No risk — no love

Predigt am Son­ntag, 28.06.2026 in der EMK Adliswil, nach der Mor­genbesin­nung von Pfr. Ste­fan Moll am 19.06.2026 an der JK CH — F — NA in Hubzenschwil

Liebe Gemeinde,

‘no risk – no love’ (→ ohne Risiko keine Liebe). Das diesjährige Kon­feren­zthe­ma ist abgeleit­et vom ver­bre­it­eten Slo­gan ‘no risk, no fun’ (→ ohne Risiko kein Spass). Dieser stammt übri­gens nicht, wie man ver­muten kön­nte, aus dem Englis­chen, son­dern ent­stand wohl im deutschsprachi­gen Raum. Es han­delt sich hier um eine ‘psdeu­do-englis­che For­mulierung (→ ‘denglisch’). In den USA oder GB wird ‘no risk, no fun’ kaum ver­standen (so wie dort auch nie­mand weiss, was ein Handy sein soll). Was damit bei uns gemeint ist, drückt man dort eher mit Reden­sarten aus, die etwa bedeuten: ‘Ohne Fleiss kein Preis’. Oder: ‘Wer nicht wagt, gewin­nt nicht’.
Es begann in den 80er- und 90er-Jahren. In der damals schnell wach­senden Skater‑, Snow­board- und Extrem­sport­szene waren englis­che Wortschöp­fun­gen sehr beliebt. ‘No risk, no fun’ brachte dort das Lebens­ge­fühl der Suche nach dem näch­sten Adren­a­lin­kick per­fekt zum Aus­druck. Wer­beagen­turen grif­f­en den Spruch dann auf, vor allem für die Ver­mark­tung von Pro­duk­ten an Jugendliche. Sie tat­en das so inten­siv, dass ‘no risk, no fun’ in den all­ge­meinen Sprachge­brauch überg­ing. Heute wird die For­mulierung oft auch gebraucht, um die Ein­sicht zu umschreiben: Wer weit­erkom­men will, muss seine Kom­fort­zone verlassen.

Nun gut. Doch wie wird nun aus ‘no risk, no fun’ das JK-The­ma ‘no risk – no love’? Es hat mit den Leit­sätzen der weltweit­en UMC zu tun. Da wurde näm­lich kür­zlich ein soge­nan­ntes Vision State­ment (als Ergänzung zum ‘Mis­sion State­ment’: «Die EMK hat den Auf­trag, Men­schen in die Nach­folge Jesu zu führen, auf dass die Welt verän­dert wird.») erar­beit­et. Der Bischof­s­rat hat es im ver­gan­genen Jahr in Kraft geset­zt. Es lautet: Die EMK leit­et Men­schen dazu an, Jesus Chris­tus nachzu­fol­gen. Der Heilige Geist befähigt sie dazu, kühn zu lieben, bere­itwillig zu dienen und entschlossen voranzuge­hen. Aus dem ‘kühn lieben’ dieses Satzes wurde dann für die JK CH-F-NA in diesem Jahr das The­ma: No risk – no love.
Nun kön­nte man lange über Sinn oder Unsinn solch­er Leit­sätze, Visio­nen etc. debat­tieren. Die aktuelle deutsche Über­set­zung des Vision State­ments ist ausser­dem noch nicht gut gelun­gen. Und über­haupt: Irgend­wie kann es doch ver­wirrend sein, wenn auf jed­er Ebene der Kirche wieder eigene (andere) For­mulierun­gen und Leit­sätze gel­ten. Wir haben ja als Bezirk auch unsere Vision, Werte und Mis­sion. – Dazu im Moment nur so viel: Ste­fan Ilg und ich waren uns im Gespräch schnell einig: Unsere For­mulierun­gen auf dem Bezirk passen bestens in den Rah­men, den die inter­na­tionalen Mis­sion und Vision State­ments abgeben.
Für diesen Impuls konzen­triere ich mich jet­zt auf das ‘kühn lieben’. Dabei stütze ich mich auf die Gedanken, die Pfr. Ste­fan Moll am Fre­itag in der Mor­genbesin­nung in der JK for­muliert hat.

Es ist also die Vision der Methodist:innen, kühn zu lieben. Dazu kann man nur grat­ulieren, wenn es denn tat­säch­lich so ist. Kühn lieben. Ich wün­sche uns, dass unsere Liebe so kühn, so waghal­sig ist, dass die Leute von alleine sagen: «Hast du das gese­hen? Das waren sich­er wieder diese Methodisten».

John Wes­ley hat der Gnade Gottes alles zuge­traut! Kühn zu lieben war für ihn darum nichts als selb­stver­ständlich. Methodist:innen wollen ein Leucht­turm sein.
Das ist wohl typ­isch. Chris­tus erlöst aber nicht nur Methodist:innen! Es gibt unzäh­lige Men­schen und Christ:innen, die nach der gelebten Liebe streben. Wir aber wollen in unser­er Liebe vor­bildlich – ja vol­lkom­men oder per­fekt sein. Nicht nur method­isch, son­dern methodis­tisch, nicht nur lieben, son­dern eben kühn lieben ….
Muss es denn wirk­lich kühn sein? Lieben genügt doch. Vielle­icht: am Lieben reifen, das schon. Aber gut ist doch eigentlich gut genug. Methodist:innen habe die Nei­gung, es auf die Spitze zu treiben. Das ist ein­er­seits lobenswert. Wenn man etwas mass­los, mutig und kühn tun soll, dann die Liebe. Aber es beste­ht dann ander­er­seits die Gefahr, den eige­nen Ansprüchen nicht zu genü­gen.
Aber gut: Die Vision lautet nun ein­mal: kühn lieben. Wie geht das? Welche Liebe ist so abgründig, so waghal­sig, so schw­er, dass man sie eine ‘kühne Liebe’ nen­nen kann?

Eine solche Her­aus­forderung ist die Liebe zu sich sel­ber. Wer kühn lieben will, der lerne, sich sel­ber zu lieben.
Du stehst vor dem Spiegel, wie Gott dich geschaf­fen hat: Find­est du schön, was du siehst? Sich sel­ber lieben bedeutet, die eigene Schön­heit wahrzunehmen. Auch im Alter. Und nicht nur äusser­lich: Siehst du die Schön­heit dein­er Biogra­phie? Die Schön­heit deines Herzens, dein­er Gedanken, deines Wesens, deines Glaubens? Erkennst du die Schön­heit, die darin liegt, dass es dich gibt?
Kannst du dir die ver­passten Chan­cen und deine Gren­zen verzei­hen? Und kannst du das im Wis­sen tun, dass du nicht erst dann schön und liebenswert bist, wenn jed­er Makel aus­ge­merzt ist? Bereust du, dich sel­ber abgew­ertet zu haben? Kannst du glauben, dass diese Welt eine schönere Welt ist, weil es dich gibt?
Die Liebe zu sich selb­st beste­ht ger­ade nicht darin, dass alles makel­los sein muss. Sie beste­ht darin, ehrlich zu sehen, wie es um mich ste­ht. Dazu gehören auch die Fehler, die Sün­den und alles, wofür ich mich schäme. Aber das, was ich da sehe, gilt es zu lieben. Es ist eine ver­söh­nte Hal­tung zu sich sel­ber. Das ist wirk­lich kühne Liebe.

Sich sel­ber zu lieben ist aber ger­ade nicht meine Leis­tung. Es ist schw­er­er. Denn lange bevor ich mich sel­ber lieben kann, hat Gott JA gesagt zu uns. Gottes Liebe gilt allen Men­schen! Bedin­gungs­los! Kühn lieben bedeutet, dieser Liebe zu erlauben, zu mir zu kom­men. Das Ja von Gott zu allen Men­schen – auch zu mir – ist die Quelle für ein kühnes und liebevolles Ver­hält­nis zu sich selber.

Und das ist dann auch der Ursprung küh­n­er Näch­sten­liebe. Sie ergibt sich fast von alleine aus der Liebe zu sich selb­st. — Ich merke, dass ich von der Liebe zum Näch­sten meist im Imper­a­tiv rede. Ich ver­ste­he sie als Last, als zu etwas zu Leis­ten­des.  — Zu lieben ist tat­säch­lich auch ein Wil­len­sakt. Man kann das wollen. Dabei geht es nicht darum, zu allen gute Gefüh­le zu entwick­eln. Näch­sten­liebe als Gefühl über­fordert einen. Ich kann nicht zu allen ein gutes Gefühl entwick­eln, Aber man kann alle lieben. Näch­sten­liebe bedeutet: Ich ver­ste­he, was andere jet­zt von mir brauchen – und das tue ich. Es ist eine ganz prak­tis­che Liebe, die man wollen kann.
Den­noch ist das Lieben nicht in ersten Lin­ie ein Wil­len­sakt. Lieben ist Ver­trauen. Jemand ver­traut sich Chris­tus an, weil er bei ihm ein gren­zen­los­es Ja über dem Leben hört. Ver­trauen bedeutet: sich diesem Ja zu ergeben. Sich fall­en zu lassen. Es gibt für die, welche sich von Gott geliebt wis­sen, nichts mehr zu ver­lieren. Keine Sünde und keine Scham kann dieses Ja von Gott zu uns zer­stören. Und darum kön­nen wir mit leichtem Herzen aufhören, uns um uns sel­ber zu beküm­mern – und wir wer­den offen für Liebe zum Näch­sten. Aber was meint das?

André Comte-Sponville hat eine «Kleine Philoso­phie der Liebe» geschrieben. Darin lobt er zuerst die begehrende Liebe. Man soll das Begehren niemals – auch nicht als Christen:innen –ger­ing acht­en. Es ist schliesslich lei­den­schaftliche Liebe. Wir soll­ten den Eros nicht abw­erten. Man kann ja auch gute und wertvolle Dinge lei­den­schaftlich begehren.
Doch Eros wird von der Fre­un­desliebe über­boten. Auch sie sollen wir nicht ver­acht­en und sagen: «Das ist ja bloss die Phil­ia.» Fre­und­schaften sind wun­der­bare Beziehun­gen. Sie lohnen sich für alle Beteiligten, weil alle geben – und alle bekommt.
Aber für das, was Jesus unter Liebe ver­standen hat, gab es in der griechis­chen Sprache keinen geläu­fi­gen Aus­druck. Darum griff man auf das unbekan­nte Wort ‘Agape’ zurück. Es bedeutet ursprünglich: ‘zärtlich lieben’. Nun wird das Wort für göt­tliche Liebe ver­wen­det. Für jene Liebe also, die nicht mehr auf den eige­nen Vorteil achtet, son­dern sich auss­chliesslich am Gegenüber orientiert.

André Comte-Sponville fragt, was diese Agape eigentlich sein kann. Er find­et die Antwort bei Simone Weil. Für sie bedeutet Agape, darauf zu verzicht­en, die eigene Macht ungezügelt auszuüben. Agape meint: neben sich Platz zu schaf­fen.
Das hat Gott in der Schöp­fung getan. Er liess zu, dass es neben ihm noch Raum gab für anderes Leben. Er lässt den Men­schen die Frei­heit, das Leben sel­ber zu gestal­ten. Gott verzichtet darauf, alles zu beherrschen – aber ohne uns deswe­gen ein­fach dem Schick­sal zu über­lassen. Liebe bedeutet: Raum schaf­fen – und doch in Beziehung bleiben. Wer aber anderen so viel Frei­heit gewährt, muss mit dem Risiko leben, dass sie diese auch nutzen. Und dass jemand als Lieben­der nicht mehr gebraucht werde.

Näch­sten­liebe hat damit zu tun, anderen zu helfen. Aber das hat eine Ten­denz, raumer­greifend zu sein. Helfende haben eine gewisse Macht über andere – und üben sie auch aus: ihm zugute. Dage­gen ist gar nicht viel einzuwen­den. Agape-Liebe aber achtet darauf, dem anderen max­i­mal viel Frei­heit und Raum zu lassen. Die Hil­fe darf nie dominieren. Sie darf nicht den ganzen Raum in Beschlag nehmen. Helfen ist ein Ange­bot der Liebe, den Raum ander­er vorüberge­hend aus der Not her­aus zu teilen. Aber der andere entschei­det, ob er das will. Die Hil­fe ist darauf bedacht, diesen vorüberge­hend beset­zten Raum möglichst rasch wieder frei zu geben.

Das ist hil­fre­ich­es Helfen. Acht­sam, behut­sam – und doch bere­it zu helfen. Markus Fellinger hat darüber ein wun­der­bares Buch geschrieben. Titel: Hil­fre­ich helfen. Es ermutigt zum Helfen, aber zu einem Helfen, das hil­fre­ich bleibt, weil es den Leben­sraum ander­er nicht mit Macht einnimmt.

Kühn lieben bedeutet in diesem Sinn: Platz machen. Raum freigeben. Und doch präsent sein, offen für die Beziehung zu einan­der. – No risk – no love. Das Risiko der Liebe beste­ht darin, den Mit­men­schen soviel Platz zu machen wie möglich und jeden Raum zu gön­nen – im vollen Ver­trauen, dass für mich selb­st dank Gott immer genug Platz bleibt. Amen

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