Predigt vom 22.03.2026 in der EMK Adliswil zu Kolosser 3,16

Copyright: erstellt mit Gemini 3
Liebe Gemeinde,
nach einem Unterbruch von einer Woche – dank der Ökumene – geht es weiter mit ‘Zäme – d’Chraft vom Mitenand’. Zuerst haben wir übers ‘Zäme teile’ nachgedacht. Danach ging es unter dem Motto ‘Zäme am Tisch’ um Gastfreundschaft. Im Hintergrund der ganzen Reihe steht ein Satz von John Wesley, nämlich: «Es gibt keine Heiligkeit ausser der sozialen Heiligkeit». Oder, wer es lieber in Dialekt und ohne John Wesley hätte: ‘Warum gahts dänn nöd als Solochrischt? … will d’eleige ganz verlore bisch und dir niemer hälfe cha.’
Glaube ist ein Mannschaftssport. Wenn wir heute zum ‘zäme singe’ kommen, dann darf zunächst festgehalten werden: Methodist:innen waren immer und sind bis heute singende Mannschaften! Ich würde behaupten, dass man viele methodistische Gemeinden an ihrem (kräftigen) Gesang identifizieren kann. Für die EMK Adliswil stimmt das sicher auch. Immerhin hat (Chor-)Gesang hier ja eine ganz besonders gewichtige Geschichte.
‘Zäme singe’. — Wir haben heute schon gehört, was Singen physisch, medizinisch verifizierbar, mit uns macht. Es ist Wellness für Körper und Seele. Beim Singen wird ein Cocktail von Glückshormonen ausgeschüttet. Es sorgt für tiefere Atmung und mehr Sauerstoff im Blut. Singen stärkt nachweislich das Immunsystem. Ausserdem signalisiert es via Vagusnerv dem ganzen Körper: «Entspann dich, alles ist gut!». Dazu haben wir gehört: Wer singt, kann nicht in sich zusammensacken – die Haltung richtet sich auf. Und das alles geschieht ganz unabhängig davon, ob wir jeden Ton perfekt treffen.
Das alles klingt ja schon toll. Doch weit darüber hinaus ist ‘Zäme singe’ für den christlichen Glauben noch viel mehr als ein medizinisch ratsames Fitnesstraining. Musik und Gesang sind, wie der schwedische Fotograf und Autor Göran Sjöwall (* 1939) einmal formulierte, ‘Proviant für die Seele’. — Warum ist das so? Warum hat Musik in der Bibel und in christlichen Gottesdiensten eine so grosse Bedeutung?
1. Lieder als eiserner Wortschatz: Singen ist für uns Christ:innen so elementar wie das Atmen. Denn Lieder wirken direkt in Bauch und Herz. Sie berühren uns auf einer Ebene und in einer Tiefe, die Worte oft gar nicht erreichen können (Dass Lieder das Hirn irgendwie umgehen, lässt sich übrigens auch daran sehen: Stotterer können problemlos flüssig singen).
Es gibt so Momente im Leben: Situationen, in denen es uns buchstäblich die Sprache verschlägt. Das kann vor überwältigender Freude sein. Aber auch, und wohl viel öfter, in Krisenmomenten: In tiefer Trauer, angesichts von Sorgen oder in Phasen der Erschöpfung. Dann sind wir sprachlos. Wissen nicht mehr, was wir sagen oder beten sollen. Der Kopf ist leer. In solchen Momenten sind Lieder — alte Choräle genauso wie neues Liedgut – die Rettung. Wo uns Töne und Worte fehlen, können wir sie uns bei Liedern leihen.
Der deutsche Schriftsteller Berthold Auerbach (1812–1882) sagte einmal: «Ich glaube, der Mensch braucht täglich ein paar Strophen, ein paar Takte Musik oder ein schönes Bild, um das Gemeine, das das Leben über ihn staubt, abzuwischen.». Wir brauchen diese Strophen, die uns festhalten, wenn wir selbst den Halt verlieren. Und wenn wir ‘zäme singe’, dann leihen wir uns nicht nur die Worte der Liederdichter aus. Wir leihen uns auch gegenseitig unsere Stimmen. Könnte ja sein, dass Du einmal im Gottesdienst beim Singen keinen Ton herausbringst. Weil Du total aufgewühlt bist, voller Zweifel oder Trauer. Du sitzt nur stumm da. Aber neben dir singt die Gemeinde. Die Geschwister singen für dich mit. Der Klang und der Glaube der anderen tragen dich. So kann die Kraft des ‘Zäme’ wirken.
2. Singen ist Verkündigung: Der Apostel Paulus misst dem Gesang eine zentrale Bedeutung zu. In Kolosserbrief 3,16 ist zu lesen: «Das Wort, in dem Christus gegenwärtig ist, wohne in reichem Maß bei euch. Lehrt einander und ermahnt euch gegenseitig. Tut das in aller Weisheit. Singt Gott aus vollem Herzen Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder.».
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich schon einmal über diesen Vers gepredigt, damals fokussiert auf das Wort Christi, das in reichem Mass bei uns wohnen soll. Spannend ist, dass hier nicht zwischen dem Wort Christi einerseits und dem netten musikalischen Hintergrund andererseits unterschieden wird. Sondern es heisst: «Lehrt einander (das Wort Christi), indem wir Gott singen!’ Das bedeutet doch: Singen selbst ist Lehre! Wenn wir miteinander singen, lehren und ermutigen wir einander. Gerade im Singen wohnt Christi Wort reichlich unter uns. Wenn wir gemeinsam einstimmen, passiert etwas in uns: Unsere oft so unruhigen Herzen ordnen sich neu. Wir richten unseren inneren Kompass zäme auf Gott aus.
In unserer Welt stellt sich jede:r die eigene Playlist zusammen und zieht sich mit Kopfhörern in die eigene kleine Blase zurück. Da ist doch gemeinsames Singen im Gottesdienst ein ziemlich radikaler, aber auch heilsamer Gegenentwurf. Er holt uns aus der Isolation ins Miteinander.
3. Wesleys Regeln für das Zäme: Wir haben die sieben Gesangsregeln John Wesleys aus dem Jahr 1761 gehört. Geschrieben als Vorwort zu einer Liedersammlung. Manches davon mag heute amüsant, anderes etwas streng klingen: Zum Beispiel, wenn er warnt, nicht so zu singen, als sei man «halb tot oder halb eingeschlafen». Oder wenn er uns auffordert, uns nicht für unsere Stimmen zu schämen, da wir das damals bei den «Liedern des Satans» (→ damit sind in den Kneipen gegrölte Gesänge gemeint) ja auch nicht getan hätten. – Dennoch steckt in Wesleys Regeln viel Weisheit:
- «Singe alles!»: Wesley ermutigt, sich dem Gemeindegesang immer anzuschliessen. Lass dich nicht davon abhalten, wenn du müde bist oder dir die Melodie fremd ist. Auch, dass einem ein Lied nicht so gefällt, ist für Wesley kein Grund zum Schweigen. Er rät: Nimm es als Kreuz auf dich, und es wird dir zum Segen werden. Gottesdienst ist kein Konsum, sondern Beteiligung.
- «Singe kräftig und mit gutem Mut», aber auch «Singe bescheiden»: Wie passt das zusammen? Wesley sagt, wir sollen unsere Stimmen mit Macht erheben, aber eben nicht so laut schreien, dass wir getrennt von der Gemeinde gehört werden und die Harmonie zerstören. Wir sollen aufeinander hören, auf die führenden Stimmen achten, nicht vorauslaufen und nicht schleppen. Wir sollen unsere Stimmen vereinen, bis ein «klarer, wohlklingender Gesamtklang entsteht». Das ist das «Zäme»! Es ist das ideale Bild für die Gemeinde: Alle bringen sich ein, mutig und überzeugt. Dennoch spielt sich niemand egoistisch in den Vordergrund. Wir passen uns aneinander an.
- Die wichtigste Regel aber ist: «Vor allem: Singe geistlich.». Habe bei jedem Wort Gott vor Augen. Ziele darauf ab, ihm zu gefallen und nicht dir selbst. Lass dich nicht nur vom schönen Klang mitreissen, sondern bring dein Herz beständig vor Gott.
4. Die Einladung: Liebe Gemeinde, wir haben das Vorrecht, aus einem unendlichen Schatz an Liedern schöpfen zu dürfen. Das Experiment, zu dem ich Sie für die kommende Woche einladen möchte, ist ganz einfach. Sie müssen kein Wohneigentum verkaufen, um eine christliche WG zu gründen (→ Zäme teile). Sie müssen auch nicht das perfekte Menü für einen unerwarteten Gast kochen (→ Zäme am Tisch).
Mein Vorschlag für diese Woche lautet: Nehmen Sie sich täglich ein paar Strophen als Proviant mit in den Alltag. Lassen Sie das Wort Christi reichlich bei sich wohnen. Summen Sie ein Lied beim Kochen. Hören und singen Sie ein Lobpreislied im Auto. Singen Sie ein altes Kirchenlied unter der Dusche.
Vor allem aber: Lasst uns als EMK Adliswil weiterhin mutig, kräftig und bescheiden ‘zäme singe’! Denn wenn wir das tun, verschmelzen nicht nur unsere Stimmen, sondern auch unsere Herzen rücken zusammen. Amen.
**********************************
Anhang I
Singen ist Wellness pur für Seele und Körper. Durch viele Studien belegt sind u.a. folgende Gründe:
- Hormon-Cocktail (Glücksgefühle pur): Beim Singen schüttet das Gehirn einen Mix aus Botenstoffen aus, welche der Stimmung sofort gut tun.
- Fitnesstraining für die Lunge: Weil man beim Singen tiefer in den Bauch atmet, wird das Blut mit mehr Sauerstoff angereichert. Ausserdem wir die Atemmuskulatur gestärkt.
- Boost für das Immunsystem: Forscher:innen in Frankfurt haben nachgewiesen, dass Singen die Abwehrkräfte stärkt.
- Aktivierung des Vagusnervs: Der ‚Ruhenerv‘ des Körpers verbindet das Gehirn mit fast allen Organen. Er wird beim Singen stimuliert und das signalisiert dem Körper: „Alles sicher, du kannst dich entspannen!“
- Haltung und Muskulatur:Wer singt, kann nicht zusammensacken. Singen stärkt die Muskulatur und verbessert die Körperhaltung.
Übrigens: Es ist egal, wie gut man die Töne trifft. Der gesundheitliche Effekt ergibt sich aus der körperlichen Betätigung und der Atmung beim Singen.
**********************************
Anhang II
John Wesleys Regeln für den Gesang (1761, im Vorwort zu einer Liedersammlung).
I. Lerne diese Melodien, bevor du irgendwelche anderen lernst; danach magst du so viele lernen, wie du willst.
II. Singe sie genau so, wie sie hier gedruckt sind, ohne sie im Geringsten zu verändern oder zu „verbessern“. Und wenn du gelernt hast, sie anders zu singen, so verlerne es so bald wie möglich.
III. Singe alles. Sorge dafür, dass du dich der Gemeinde so oft wie möglich anschließt. Lass dich nicht durch ein geringes Maß an Schwäche oder Müdigkeit davon abhalten. Wenn es ein Kreuz für dich ist, nimm es auf dich, und du wirst erfahren, dass es ein Segen ist.
IV. Singe kräftig und mit gutem Mut. Hüte dich davor, so zu singen, als wärst du halb tot oder halb eingeschlafen; sondern erhebe deine Stimme mit Macht. Hab jetzt nicht mehr Angst vor deiner Stimme und schäme dich nicht mehr, dass sie gehört wird, als damals, als du die Lieder des Satans sangst.
V. Singe bescheiden. Schreie nicht so laut, dass du über die übrige Gemeinde hinaus oder getrennt von ihr gehört wirst, damit du die Harmonie nicht zerstörst; sondern bemühe dich, eure Stimmen so zu vereinen, dass ein klarer, wohlklingender Gesamtklang entsteht.
VI. Singe im Takt. In welchem Zeitmaß auch immer die Melodie gesungen wird, achte darauf, dabei zu bleiben. Laufe nicht voraus und bleibe nicht zurück; sondern achte genau auf die führenden Stimmen und bewege dich so exakt wie möglich mit ihnen. Und achte darauf, nicht zu schleppen. Diese schleppende Art schleicht sich natürlicherweise bei allen ein, die träge sind; es ist höchste Zeit, sie aus unserer Mitte zu vertreiben und alle zu lehren, im richtigen Takt zu singen.
VII. Vor allem: Singe geistlich. Habe Gott bei jedem Wort, das du singst, vor Augen. Ziele darauf ab, Ihm mehr zu gefallen als dir selbst oder irgendeinem anderen Geschöpf. Um dies zu tun, achte streng auf den Sinn dessen, was du singst, und sieh zu, dass dein Herz nicht vom Klang fortgerissen wird, sondern Gott beständig dargebracht wird. So wird dein Singen derart sein, dass der Herr es hier gutheißt und belohnt, wenn er auf den Wolken des Himmels kommt.
