, sehe ich jet­zt – von Chris­tus her – als Nachteil.
8Ja wirk­lich: Ich betra­chte es aus­nahm­s­los als Nachteil. Dahin­ter ste­ht die über­wälti­gende Erken­nt­nis, dass Jesus Chris­tus mein Herr ist! Ver­glichen mit ihm ist alles andere wert­los gewor­den, ja, in meinen Augen ist es nichts als Dreck! Mein Gewinn ist Chris­tus.
9Zu ihm will ich gehören. Denn ich gelte nicht als gerecht, weil ich das Gesetz befolge, son­dern weil ich an Chris­tus glaube. Das ist die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und deren Grund­lage der Glaube ist.
10Ich möchte Chris­tus erken­nen und die Kraft sein­er Aufer­ste­hung erfahren. An seinem Lei­den möchte ich teil­haben – bis dahin, dass ich ihm im Tod gle­ich werde.
11Das alles geschieht in der Hoff­nung, auch zur Aufer­ste­hung von den Toten zu gelan­gen.
12Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erre­icht habe oder bere­its am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen. Denn ich bin ja auch von Chris­tus Jesus ergrif­f­en.
13Brüder und Schwest­ern, ich bilde mir wirk­lich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hin­ter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt.
14Ich laufe auf das Ziel zu, um den Siege­spreis zu gewin­nen: die Teil­habe an der himm­lis­chen Welt, zu der Gott uns durch Chris­tus Jesus berufen hat.                                                                                                                                            Philip­per 3,7–14 (Basis Bibel)

Bevor Paulus Chris­tus begeg­nete, wollte er aus eigen­er Kraft per­fekt leben. Von seinem Weg war er damals dur­chaus überzeugt. Aber er führte ihn nicht ans Ziel. Und aus später­er Sicht wurde klar: Paulus stram­pelte sich ab, als müsste er sich den Him­mel durch eigene Leis­tung zu ver­di­enen. Gegen Ende seines Lebens (→ Phil ist wohl in Gefan­gen­schaft geschrieben und Paulus sieht sein irdis­ches Ende nahe kom­men) sagt er: ‘Das war nichts wert!’ Und: ‘Ich vergesse, was hin­ter mir liegt!’
Wenn wir als EMK Adliswil auf ver­gan­gene Jahrzehnte zurückschauen, dann erwachen wun­der­bare Erin­nerun­gen: Grosse Chor-Konz­erte. Aktive Arbeit mit Kindern und Müt­tern. Volle Sitzrei­hen. Grosse Feste. Pulsieren­des Leben. Alle, die dabei waren, wer­den garantiert nicht sagen wollen: ‘Ich vergesse, was dahin­ten liegt!’ Das ist Gott sei Dank auch nicht, was Paulus meint. Es geht nicht um geistliche Amne­sie. Es geht auch nicht darum, die Ver­gan­gen­heit schlecht zu reden oder zu ver­drän­gen. Wir dür­fen und sollen dankbar sein für die guten alten Zeit­en!
Worauf Paulus uns aber hin­weist, ist: Das Ver­gan­gene hat­te seinen Sinn nicht in sich selb­st. Es hat­te seinen Sinn von Jesus Chris­tus her. Den behält es auch. Wenn Dankbarkeit sich aber in Nos­tal­gie ver­wan­delt, wird es heikel. Dann kann uns die Ver­gan­gen­heit wie ein Gum­miband fes­thal­ten. Sie zieht uns dann immer wieder mit aller Macht zurück auf die alte Bob­by­car-Strecke. Dann rack­ern wir uns ab und ver­suchen zu wieder­holen, was vor­bei ist. Und im ständi­gen Ver­gle­ich des grossen Gestern mit dem mick­ri­gen Heute wer­den wir trau­rig, mut­los und bleiben steck­en.
Paulus ruft uns aber zu: Der Glaube hat ein himm­lis­ches Ziel. Unser Lebensweg weist über das eigene Ende hin­aus auf das endgültige Ziel bei Gott. Wir kön­nen die Ver­gan­gen­heit ruhen lassen, weil Chris­tus nicht im Gestern, son­dern im Heute und im Mor­gen auf uns wartet.

Um mutige Schritte vor­wärts tun zu kön­nen, macht Paulus eine radikale «Kor­rek­tur­buchung» in seinem Leben. Er spricht einen Moment lang wirk­lich wie ein knall­har­ter Buch­hal­ter: «Aber alles, was mir damals als Vorteil erschien, sehe ich jet­zt – von Chris­tus her – als Nachteil. […] Ver­glichen mit ihm ist alles andere wert­los gewor­den, ja, in meinen Augen ist es nichts als Dreck! Mein Gewinn ist Chris­tus.» Alles, worauf er stolz war – die fromme Leis­tung, sein Sta­tus, das per­fek­te Befol­gen der Geset­ze –bucht er jet­zt auf die Ver­lust­seite. Gemessen an der Beziehung zu Jesus Chris­tus betra­chtet er es sog­ar als ‘Dreck’. – Naja, das ist dann wieder Paulus, der im Bemühen, deut­lich zu sein, manch­mal zu über­triebe­nen For­mulierun­gen greift.
Es geht näm­lich gar nicht darum, das Frühere abzuw­erten. Aber es geht darum, was heute und mor­gen entschei­dend wichtig ist. Und das ist eben nicht unser Leis­tungsausweis. Nicht unsere Grösse. Nicht unsere Stärke. Nicht unsere Ausstrahlung oder Attrak­tiv­ität als Gemeinde. Entschei­dend wichtig sind vielmehr nur die Gnade und Liebe Gottes. Wenn wir das begreifen, wer­den wir ger­ade als klein wer­dende Kirche ent­lastet. Das nimmt viel Druck weg!
Der Sinn dessen, was wir tun, liegt nicht in der Leis­tung. Gewinn und Erfolg ein­er Kirche bemessen sich nicht an ihren Aktiv­itäten. Wir brauchen keinen Leis­tungsausweis, der in ‘erkrampfter’ Rechtschaf­fen­heit beste­ht. Nein! All das, unser ganz­er Wert liegt allein in der Beziehung zu Chris­tus! – Wir müssen keine vol­lkomme­nen Musterchrist:innen. Wir müssen auch keine per­fekt geölte Gemein­de­mas­chine sein. Sog­ar der grosse Paulus gibt ja offen zu: «Ich will nicht behaupten, dass ich das alles schon erre­icht habe oder bere­its am Ziel bin». Er wurde nach sein­er Bekehrung nicht auf einen Schlag zum makel­losen Über­flieger. Umkehr und Glaube sind der Startschuss, nicht das Ende. Und wenn sog­ar Paulus noch nicht am Ziel war, dann müssen wir das heute auch nicht sein.

Bloss: Wie geht es dann über­haupt vor­wärts, wenn die Kraft schwindet? Paulus ist in Vers 12 eine nobel­preiswürdi­ge For­mulierung gelun­gen: «Ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen, weil ich von Chris­tus Jesus ergrif­f­en bin.» Darum kann sog­ar eine kleine und alte Gemeinde mutig bleiben. Weil Chris­tus uns ergrif­f­en hat. — Auch wenn ich, wenn wir es nicht gepackt haben, dann hat den­noch Chris­tus mich/uns gepackt. Wo ich meinen eige­nen Weg, wo ich auch das Leben und die Zukun­ft der Gemeinde nicht mehr im Griff habe, da darf ich mich doch von ihm ergrif­f­en und gehal­ten wis­sen. Wo ich fürchte, am Rande des Weges liegen bleiben zu müssen, weil mir die Luft aus­ge­ht, hil­ft er mir wieder auf die Beine.
Gott hat uns vom Krampf auf dem winzi­gen Bob­by­car erlöst. Er stellt uns ein Fahrzeug zur Ver­fü­gung, das vom Heili­gen Geist angetrieben und geleit­et wird. Da kommt es nicht mehr auf unsere Kraft an. Und im Navi ist das himm­lis­che Ziel schon pro­gram­miert: Wir leben aus der ‘Kraft sein­er Aufer­ste­hung’. Auf seine Kraft kommt es an. Sie über­windet unsere Sor­gen und Äng­ste, unser Zögern, unsere Mut­losigkeit. Dank sein­er Kraft kön­nen wir nicht nur davon träu­men, mutig vor­wärts zu gehen. Son­dern es tat­säch­lich tun.

Was heisst das nun prak­tisch und konkret hier im Sihltal. Wie leben wir den Wert ‘Wir gehen mutig vor­wärts’ im All­t­ag?
Es bedeutet ger­ade nicht blind­en Aktion­is­mus. Wir müssen nicht tausend neue Pro­jek­te erfind­en, um die Gemeinde zu ret­ten. Son­dern wir kön­nen fröh­lich und zuver­sichtlich unseren Glauben leben. Wir laden in unsere Gemeinde ein. Nicht weil sie per­fekt ist, son­dern weil Chris­tus in ihr lebt. Wir zeigen, dass wir Chris­tus und der Kraft seines Geistes ver­trauen. Weil Chris­tus uns ergrif­f­en hat, tun wir Schritte. Wir lenken, wir passen unsere Geschwindigkeit an, wir acht­en auf die Schilder am Wegrand – und tun das im Wis­sen, dass nicht unsere eigene Kraft uns vor­wärts bringt, son­dern Gottes Geist.
Mutig vor­wärts gehen heisst: Die Ver­gan­gen­heit dankbar in Gottes Hände zurück­le­gen. Und uns auf die Men­schen konzen­tri­eren, mit denen wir heute zu tun bekom­men. – In der neuen Zusam­menset­zung haben wir als BeVo an Vision, Mis­sion und Werten etwas weit­er gear­beit­et (wir pla­nen auch einen Anlass, bei dem wir mit der ganzen Gemeinde darüber ins Gespräch kom­men). Dabei ist u.a. die For­mulierung für einen weit­eren Wert ent­standen, näm­lich: «Wir sind offen für andere Men­schen und gehen fre­undlich auf sie zu.» Wenn wir genau das tun, als einzelne wie als Gemeinde, dann wer­den wir schon fast automa­tisch auch ‘mutig vor­wärts’ gehen. Wir müssen nie­man­den aus unser­er Kraft ret­ten. Wir müssen nie­man­den in unsere Räume und Ver­anstal­tun­gen zwin­gen. Son­dern wir begeg­nen den Men­schen fre­undlich. Wir erzählen ihnen von unserem Glauben und Ver­trauen. Wir laden sie ein. Und wir hof­fen, dass Chris­tus, der uns ergrif­f­en hat, auch sie ergreifen wird.
«Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erre­icht habe oder bere­its am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen. Denn ich bin ja auch von Chris­tus Jesus ergrif­f­en.» — Auf dieser Basis gehen wir mutig vor­wärts und bleiben ges­pan­nt darauf, wohin unser Weg mit Chris­tus noch führen wird. Amen

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