In den Abschiedsreden nach Johannes versucht Jesus seine Jüngerinnen und Jünger vorzubereiten: Auf das Unvorstellbare, das in seinem Weg in den Tod geschehen wird. Auf Angst. Auf Trauer. Auf Verzweiflung. Es sind Reden voller Warnhinweise. So zum Beispiel jener in Johannes 16,20: „Amen, ich versichere euch: Ihr werdet jammern und weinen, und die Welt wird sich freuen. Ihr werdet traurig sein; doch ich sage euch: Eure Trauer wird sich in Freude verwandeln.“
Irgendwo am See Genezareth in Galiläa findet ein Empfang statt. Die wichtigen Leute des Dorfes sind eingeladen, ‚natürlich‘ damals ausschliesslich Männer. Dabei ist auch Jesus, der vom Volk so gefeierte Wanderprediger. Man will die Gelegenheit nutzen, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Gastgeber ist Simon, ein Pharisäer. Er ist ein wohlhabender und angesehener Mann. Man sagt ihm echte Frömmigkeit nach.
Plötzlich — der Hauptgang wurde gerade serviert — betritt eine Frau den Festsaal. Sie sucht Jesus und tritt von hinten an ihn heran. Er liegt, wie die anderen auch, auf die Ellbogen gestützt am Tisch. Die Füsse streckt er nach hinten aus.
Was will die Frau bloss hier? Merkt sie nicht, dass sie völlig fehl am Platz ist? Falls ja, ist es ihr egal. Jetzt hat sie ein Fläschchen in der Hand. Es sieht teuer aus. Wie Parfum. Was will sie damit? Ihre Hände zittern. Offenbar will ihr nicht gleich gelingen, was sie vor hat. Und das bringt sie aus der Fassung. Sie weint heftig. Ihre Tränen tropfen Jesus auf die Füsse …
Predigt am Pfingstsonntag, 05.06.2022 in der EMK Adliswil
Copyright: Melissa Askew on unsplash.com
Liebe Gemeinde,
„bist Du eigentlich nicht mehr ganz bei Trost?“ – Es war kein gutes Zeichen, wenn meine Mutter mich das zu fragen müssen glaubte. Dann hatte ich etwas Unerlaubtes, Gefährliches oder Verrücktes vor … oder womöglich schon getan. Laut Duden bedeutet ‚nicht bei Trost sein: Verwirrt sein oder verrückt sein. Ich brauche die Redewendung kaum, würde direkter fragen: ‚Spinnsch eigentlich?‘ oder: ‚Het’s dir is Hirni gschneit?‘Als Redensarten geläufiger sind mir z.B.: Einen Sprung in der Schüssel haben; nicht ganz dicht sein; nicht alle Tassen im Schrank haben …. — Umgekehrt bedeutete ‚bei Trost sein‘: Klar sehen; bei klarem Verstand sein; rational denken können. Seit Jesus am Kreuz gestorben war, waren seine Jüngerinnen und Jünger nicht mehr bei Trost. Die Ostererscheinungen hatten zwar die Trauer überwunden, hatten sie trösten können. Aber sie blieben vorläufig verwirrt. Wie sollten sie sich in der neuen Situation orientieren? Sie blieben unsicher, wussten nicht recht, was und vor allem wie sie es tun sollten.
Predigt in der EMK Adliswil am Sonntag, 01.05.2022
‘
alle paar Jahre einmal fällt wie heute der 1. Mai auf einen Sonntag. Was SchülerInnen und ArbeitnehmerInnen womöglich frustriert (→‘Ausfall‘ eines Feiertags), ist ArbeitgeberInnen vielleicht willkommen. Und ob die Gewerkschaften so mehr oder weniger Mühe haben, Leute für ihre Kundgebungen zu rekrutieren, kann ich nicht beurteilen.
Was machen wir als Kirche, als Christen mit diesem Feiertag, dem ‚Tag der Arbeit‘? Es ist ja kein christlicher Feiertag. Von seiner Entstehung her trägt er vielleicht sogar kirchenkritische und religionskritische Züge. Doch die Anliegen von mehr sozialer Gerechtigkeit, von Annäherung zwischen reich und arm, von ‚gleicher Lohn für gleiche Arbeit‘ etc. müssten auch Kirchen und Christen wichtig sein. Immerhin werden sie von der Bibel deutlich unterstützt.
Predigt in der EMK Adliswil am Ostersonntag, 17.04.2022
‘
der älteste Osterbericht der Evangelien hörte ursprünglich so auf, wie wir es in der Schriftlesung gehört haben: „Da gingen sie (die Frauen) hinaus und flohen weg vom Grab, denn sie waren starr vor Angst und Entsetzen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich“ (Mk 16,8). Darin spiegelt sich etwas davon, wie schwer die Auferstehungsbotschaft zu fassen ist. Sie liegt ja ganz ausserhalb unseres üblichen Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizontes. Ausserdem steckten Jesu JüngerInnen in einer tiefen Depression.
Die letzten Worte, die ein Mensch vor seinem Tod gesagt hat, erhalten in der Erinnerung der Angehörigen gerne ganz besonderes Gewicht. Im Rückblick erscheint bisweilen ein ganzes Lebenswerk darin zusammengefasst. Letzte Worte werden als Vermächtnis zitiert und prägen so die Erinnerung der Nachwelt. — Karfreitag ist der Gedenktag des Sterbens Jesu. Auch von ihm sind letzte Worte überliefert. Alle vier Evangelien zitieren, was er im Sterben zuletzt noch sagte. Sie berichten allerdings nicht das gleiche. Es sind insgesamt sieben letzte Sätze Jesu, die uns überliefert werden. Welcher davon nun tatsächlich der Letzte war, wissen wir nicht. Aber zusammen kann man sie als Vermächtnis Jesu verstehen. Es sind Sätze, die das Geschehen auf Golgatha deuten und dabei verschiedene Aspekte des Heilsgeschehens aufzeigen. Ich will heute diesen sieben letzten Worten Jesus am Kreuz entlanggehen und mich dabei an die Reihenfolge halten, die eine alte kirchliche Tradition vorgibt.
‘wer A sagt, muss auch B sagen!‘ So drücken wir redensartlich aus, dass unser Handeln und Erleben seine Konsequenzen hat. Das gilt auch für den Bereich des Glaubens: Viele, die Jesus begegneten, erfuhren zunächst Zuspruch oder erlebten Heilung. „Dein Glaube hat Dir geholfen!“, sagte er zu vielen. Doch danach ging es weiter. Sie hörten dann auch: „Sündige von nun an nicht mehr!“, oder: „Folge mir nach!“
in den Kriegen zwischen Israel unter König Saul und den Philistern hatten letztere die Bundeslade gestohlen. Der vergoldete Holzkasten, der die Tafeln mit Gottes Geboten enthielt, war der heiligste Besitz des Volkes. Etliche Jahre später kam die Bundeslade zurück nach Jerusalem. 2.Sam 6 erzählt, wie das vor sich ging. Für David, erst seit kurzem König über Israel, war e eine ganz grosse Sache. Er liess es sich nicht nehmen, den Umzug persönlich anzuführen. Bekleidet nur mit einem Priesterschurz, tanzte er den ganzen Weg vor der Bundeslade her. Und zwar nicht gesittet, zurückhaltend, wie es sich für den König geziemt hätte. Sondern voller Hingabe, voller Leidenschaft, oder wie die Lutherbibel übersetzt: „David tanzte mit aller Macht vor dem Herrn her!“ Seiner Frau Michal hingegen war es höchst peinlich, wie David sich – wie sie fand – vor dem ganzen Volk zum Affen machte. Sie schämte sich in Grund Boden. David hingegen erklärte, dass er sich gerne klein machen wolle, solange es der Ehre Gottes diene.
mit Psalm 23 (eben gehörtes bzw. gesungenes Lied) knüpfen wir an, wo wir vor einer Woche aufgehört haben: Der gute Hirte weicht nicht von Deiner Seite, geht Dir nach, begleitet dich … sogar, ja gerade in den dunkelsten und tiefsten Tälern Deines Lebenswegs. DU BIST NIE ALLEIN! Das ist eine der guten Nachrichten Gottes für Dich. Genauso (→ Themen der vorangehenden Sonntage) gilt für Dich: Du bist gewollt und geliebt. — Du bist, so wie du bist, Gottes Bild. – Veränderungen (Wende zum Besseren bzw. Guten) sind möglich. Das ist Evangelium pur! Es gilt. Für dich. Ganz persönlich. Darauf kannst Du Dein Leben, Deine Gedanken, Deine Gefühle, Deinen Glauben abstützen und aufbauen. — Wenn Du das erfahren hast, Feuer gefangen hast für das Evangelium Christi, seiner Botschaft vertrauen willst, dann ist als nächster Schritt wichtig: Begreifen (und danach handeln), dass es nicht nur Dir, sondern allen Menschen gilt. Das Evangelium ist eine zwar sehr persönliche gute Nachricht. Aber sie ist nicht privat. Wir sind beauftragt, die Botschaft mit anderen zu teilen. Wir sollen Menschen begreifen und erleben lassen, dass das Evangelium auch ihnen gilt. Es gibt keine Ausnahme. – Wir sollen ‚frohbotschaften‘ (Ich verzichte auf das belastete und deshalb vor allem ausserhalb der Kirche missverständliche Wort ‚evangelisieren‘). Froh-BotschafterInnen sollen und können wir sein, im Namen und Auftrag Christi.
jeder dritte Haushalt in der Schweiz ist ein Einpersonenhaushalt. D.h. Ende 2020 lebte ein guter Sechstel (→ 17%) der CH-Bevölkerung allein. Ist das nun ein Zeichen, dass Individualismus und Egoismus überhand nehmen? Nicht wenige leben doch freiwillig allein. Oder werden dahinter andere Zusammenhänge sichtbar? Sehr viele wollen nämlich gar nicht allein wohnen. Sondern die Umstände haben sie in diese Situation gezwungen. Weil der Partner bzw. die Partnerin gestorben ist oder zu krank/schwach ist. Weil eine Beziehung in die Brüche gegangen ist. Weil die berufliche Situation nur eine Fernbeziehung oder Wochenendehe erlaubt. Weil man niemanden gefunden hat, mit dem oder der man zusammenleben kann und will … Und sicher ist: Sogar Menschen, die freiwillig und gerne allein wohnen, wollen nicht einsam sein. Ein soziales Netz brauchen und suchen alle. Doch längst nicht immer finden sie das auch. Und dann leiden sie unter Einsamkeit. Die ist schon länger zu einem Massenphänomen geworden. Die Pandemie hat dies noch verstärkt. Aktuell gibt etwa ein Drittel der Menschen, die in der CH wohnen, an, dass sie unter Einsamkeitsgefühlen leiden (Notabene: Das sind fast doppelt so viele wie Alleinlebende!). Besonders gefährdet sind offenbar Jugendliche und SeniorInnen, dazu MigrantInnen. – Einsamkeit oder die Angst davor kennen die meisten Leute. Dennoch ist es ein Tabuthema. Schliesslich: Nur VerliererInnen fühlen sich einsam. Das ist die unausgesprochene, aber weithin dominierende Meinung. – So ist Einsamkeit – auch wegen der Tabuisierung — ein grosses Problem. Man kann sogar von einer Volkskrankheit reden.