es geht heute wieder ums Aufbrechen. Um den Segen, der aus Aufbrüchen wächst. Und darum, dass wir oft ins Unbekannte aufbrechen … aufbrechen müssen. Das begeistert mich allerdings selten. Viel lieber breche ich auf, wenn ich weiss, was mich erwartet. Ich gehe gerne zu Freunden, von denen ich weiss, dass sie mir gut tun. Mit dem WoMo starte ich am leichtesten, wenn ich weiss, dass und wo ein Platz reserviert ist. Auch zu pastoralen Diensten breche ich am liebsten auf, wenn ich genau weiss, was von mir erwartet wird. Nur ist das eher die Ausnahme, dass ich in bekannte Gefilde aufbrechen kann. Häufiger sind Aufbrüche mit Unsicherheiten verbunden. Es könnte ja allerhand schief gehen. Es könnte ganz anders herauskommen als geplant. Falls überhaupt ein Plan existiert. Was wird wohl daraus? Nicht selten ist solche Ahnungslosigkeit sogar das dominierende Gefühl beim Aufbruch. Ich weiss zwar, dass ich nicht bleiben kann, sondern gehen muss. Doch wohin? Wie? Wann? Mit Wem? Das ist alles offen. Es ist ein Aufbruch ins Unbekannte.
im heutigen Predigttext tut Mose Fürbitte für Israel. Das passt zum Sonntag ‚Rogate‘ = ‚Betet‘. Das Thema Gebet ist aber nur ein Aspekt des ‚schwierigen‘ Bibeltextes. Es ist die Geschichte vom goldenen Kalb. Sie ist zwar seit Sonntagschulzeiten bekannt. Und doch seltsam, fremd, vielleicht sogar bizarr. Wenn ich das ganze Kapitel 2.Mose 32 lese, geht mir allerlei durch den Kopf:
Wie kamen die Israeliten nur auf die Idee, ein Gottesbild anzufertigen? Und weshalb musste es ein Kalb/Stier sein?
Die Geschichte wirkt zusammengeflickt. Beim Lesen fallen mir Brüche im Erzählfaden auf. Als hätten mehrere daran geschrieben bzw. herumkorrigiert.
Auffällig sind die unterschiedlichen Führungsstile von Mose und Aaron: Aaron agiert populistisch, gibt dem ‚Druck der Strasse‘ nach. Mose aber zieht die Linie hart durch.
Weiter stellt sich die Frage nach der Verhältnismässigkeit der Strafe: Die Leviten haben unter den Tänzern um das goldene Kalb ein Gemetzel angerichtet, natürlich ‚im Namen Gottes‘. – Musste das sein aus Gehorsam gegenüber Gott? Oder war es eine Anmassung, dies im Namen Gottes zu tun?
Bemerkenswert ist schliesslich, wie Mose sich bei Gott für Israel einsetzt und ihn von seinem Vernichtungsbeschluss abbringt.
Es steckt mehr im Text, als in einer Predigt Platz hat. Ich beschränke ich mich auf zwei Aspekte: Zunächst auf die Frage, was es mit dem goldenen Kalb auf sich hat. Was genau ist eigentlich das Problem? Dann auf das Gespräch von Mose mit Gott. Da stecken Impulse zum Thema Gebet/Fürbitte drin.
in der Pfarrerweiterbildung vergangene Woche beschäftigten wir uns mit dem Lob Gottes. Schwerpunktmässig ging es ums Singen. Wir haben Loblieder analysiert und festgestellt, dass viele nur einen kleinen Teil des Spektrums des Christusglaubens abdecken. Wir haben über die Einbettung von Liedern im Gottesdienst nachgedacht. Wir haben gesungen. Neue Lieder probiert. Es war spannend. Inspirierend. Wohltuend. Nachdenklich machte mich der Einstieg. Der Referent fragte ganz harmlos: Warum singen, warum loben wir eigentlich? – Im ersten Moment war da der Gedanke: ‚Was für eine Frage! Ist doch klar!‘ Dann aber ein leises Erschrecken: ‚Ich kann es gar nicht so leicht formulieren!‘ Ist es Tradition? Ist es Pflicht? Schulden wir Gott womöglich Lob? Das würde ja etwas Erzwungenes in die Sache bringen, das nicht passen will. Gott loben hat doch mehr mit Feiern, mit Vertrauen, mit Beziehung zu tun. Warum loben wir Gott? Mir kam die Geschichte von Paulus und Silas in den Sinn, die mitten in der Nacht im Gefängnis Loblieder sangen. Sie lobten Gott, weil sie innerlich frei waren, trotz widerlicher äusserer Umstände. Weil sie Gott vertrauten. Sie fanden im Lob Gottes Freiheit. Und konnten so vielen anderen zumindest eine Erfahrung von Befreiung ermöglichen.
Ich suche heute einen erzählerischen Zugang zur Geschichte, wie sie Apg 16 erzählt. Dabei gehe ich von Philipper 4,1–3 aus. Paulus grüsst dort Leute aus der Gemeinde in Philippi: «Also, meine lieben Brüder und Schwestern, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Siegeskranz: Haltet unerschütterlich daran fest, dass ihr zum Herrn gehört, ihr meine Lieben! Ich ermahne Evodia und ich ermahne Syntyche: Seid euch einig, denn ihr gehört beide zum Herrn. Ja, und dich, treuer Weggefährte, bitte ich: Hilf ihnen dabei! Die beiden Frauen haben gemeinsam mit mir für die Gute Nachricht gekämpft. Sie taten das zusammen mit Klemens und meinen anderen Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen.» — Von Evodia und Syntyche wissen wir nicht mehr, als dass sie sich offenbar immer wieder aneinander rieben. Klemens, so stelle ich mir vor, war der Gefängniswärter von Philippi.
Hier nun also meine Geschichte. Das Gotteslob ist eines ihrer Themen. Aber auch noch allerlei Anderes:
wer von uns hätte gewagt, was David tat? Goliath entgegenzutreten? Sich ihm zu stellen? Es geht heute um Mut. Wir müssen zwar – Gott sei Dank – nicht Mut im Kampf auf Leben und Tod aufbringen. Dennoch: Mutig vorwärts gehen – das soll ein Wert unserer Gemeinde sein. — Ist das auch so? Sind wir wirklich mutig? Nicht oft vielmehr vorsichtig? Zaudernd? Vielleicht sogar ängstlich? Ist es nicht oft eher ein Wunsch oder ein Traum als Wirklichkeit, dass wir mutig vorwärts gehen?
wir glauben hoffnungsvoll. Weil Christus auferstanden ist und so alles, was das Leben einschränkt, überwunden hat, stirbt die Hoffnung nie. Unser Glaube ist voller Hoffnung, macht den Mitmenschen Hoffnung … etc. So habe ich am letzten Sonntag formuliert. Davon nehme ich nichts zurück. Hoffnung soll unseren Glauben prägen und formen. Genau so ist. Die Crux liegt wie so oft bei ‚Richtigkeiten‘ des Glaubens in ihrer Umsetzung: Wie schaffen wir das? Woher nehmen wir die Kraft, hoffnungsvoll zu glauben? Mein Glaube äussert sich oft weniger im Statement: „Ich glaube hoffnungsvoll!“ Sondern im Hilferuf: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!“ (vgl. Mk 9,24) Dann träume ich davon, dass mein Glaube stark wäre, viel stärker, als er oft ist. Nicht, weil ich mal einen Tag lang ein frommer Superheld sein möchte. Auch nicht, weil ich Berge versetzen möchte. Ok, ich ärgere mich manchmal schon, wieviel Sonne die Albiskette Adliswil am Nachmittag und Abend wegnimmt. Aber die Hügel deshalb wegbeten? Da würde ja auch viel verloren gehen…. Doch Spass beiseite: Ich stelle mir vor, dass mit einem stärkeren Glauben Vieles etwas leichter gehen könnte.
von der Tagung ‚Bunt glauben‘ am vorletzten Sa habe ich zwei Sätze mitgenommen. Zunächst: Die Gnade hat das letzte Wort. — Egal wo, egal wie. Die Gnade hat das letzte Wort! Das charakterisiert unseren Glauben. Auch viele andere Ideologien, Philosophien und Religionen kennen Gnade. Aber sie geben der Gnade nicht das letzte Wort. Christ:innen schon: Die Gnade hat das letzte Wort!
Das begründet den zweiten Satz, den ich seit vorletztem Samstag mit mir trage: Wir glauben hoffnungsvoll. Dieser Satz stammt aus einer Arbeit des Bildungszentrums Bienenberg. Sie formulierte in 13 Thesen, wie (wohlgemerkt: Wie, nicht was) Christ:innen heute glauben können. Diese Thesen gruppieren sich in vier Themenbereiche, nämlich: 1. Wir glauben Jesus; 2. Wir glauben gemeinschaftlich; 3. Wir glauben engagiert; und eben – das hat es mir besonders angetan- 4. Wir glauben hoffnungsvoll!
Hoffnung gehört nach Paulus neben Glaube und Liebe zu den grossen, bleibenden drei (vgl. 1. Kor 13,13). Spätestens seit der Auferstehung Christi gehört Hoffnung zum Kern unseres Glaubens. Glaube an Christus ist hoffnungsvoll, macht Hoffnung, steckt andere mit Hoffnung ein. Dabei ist zu unterstreichen: Wir reden hier nicht nur von der Hoffnung auf die Vollendung irgendwann am Ende. Das Bildungszentrum Bienenberg ist renommiert für seine Friedenstheologie, Konfliktforschung und Versöhnungsarbeit. Darum versteht es die Hoffnung diesseitig: Gott will das Beste für die Welt und seine Menschen. Er will diese Welt in einen friedlicheren Ort transformieren. Dafür engagiert er sich … und wir hoffentlich auch.
der Ewigkeitssonntag konfrontiert uns mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit. Das mögen wir zwar nicht, aber es ist wichtig. In Psalm 90,12 bittet einer sogar: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!“ – Auch ausserbiblisch wurde der Gedanke an den Tod in der Antike empfohlen. So gab es im alten Rom folgenden Brauch: Bei Triumphzügen von hohen Offizieren hatte ein Sklave auf dem Triumphwagen zu stehen. Seine einzige Aufgabe bestand darin, dem Geehrten alle paar Minuten ins Ohr zu sagen: „Memento mori!“ Frei übersetzt: „Denk daran, du bist sterblich!“ Vielleicht etwas makaber, aber ein probates Mittel um auch im Triumph am Boden zu bleiben.
wir leben in chaotischen, stürmischen Zeiten. In den Medien jagt eine Hiobsbotschaft die nächste. Es ist schwierig, zuversichtlich oder auch nur einigermassen entspannt zu bleiben, wenn man von Kriegen liest, von Korruption liest oder die Bilder von Überschwemmungen und Stürmen liest.
Vor diesem Hintergrund kann es gut tun, die Geschichte davon, wie Jesus auf dem See Genezareth einen Sturm stillte, zu lesen. Ich gehe heute so an sie heran, dass ich sie wie ein Gleichnis anschaue. Dabei wird die Geschichte zum Bild für unser Unterwegssein im Leben und Glauben: Das Leben gleicht dann einem Boot, unterwegs von einem Ufer zum anderen. Oft kreuzen wir damit Gott sei Dank in ruhigen Gewässern. Dann ist es leicht, darauf zu vertrauen, dass Gott mit uns ist. Doch der See kann rauh und stürmisch werden. Wir haben vielleicht mit Wellen und veritablen Stürmen zu kämpfen. Doch auch dann ist Christus an unserer Seite. Er verliert weder die Übersicht noch das Vertrauen. – Ich lese Markus 4,35–41:
Erntedank-Predigt am 29.09.2024 in der EMK Adliswil
Liebe Gemeinde,
sich Sorgen zu machen, Probleme zu sehen und darüber zu stöhnen fällt vielen oft leicht. Darum sang der deutsche Entertainer Jürgen von der Lippe schon vor bald 40 Jahren: “Guten Morgen liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da? Habt ihr auch so gut geschlafen? Na, dann ist ja alles klar ….
Zur Dankbarkeit hingegen müssen sich viele einen Schupf geben. Und aus Dankbarkeit heraus grosszügig zu teilen ist noch weniger selbstverständlich. Dazu habe ich vorletzte Woche zwei Erlebnisse gemacht:
Wir sind unterwegs, sind Auf dem Weg: Ob tatsächlich auf einer Wanderung oder nicht, ob im Alltag in Beruf, Familie, Freundeskreis und Freizeit. Wir sind auf dem Weg. Auch im Glauben sind wir unterwegs. Wir gehen weiter, können nicht bleiben, wo wir sind, dürfen und müssen uns weiterentwickeln. Auf diesem Weg sind wir zugleich eingeladen und herausgefordert, unterwegs zu Hause zu sein. So habe ich es heute vor einer Woche formuliert.
Unterwegs zu Hause sein kann ich in Beziehungen, mit anderen Menschen und mit Gott. Ich bin auf dem Weg nicht allein, sondern lebe in Beziehung. In der Kommunikation, indem ich gehört, gesehen und angesprochen werde, finde ich Geborgenheit. So kann ich unterwegs zu Hause sein.